Stadtplanung
Schweizer Studie stellt Annahmen zu Hitze und städtischer Dichte infrage
Eine Studie der ETH Zürich zeigt, dass gut geplante, dicht bebaute Quartiere mit gezielt angelegten Grünflächen kühler sein können als weitläufige Siedlungen. Das stellt bisherige Ansätze der Stadtplanung infrage.

Eine wegweisende Studie der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH Zürich) stellt eine lang gehegte Überzeugung der Stadtplanung infrage: dass eine dichte Bauweise Städte zwangsläufig heisser macht. Die von Professor Jan Carmeliet geleitete Forschung zeigt, dass die gezielte Gestaltung von Quartieren und nicht deren Dichte der entscheidende Faktor ist, um die städtische Hitze zu mindern. Diese neue Perspektive legt nahe, dass gut geplante, dicht bebaute Stadtgebiete mit integrierten Grünflächen deutlich kühler sein können als weitläufige, offene Siedlungen. Damit eröffnet sich ein neuer Weg für eine nachhaltige Stadtentwicklung in der Schweiz und darüber hinaus.
Das Dilemma der Dichte: eine falsche Prämisse
Jahrzehntelang gingen Stadtplanerinnen und Stadtplaner, Behörden und Forschende davon aus, dass Verdichtung direkt zu steigenden Temperaturen in Städten führt. Diese Annahme beruht auf früheren Erfahrungen, bei denen Verdichtung bedeutete, Grünflächen zugunsten von mehr Wohnraum zu opfern. Das führte zu weniger thermischem Komfort und mehr Hitzestress. Professor Carmeliet sagt: «In der Vergangenheit bedeutete Verdichtung allzu oft mehr Wohnraum auf Kosten von Grünflächen.» Dieser Zielkonflikt führte zur weit verbreiteten Überzeugung, dass wir die Dichte verringern müssen, um Städte abzukühlen. Carmeliet hält dies jedoch für ein grundlegendes Missverständnis. «Ich forsche selbst zur Verringerung der Hitze in Städten und bin der Meinung, dass diese Annahme falsch ist», sagt er und leitet damit einen Paradigmenwechsel ein.
Der Leitfaden der ETH Zürich: Gestaltung statt Dichte
Der Kern der ETH-Zürich-Studie lautet: «Das Problem ist nicht die Dichte an sich, sondern wie wir sie organisieren.» Der thermische Komfort hängt laut der Studie vom Zusammenspiel dreier zentraler Elemente ab: Schatten durch Gebäude und Bäume, natürliche Durchlüftung und die kühlende Wirkung der Vegetation. Ein dicht bebautes Quartier, das diese Elemente geschickt miteinander verbindet, kann besser abschneiden als ein locker bebautes Quartier, dem dies nicht gelingt. Carmeliet nennt ein konkretes Schweizer Beispiel: «Dicht bebaute Quartiere mit gut platzierten Grünflächen und vielen Bäumen, wie in einigen Gebieten von Genf, können angenehmer sein als offene, aber weniger schattige und schlecht durchlüftete Siedlungen wie Schönberg in Freiburg.» Dafür braucht es einen integrierten, auf das jeweilige Quartier zugeschnittenen Ansatz, der das lokale Klima, den verfügbaren Raum und die vorhandenen Ressourcen berücksichtigt.
Vertiefte Forschung: das SWICE-Projekt
Die Ergebnisse werden durch das SWICE-Projekt gestützt, eine vom Bundesamt für Energie (BFE) unterstützte Forschungsinitiative. Das Projekt untersuchte gezielt die Hitzebelastung in Quartieren von Genf und Freiburg, um zu modellieren, wie sich verschiedene Begrünungs- und Verdichtungsstrategien auf das Wohlbefinden der Bewohnerinnen und Bewohner auswirken. Ein wichtiges Merkmal des Projekts ist die Zusammenarbeit: In sechs «Living Labs» arbeiten Forschende eng mit der Bevölkerung, Behörden, Immobilienverwaltungen und Stadtplanenden zusammen. Mit diesem praxisnahen, kooperativen Ansatz sollen wirksame Strategien gegen städtische Hitze entwickelt und erprobt werden, die auf die besonderen Bedingungen der jeweiligen Gemeinschaft zugeschnitten sind.
Eine klimaresiliente Zukunft für Schweizer Städte
Da die Schweiz darum bemüht ist, die knappe Ressource Boden zu schonen, bleibt die Verdichtung eine Notwendigkeit. Die Forschung der ETH Zürich zeigt einen wichtigen Weg auf, wie sich diese umsetzen lässt, ohne die Lebensqualität zu beeinträchtigen. Die Studie hält fest, dass Verdichtung, wenn sie richtig umgesetzt wird, kein Rückschritt, sondern ein wichtiges Instrument für den Aufbau einer nachhaltigen Zukunft ist. Professor Carmeliet fasst zusammen: «Wenn wir Städte bauen, die nicht nur mehr Wohnraum, sondern auch mehr Schatten, Luft, Grünflächen und Natur bieten, dann ist die Verdichtung kein Rückschritt, sondern ein sinnvoller Schlüssel zu einer klimaresilienten Zukunft.» Diese Vision definiert die Stadtentwicklung neu und bringt den Wohnraumbedarf mit dem dringenden Ziel in Einklang, kühlere und lebenswertere Städte zu schaffen.