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Swiss Observer

Schweizer Start-ups wollen Physical AI zu einer globalen Robotikbranche machen

Schweizer Start-ups entwickeln mit künstlicher Intelligenz gesteuerte Roboter für die Fertigung, Inspektion, das Bauwesen und weitere Branchen. Dabei stehen sie in intensivem Wettbewerb mit Unternehmen aus den USA und China.

Schweizer Start-ups wollen Physical AI zu einer globalen Robotikbranche machen
AISWI swissinfo.ch

Die Schweizer Robotikbranche zählt inzwischen 182 kleine und mittlere Unternehmen. Ihre Maschinen verlassen zunehmend die kontrollierten Vorführungen in Fabriken und kommen im Bauwesen, in der Logistik, bei Inspektionen, der Reinigung und Wartung zum Einsatz. So gelangt künstliche Intelligenz in physische Umgebungen, in denen sich die Bedingungen von Minute zu Minute ändern.

Dieser Wandel hat einen Namen: Physical AI. Die Systeme verbinden Sensoren, mechanische Hardware und KI-Modelle, damit Roboter ihre Umgebung erfassen, Entscheidungen treffen und sich an unbekannte Aufgaben anpassen können. Diese Fähigkeit ist wichtig in Produktionslinien mit unterschiedlichen Gütern, auf Baustellen mit wechselndem Terrain und in gefährlichen Anlagen, in denen Menschen vermeidbaren Risiken ausgesetzt sind.

Schweizer Unternehmen entwickeln humanoide Systeme, autonome Drohnen, selbstfahrende Fahrzeuge und Maschinen für gefährliche Umgebungen. Die Forschungsbasis des Landes verschafft ihnen einen guten Ausgangspunkt. Viele Unternehmen sind aus der ETH Zürich und der EPFL hervorgegangen, deren Labors dazu beigetragen haben, die Schweiz als anerkannten Standort für Robotik und KI zu etablieren.

Der kommerzielle Wettbewerb ist global. US-Technologieunternehmen und chinesische Hersteller können auf grössere Inlandsmärkte, mehr Kapital und eine Produktion in grossen Stückzahlen zurückgreifen. Schweizer Gründerinnen und Gründer müssen deshalb Forschungskompetenz in zuverlässige Produkte, wiederkehrende Einnahmen und internationalen Vertrieb umwandeln. Die nächste Phase wird zeigen, ob die Schweiz dauerhafte Robotikunternehmen aufbauen kann, statt lediglich als Zubringer für Übernahmen durch ausländische Konzerne zu dienen.

Gravis bringt Physical AI auf die Baustelle

Gravis Robotics hat von SoftBank 200 Millionen US-Dollar für automatisierte Baumaschinen erhalten. Das Zürcher Unternehmen entwickelt Erdbewegungsmaschinen und Lader, die zunehmend autonom arbeiten können. Es richtet sich an eine Branche, in der sich Gelände, Materialien und Arbeitsbedingungen ständig ändern.

Die Investition zeigt, wie Schweizer Robotikunternehmen internationales Kapital anziehen können, wenn sie ein klar umrissenes industrielles Problem angehen. Baumaschinen sind im Freien im Einsatz, oft unter staubigen, unebenen und gefährlichen Bedingungen. Automatisierung könnte Bauunternehmen helfen, wiederkehrende Aushub- und Ladearbeiten auszuführen, während qualifizierte Arbeitskräfte Maschinen überwachen, Projekte planen und Ausnahmen bewältigen.

Gravis ist Teil eines breiteren Schweizer Bestrebens, Robotik in bestimmten kommerziellen Umgebungen einzusetzen. Andere Unternehmen arbeiten an Luftaufklärung, der Inspektion von Ölplattformen, der Reinigung von Büros und der Wartung von Rechenzentren. Jede Anwendung stellt andere Anforderungen an Navigation, Sicherheit, Ausdauer und den Umgang mit Menschen.

Die Finanzierung bringt auch eine strategische Herausforderung mit sich. SoftBank wird zu einer bedeutenden Kraft in der Schweizer Robotik, nachdem der Konzern 2025 den Kauf der Robotiksparte von ABB für 5,4 Milliarden US-Dollar vereinbart hat. Ausländische Investitionen können die Entwicklung beschleunigen und internationale Märkte erschliessen. Gleichzeitig können Eigentumsentscheidungen beeinflussen, wo geistiges Eigentum, Produktion und strategische Kontrolle letztlich angesiedelt sind. Schweizer Start-ups müssen das verfügbare Kapital nutzen, um zu wachsen, ohne die Möglichkeit zu verlieren, ihre langfristige Ausrichtung selbst zu bestimmen.

Mimic bringt Robotern neue Produktionsfertigkeiten bei

Mimic Robotics will Robotern beibringen, neue Produktionsfertigkeiten durch Vorführungen von Menschen zu erlernen. Das Zürcher Start-up verbindet menschenähnliche Roboterhände mit Foundation Models. Dadurch können seine Systeme wiederkehrende Aufgaben in der Fertigung und Logistik erledigen, ohne dass sie wie viele herkömmliche Maschinen neu programmiert werden müssen.

Dieser Ansatz zielt auf eines der anhaltenden Hindernisse für die industrielle Automatisierung. Herkömmliche Anlagen können eine klar definierte Tätigkeit schnell und präzise ausführen. Änderungen am Produkt oder am Arbeitsablauf erfordern jedoch oft Entwicklungszeit und eine neue Programmierung. Ein Roboter, der eine Arbeitskraft beobachten, die Aufgabe verstehen und die Fertigkeit auf seine eigenen Bewegungen übertragen kann, könnte die Automatisierung für kleinere Produktionsserien und ein vielfältiges Warenangebot praktikabler machen.

