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Swiss Observer

Schweizer Ständerat lehnt Initiative für strikte Neutralität ab

Das Parlament spricht sich gegen ein verfassungsmässiges Sanktionsverbot aus und unterstützt gleichzeitig einen neuen Artikel zur Definition der Neutralität

Schweizer Ständerat lehnt Initiative für strikte Neutralität ab
AISWI swissinfo.ch

Mit einer eindrücklichen Demonstration seiner gesetzgeberischen Macht hat der Schweizer Ständerat die umstrittene Initiative «Wahrung der Schweizer Neutralität» mit überwältigender Mehrheit von 35 zu 8 Stimmen abgelehnt. Dieses klare Votum sendet ein unmissverständliches Signal: Der Ständerat weigert sich, die Schweizer Aussenpolitik mit einem verfassungsmässigen Sanktionsverbot zu fesseln. Die Ablehnung verdeutlicht eine grundlegende Meinungsverschiedenheit in Bern darüber, wie sich das Land in einer zunehmend polarisierten geopolitischen Lage positioniert.

Bei der Abstimmung am Donnerstag, 19. Juni 2025, gab es keine Enthaltungen. Das unterstreicht, wie polarisiert und entschieden die Debatte geführt wurde. Die Ständerätinnen und Ständeräte waren nicht bereit, die starren Beschränkungen der Initiative zu akzeptieren, die eine bestimmte, restriktive Auslegung der Neutralität in der Verfassung verankern wollte. Mit der Ablehnung eines Verbots nichtmilitärischer Zwangsmassnahmen hat der Ständerat der diplomatischen Handlungsfreiheit faktisch Vorrang vor dem von den Befürwortern der Initiative propagierten Isolationismus eingeräumt. Damit behält der Bundesrat die strategische Autonomie, sich bei Bedarf internationalen Partnern anzuschliessen, statt durch die Verfassung zum Schweigen verpflichtet zu sein.

Rechtsnationaler Vorstoss für starre Neutralität scheitert

Die von Pro Schweiz und der rechtsnationalen Schweizerischen Volkspartei (SVP) angeführte Initiative verlangte nichts Geringeres als eine radikale Verfassungsänderung. Ihr Vorschlag forderte eine «immerwährende, bewaffnete Neutralität» und, besonders umstritten, ein umfassendes Verbot sämtlicher nichtmilitärischer Sanktionen. Nach diesem strengen Ansatz wäre es der Schweiz gesetzlich untersagt gewesen, sich an internationalen Sanktionsregimen zu beteiligen, ausser wenn der UNO-Sicherheitsrat dies ausdrücklich genehmigt hätte. Dieses Gremium ist jedoch häufig durch Vetos von Grossmächten blockiert.

Der Vorstoss der SVP zielte darauf ab, eine historische, möglicherweise überholte Form der Neutralität im Fundament des Schweizer Rechts festzuschreiben. Die Ablehnung mit 35 zu 8 Stimmen zeigt jedoch, dass im Parlament nur begrenzte Unterstützung für eine solche Starrheit besteht. Kritiker argumentierten, dass eine Bindung der Schweiz an den UNO-Sicherheitsrat die Schweizer Aussenpolitik faktisch den Launen von Vetomächten wie Russland, China oder den Vereinigten Staaten unterordnen würde. Mit der Ablehnung dieses Modells hat sich der Ständerat gegen eine seiner Ansicht nach gefährliche Einschränkung der Schweizer Souveränität gewehrt, die als Schutzmassnahme getarnt sei.

Parlament schwenkt auf modernisierte Neutralitätsdefinition ein

Das Sanktionsverbot stiess zwar auf eine Mauer, doch der Ständerat gibt die Idee einer Definition der Neutralität in der Verfassung nicht vollständig auf. In einer strategischen Kehrtwende sprach sich eine klare Mehrheit von 27 zu 15 Stimmen für einen Gegenvorschlag aus, der den Verfassungstext modernisieren soll. Dieser Ansatz nimmt das erste Anliegen der Initianten auf, nämlich die Neutralität zu definieren, lässt das umstrittene Sanktionsverbot jedoch weg.

Diese differenzierte Haltung ist ein bedeutender Erfolg für die «starke Minderheit» der Parlamentarierinnen und Parlamentarier in der vorberatenden Kommission, die sich für einen Mittelweg eingesetzt hatten. Sie konnten erfolgreich darlegen, dass die Neutralität zwar in der Verfassung verankert werden sollte, dies aber nicht zulasten der Handlungsfähigkeit der Schweiz auf der Weltbühne gehen darf. Die Zustimmung mit 27 Stimmen deutet auf einen wachsenden Konsens für eine «qualifizierte Neutralität» hin, die Tradition respektiert, ohne die Realitäten der Staatsführung im 21. Jahrhundert auszublenden. Das zeigt, dass die Schweiz bereit ist, ihre Rolle zu definieren, allerdings nach ihren eigenen Vorstellungen und nicht nach den Vorgaben eines starren Isolationismus.

Der Gesetzgebungskampf verlagert sich in den Nationalrat

Das politische Ringen ist noch lange nicht vorbei. Nach dem nun dokumentierten abschliessenden Entscheid des Ständerats geht die Initiative an den Nationalrat, wo sich die Debatte voraussichtlich zuspitzen wird. Der Ständerat hat zwar einen klaren Präzedenzfall geschaffen, doch in der grösseren Kammer könnte sich für die SVP und ihre Verbündeten ein härterer Kampf abzeichnen.

Die kommenden Wochen werden entscheidend sein, wenn die Befürworter der Initiative versuchen, Unterstützung gegen den Entscheid des Ständerats zu mobilisieren. Derzeit liegt der Gegenvorschlag jedoch im Aufwind. Sollte sich der Nationalrat dem Ständerat anschliessen, wäre eine moderne Auslegung der Schweizer Neutralität gefestigt, die politischen und moralischen Handlungsspielraum erlaubt und zugleich die militärische Bündnisfreiheit wahrt. Vorerst ist die Botschaft der kleinen Kammer unmissverständlich: Die Schweiz wird ihre diplomatische Handlungsunfähigkeit nicht in die Verfassung schreiben.