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Swiss Observer

Schweizer Roboterrevolution: Ons Schuhfabrik mit nur einem Roboter

Der Schweizer Laufschuhhersteller On demonstriert einen Durchbruch in der Automatisierung: Eine einzelne Produktionsanlage mit einem Roboter ersetzt eine Produktionslinie mit 300 Mitarbeitenden und ermöglicht die innovative Herstellung von Lightspray-Schuhen.

Schweizer Roboterrevolution: Ons Schuhfabrik mit nur einem Roboter
AISWI swissinfo.ch

Ein Roboter. Drei Minuten. Mehr braucht es nicht, um die traditionelle Hierarchie in der Herstellung auf den Kopf zu stellen. Der Schweizer Laufschuhgigant On hat in Zürich eine Produktionsanlage vorgestellt, die die herkömmliche Fliessbandproduktion überflüssig macht. Während für die Herstellung eines einzelnen Paars herkömmlicher Schuhe die Hände von fast 300 Mitarbeitenden nötig sind, um die Teile zusammenzunähen, zu kleben und zu montieren, schafft Ons neues automatisiertes System dasselbe mit einem einzigen Roboterarm.

Das ist nicht bloss eine schrittweise Verbesserung, sondern eine vollständige Umwälzung des Arbeitsmodells. Caspar Coppetti, Mitgründer von On, sagt ganz offen, dass die Arbeit von Hunderten nun von einer einzigen Maschine erledigt wird. Die Folgen für die Branche sind tiefgreifend. Indem On eine komplexe, arbeitsintensive Lieferkette in einer einzigen autonomen Einheit bündelt, stellt das Unternehmen die Definition der Massenproduktion grundsätzlich infrage. Die Zürcher Anlage ist ein eindrückliches Zeugnis Schweizer Präzision und signalisiert eine Zukunft, in der menschliches Geschick durch unermüdliche Effizienz von Robotern ersetzt wird.

Lightspray: Das Unmögliche möglich machen

Die Technologie hinter dieser Revolution heisst «Lightspray» und kommt ganz ohne Nadel und Faden aus. Der in enger Zusammenarbeit mit dem Industriekonzern ABB entwickelte Roboter sprüht einen durchgehenden, hauchdünnen Kunststofffaden in einer präzisen Spirale direkt auf den Schuhleisten. So entsteht ein nahtloses Obermaterial, das sich sofort mit der Sohle verbindet, ganz ohne Klebstoff, Nähte oder Schwachstellen.

Das Verfahren ergibt einen Schuh, der wie eine zweite Haut sitzt und eine strukturelle Festigkeit bietet, mit der die herkömmliche Herstellung nur schwer mithalten kann. Das Tempo ist rasant: Alle drei Minuten kommt ein vollständig geformter Schuh aus der Anlage. Die additive Fertigung wird hier bis an ihre äussersten Grenzen getrieben. Der daraus entstehende Schuh, der Cloudboom Strike LS, wiegt gerade einmal 170 Gramm. Das ist ein entscheidender Vorteil für Spitzenathletinnen und -athleten, die den Prototyp bei den Olympischen Spielen Paris 2024 trugen. On hat eine Schuhfabrik praktisch in einen 3D-Drucker verwandelt, Abfall vermieden und die Regeln der Materialwissenschaft in Echtzeit neu geschrieben.

Neue Massstäbe beim CO2-Ausstoss

Die Auswirkungen dieser Automatisierung auf die Umwelt sind ebenso eindrücklich wie ihre Geschwindigkeit. On gibt an, dass die CO2-Emissionen im Vergleich zu herkömmlichen Herstellungsmethoden für Schuhe um beachtliche 75 Prozent sinken. Da keine Lieferungen zahlreicher Komponenten, kein Klebstoff und weniger überschüssiges Material nötig sind, bedeutet das Lightspray-Verfahren einen entscheidenden Schritt hin zu einer nachhaltigeren Produktion.

In einer Branche, die häufig wegen ihres grossen CO2-Fussabdrucks und der Abfallmengen kritisiert wird, sind diese Zahlen revolutionär. Die Konstruktion aus einem einzigen Material vereinfacht nicht nur die Produktion, sondern erleichtert auch das Recycling am Ende der Lebensdauer des Produkts erheblich. Während sich die Konkurrenz mit den Emissionen komplexer Lieferketten auseinandersetzt, hat On eine Lösung entwickelt, die die Umweltverschmutzung an der Quelle reduziert. Das ist kein Greenwashing, sondern ein messbarer ingenieurtechnischer Erfolg, der zeigt, dass hohe Leistung und geringe Umweltbelastung sich nicht mehr ausschliessen.

Die Lieferkette zurückholen

Vielleicht am stärksten verändert dieses Vorhaben den Produktionsstandort. «Indem wir statt Hunderten von Mitarbeitenden Roboter einsetzen, können wir lokal und schnell produzieren», sagt Mitgründer Olivier Bernhard. Damit beginnt das Ende der Abhängigkeit der Branche von weit entfernten, langsamen asiatischen Lieferketten. Dank der vollautomatisierten Produktion auf begrenztem Raum in Zürich kann sich On von den Unwägbarkeiten der globalen Logistik lösen.

Der weitere Weg verläuft jedoch nicht reibungslos. Das aktuelle Modell kostet stattliche 360 Franken, und die Ausweitung dieser Technologie von einem Zürcher Labor auf den Weltmarkt bleibt eine grosse Hürde. «Die grosse Herausforderung besteht jetzt darin, die Produktion hochzufahren», räumt Bernhard ein. Der strategische Vorteil ist jedoch unbestreitbar. Gelingt es On, dieses Modell eines «Pop-up-Labors» weltweit zu vervielfältigen, wird das Unternehmen nicht einfach Schuhe verkaufen, sondern ein neues Modell Schweizer industrieller Eigenständigkeit exportieren.