Elvis Nava, Chief Technology Officer von Mimic, sagt, das Unternehmen wolle unabhängig bleiben. «Wir haben eine echte Chance, von Europa aus ein führendes KI-Unternehmen mit Hyper-Scale-Potenzial aufzubauen», sagte er gegenüber SWI swissinfo.ch. «Wir sind gut aufgestellt, um eine viel grössere Rolle zu spielen, als bloss von einem grösseren US-Unternehmen übernommen zu werden.»

Mit diesem Anspruch tritt Mimic in einen anspruchsvollen Wettbewerb ein. Allgemein einsetzbare Robotik erfordert zuverlässige Hände, eine robuste Wahrnehmung, sichere Bewegungen und Modelle, die auch ausserhalb der Trainingsumgebung funktionieren. Kundinnen und Kunden werden das System nach Verfügbarkeit, Genauigkeit und Einsatzkosten beurteilen, nicht allein nach Vorführungen. Mimic muss beweisen, dass flexibles Lernen in Fabriken und Lagerhallen messbare Vorteile bringt.

Ausländisches Kapital stellt die Unabhängigkeit der Schweizer Robotik auf die Probe

Ausländische Käufer verändern die Schweizer Robotiklandschaft bereits. Mit der Übernahme der Robotiksparte von ABB für 5,4 Milliarden US-Dollar im Jahr 2025 gelangte ein bedeutender Schweizer Industriebereich in japanischen Besitz. Anfang 2026 übernahm Amazon das Schweizer Start-up Rivr, das autonome vierbeinige Roboter für die Logistik entwickelt.

Diese Geschäfte verschaffen Gründerinnen und Gründern Zugang zu Kapital, Vertriebsnetzen und grossen Industriekunden. Sie verdeutlichen auch den Druck auf junge Unternehmen, zu wachsen, bevor besser finanzierte Konkurrenten die Führung übernehmen. Ein Start-up kann in der Schweiz einen starken Prototyp entwickeln und dennoch Mühe haben, Zertifizierung, Produktion, Vertrieb und Kundendienst auf mehreren Kontinenten zu finanzieren.

Das Ökosystem des Landes bietet Vorteile. Die ETH Zürich und die EPFL bringen weiterhin Forschungsergebnisse und Spin-offs hervor. Zugleich bieten die Schweizer Fertigungs-, Pharma- und Logistikbranchen anspruchsvolle erste Kunden. Der Ruf der Schweiz für Präzision kann Unternehmen dabei helfen, in Märkten Vertrauen zu gewinnen, in denen ein mechanischer Ausfall hohe Kosten verursacht.

Robert MacKenzie, Venture Partner beim in Zürich ansässigen Unternehmen Ellipsis Venture, ist der Ansicht, Schweizer Gründerinnen und Gründer sollten sich auf gezielte Probleme in der Lieferkette konzentrieren, statt mit Konkurrenten gleichziehen zu wollen, die komplette Robotikplattformen in Massenproduktion herstellen. Diese Strategie setzt auf spezialisierte Maschinen, Software und Komponenten, die Unternehmen weltweit verkaufen können. Die Frage der Eigentümerschaft wird aktuell bleiben, während Investorinnen und Investoren den Wert Schweizer Unabhängigkeit gegen die Geschwindigkeit und Reichweite internationaler Partnerschaften abwägen.

Die Schweiz strebt eine globale Robotikbranche an

Der Weg der Schweiz zu einer globalen Robotikbranche führt über spezialisierte Maschinen, die kostspielige praktische Probleme lösen. Das Land verfügt über Forschungstalente und industrielles Know-how, doch seine Unternehmen stehen Konkurrenten aus den USA und China gegenüber, die über grössere Produktionskapazitäten und mehr Skalierungsmöglichkeiten verfügen.

Die vielversprechendsten Schweizer Unternehmen richten sich auf Umgebungen aus, in denen Präzision und Anpassungsfähigkeit zählen: Baustellen, Produktionslinien, Logistiknetze, Ölanlagen und Rechenzentren. In diesen Märkten sind Systeme gefragt, die sicher mit Menschen arbeiten, wechselnde Bedingungen bewältigen und sich in bestehende Anlagen integrieren lassen. Zudem bieten sie klarere kommerzielle Perspektiven als ein Wettlauf um einen universell einsetzbaren Humanoiden für jede Aufgabe.

Für Arbeitnehmende und Unternehmen in der Schweiz hängen die Auswirkungen davon ab, wie rasch der Einsatz von Versuchen zum Routinebetrieb übergeht. Roboter könnten repetitive oder gefährliche Arbeiten übernehmen und zugleich die Nachfrage nach Technikerinnen und Technikern, Aufsichtspersonal, Softwarefachleuten und Wartungsteams erhöhen. Unternehmen müssen nachweisen, dass die Produktivitätsgewinne die Kosten für neue Ausrüstung, Schulungen und betriebliche Veränderungen rechtfertigen.

Die nächsten Meilensteine sind kommerzieller und nicht rein wissenschaftlicher Art: Folgeaufträge, zuverlässige Leistung und Produktion zu tragbaren Kosten. Mit 182 Robotik-KMU verfügt die Schweiz über eine breite Basis. Ob daraus eine dauerhafte europäische Branche wird, hängt davon ab, ob die Gründerinnen und Gründer die strategische Kontrolle behalten, langfristig orientiertes Kapital anziehen und ihre Lösungen über den Schweizer Markt hinaus verkaufen können.