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Swiss Observer

Schweizer Ständerat stimmt für Aufhebung des Verbots neuer Kernkraftwerke

In einer bedeutenden Neuausrichtung der Energiepolitik hat der Schweizer Ständerat die Aufhebung des Verbots für den Bau neuer Kernkraftwerke gutgeheissen. Damit geht die umstrittene Frage zur weiteren Beratung an den Nationalrat.

Schweizer Ständerat stimmt für Aufhebung des Verbots neuer Kernkraftwerke
AISWI swissinfo.ch

Die Schweiz hat bei ihrer Energiezukunft praktisch die Reset-Taste gedrückt. Mit einem Schritt, der den Kurs von 2017 über den Haufen wirft, hat der Ständerat deutlich dafür gestimmt, das Verbot für den Bau neuer Kernkraftwerke aufzuheben. Das ist eine massive Kehrtwende in der Politik. Mit der Annahme des indirekten Gegenvorschlags des Bundes zur umstrittenen «Blackout-Initiative» hat der Ständerat signalisiert, dass das Zeitalter des Kernkraftverbots abrupt zu Ende geht.

Der Entscheid macht die Strategie rückgängig, die vor weniger als einem Jahrzehnt von 58 Prozent der Stimmberechtigten gutgeheissen wurde und einen schrittweisen Ausstieg aus der Atomenergie vorsah. Seither hat sich die geopolitische Lage jedoch dramatisch verändert. Unter dem Druck der Mitte-rechts-Koalition, darunter SVP, FDP und die Mitte, räumt der Ständerat der Energieunabhängigkeit Vorrang vor der bisherigen Zurückhaltung ein. Die Botschaft an den Nationalrat, an den die Vorlage als Nächstes geht, ist eindeutig: Das Verbot ist überholt, und die Schweiz muss sich alle Möglichkeiten offenhalten, um die kommenden Jahrzehnte zu bewältigen.

Energie für die Zukunft: Die hohen Einsätze der Versorgungssicherheit

Erstaunliche 30 Prozent des Schweizer Stroms stammen derzeit aus nur vier alternden Kernreaktoren. Während Beznau I und II, Gösgen und Leibstadt ihrer absehbaren Ausserbetriebnahme näher kommen, steht das Land vor einer beunruhigenden Rechenaufgabe: Wie lässt sich ein Drittel der Stromversorgung ersetzen, während die Nachfrage rasant steigt? Das Ziel der Klimaneutralität bis 2050 treibt den Strombedarf in bisher nicht gekanntem Ausmass in die Höhe, denn Öl- und Gasheizungen sowie Verbrennungsmotoren werden durch Wärmepumpen und Elektroautos ersetzt.

Die Angst vor Stromausfällen im Winter ist keine theoretische mehr, sie ist der treibende Faktor hinter dieser Gesetzesrevision. Die Politik versucht fieberhaft, die gefährliche Abhängigkeit von importiertem Gas und Strom zu verringern, eine Verwundbarkeit, die der Krieg in der Ukraine schonungslos offengelegt hat. Erneuerbare Energien wie Solar- und Wasserkraft werden zwar ausgebaut, doch Befürworter argumentieren, dass sie die Last nicht allein tragen können. Der Schritt des Ständerats ist eine kalkulierte Wette darauf, dass neue Kernkraftkapazitäten der einzige Weg sind, eine CO₂-arme Grundversorgung sicherzustellen, die das Licht brennen lässt, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht.

Die Fronten verhärten sich: Ein gespaltenes Land

Hier geht es nicht bloss um eine politische Anpassung, sondern um einen ideologischen Stellungskrieg. Die politische Kluft in Bern hat sich vertieft: Die rechte Schweizerische Volkspartei und die Freisinnig-Liberalen haben den Gegenvorschlag mit Nachdruck durchgesetzt, während sich die Linke heftig dagegenstemmt. Die Sozialdemokraten, die Grünen und Umweltorganisationen mobilisieren bereits und kritisieren den Schritt als gefährliches Ablenkungsmanöver. Sie argumentieren, neue Reaktoren seien ein finanzielles Fass ohne Boden, deren Bau Jahrzehnte dauern werde und die wahrscheinlich nicht vor dem entscheidenden Jahr 2050 in Betrieb gehen könnten.

Der Schatten von Fukushima, das den ursprünglichen Ausstiegsentscheid auslöste, liegt weiterhin über der Opposition. Doch die Dringlichkeit der Klimaziele und der Energieautonomie beginnt in den Machtzentren die Sicherheitsbedenken zu überwiegen. Energieminister Albert Rösti hat klar gesagt, dass eine Volksabstimmung wahrscheinlich ist. Die endgültige Entscheidung wird mit ziemlicher Sicherheit wieder dem Schweizer Stimmvolk vorgelegt und damit den Auftakt zu einer der umstrittensten landesweiten Abstimmungen der jüngeren Geschichte bilden. Der Konsens von 2017 ist tot, der neue Kampf um die öffentliche Meinung beginnt jetzt.

Auf Innovation setzen: Das Risiko der SMR

Die Schweiz setzt ihre Hoffnungen auf eine Kerntechnik, die kaum existiert. Die Argumentation für die Aufhebung des Verbots stützt sich stark auf das Versprechen kleiner modularer Reaktoren (SMR), fortschrittlicher Anlagen mit einer Leistung von bis zu 300 MW, die sicherer, günstiger und schneller zu bauen sein sollen als die Betonkathedralen der Vergangenheit. Befürworter stellen sich eine Zukunft vor, in der diese modularen Anlagen die Versorgungslücke gezielt schliessen.

Die Realität sieht jedoch deutlich ernüchternder aus. Weltweit sind derzeit nur zwei SMR in Betrieb, einer in Russland und einer in China. Im Westen sind sie noch in der Planungsphase. Kritiker argumentieren, dass die nationale Energieversorgung auf eine unerprobte Technologie zu stützen, ein leichtfertiges Risiko sei. Der Ständerat hat zwar den rechtlichen Weg freigemacht, doch die technischen und wirtschaftlichen Hürden bleiben enorm. Die Schweiz lässt sich damit faktisch auf einen Wettlauf gegen die Zeit ein und hofft, dass Innovation schneller vorankommt als die Alterung des bestehenden Kraftwerksparks, bevor das Stromnetz an seine Grenzen stösst.