Extremismus
Wie Schweizer Historikerinnen und Historiker die Medienstrategien der extremen Rechten nachzeichnen
Schweizer Historikerinnen und Historiker untersuchen Nachkriegspublikationen der extremen Rechten, um zu verstehen, wie extremistische Bewegungen Narrative aufbauen und Unterstützer mobilisieren. Die Erkenntnisse könnten helfen, die digitalen Kommunikationsstrategien der heutigen extremen Rechten zu erklären.

Die extreme Rechte verbindet alte Publikationsgewohnheiten mit neuer digitaler Reichweite. Am 23. September 2026 untersuchten Schweizer Historikerinnen und Historiker Nachkriegszeitschriften, um zu verstehen, wie extremistische Bewegungen Narrative aufbauen, Netzwerke knüpfen und Unterstützung gewinnen. Ihre Arbeit entsteht zu einer Zeit, in der Akteure der extremen Rechten Instagram, soziale Medien und künstliche Intelligenz nutzen, um eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen, wie Forschende es beschreiben.
Der Zusammenhang wurde am Remigration Summit 2026 an der portugiesischen Küste sichtbar. Vertreterinnen und Vertreter aus Europa und den Vereinigten Staaten diskutierten Ästhetik, Memes, Terminologie und Medienarbeit. Ein Schweizer Aktivist der extremen Rechten sagte dem Magazin Republik, das Treffen sei grösstenteils von der Schweiz aus organisiert worden. Gregory Bovino, der kurzzeitig de facto als Oberbefehlshaber der US-Grenzpolizei fungierte, sprach ebenfalls an der Veranstaltung.
Die Begrifflichkeit des Gipfels klingt nach Online-Kultur. Seine Organisationslogik hat tiefere Wurzeln. Lange bevor Plattformen einen Beitrag innert Sekunden weltweit verbreiten konnten, nutzten Gruppen der extremen Rechten Zeitschriften, um Feindbilder zu definieren, Parolen zu verbreiten und Aktivistinnen und Aktivisten über Grenzen hinweg zu vernetzen. Schweizer Forschende lesen diese Publikationen heute als Zeugnisse politischer Techniken und nicht bloss als historische Kuriositäten. Ihre Erkenntnisse zeigen, wie sich die Kommunikation extremistischer Bewegungen anpasst und zugleich vertraute Methoden bewahrt.
Zeitschriften machten extremistische Publikationen zugänglich
Eine Zeitschrift konnte einem kleinen politischen Kreis eine öffentliche Stimme geben. Die Historikerin Franca Schaad untersucht Zeitschriften aus dem Umfeld der Neuen Rechten, von denen viele ab den 1960er-Jahren in Deutschland und der Schweiz gegründet wurden. Ihr Fokus liegt unter anderem darauf, wie diese Publikationen Männlichkeit darstellten. Das Thema kann aufzeigen, wie Bewegungen sowohl Identität als auch Meinungen prägten.
Das Format spielte eine Rolle. Zeitschriften liessen sich schneller und günstiger als Bücher herstellen und senkten damit die Hürden für politisches Publizieren. Schaad sagt, sie seien Mitte des 20. Jahrhunderts «das spannendste Medium für den politischen Diskurs» gewesen. Eine kleine Organisation brauchte nicht die Unterstützung einer grossen Zeitung oder eines Verlags, um ihre Argumente zu verbreiten. Sie benötigte Beiträge, eine Druckmöglichkeit und ein Netzwerk von Leserinnen und Lesern.
So entstand ein dauerhaftes Kommunikationsmodell. Publikationen konnten zentrale Themen wiederholen, Unterstützern ein gemeinsames Vokabular vermitteln und verstreute Gruppen als Teil einer grösseren Sache darstellen. Forschende der Universität Freiburg und der Hochschule der Künste Bern untersuchen diese historischen Gegenmedien, um solche Verbindungen nachzuzeichnen. Die Arbeit verdeutlicht auch, weshalb die heutigen Online-Kanäle für Extremisten wichtig sind: Sie bewahren die Unmittelbarkeit und Geschwindigkeit des Publizierens im kleinen Rahmen und vergrössern zugleich das potenzielle Publikum.
Die Rechte übernahm den Publikationsstil der Linken
Die Neue Rechte lernte von einer Bewegung, die sie bekämpfte. Die Studentenproteste von 1968 stellten in Deutschland, der Schweiz und anderswo die etablierten politischen und medialen Strukturen infrage. Rechte Gruppen betrachteten die Protestierenden als ideologische Feinde, untersuchten aber zugleich die Methoden, mit denen die Bewegung Aufmerksamkeit erregte.
Schaad sagt, viele rechte Zeitschriften hätten den Do-it-yourself-Stil linker Periodika übernommen. Ihre Seiten enthielten Collagen, Schablonenausschnitte und andere Formen kostengünstiger visueller Gestaltung. Das Erscheinungsbild widerspiegelte sowohl die politische Kultur der Zeit als auch die Technologien, die kleinen Verlagen zur Verfügung standen. Es trug dazu bei, einen Rundbrief oder eine Zeitschrift zu einem Zeichen der Zugehörigkeit zu machen.
Diese Übernahme hatte strategischen Nutzen. Eine unverwechselbare Bildsprache konnte eine Bewegung jung, aufständisch und unabhängig von etablierten Institutionen erscheinen lassen. Sie konnte auch die Behauptung untermauern, die Publikation und ihre Leserschaft würden von den Mainstream-Medien ausgeschlossen. Forschende verwenden den Begriff Gegenmedien für Medienangebote, die sich gegen eine als hegemonial oder elitär dargestellte Medienlandschaft positionieren. Der Begriff wurde auch für progressive Publikationen verwendet, darunter die feministische Westberliner Zeitschrift Courage. In den Händen der extremen Rechten wurde dieselbe Medienhaltung zu einem Instrument für antidemokratische und verschwörungsideologische Narrative.
Die Schweiz bleibt Teil des Netzwerks
Die Schweiz ist als Forschungsstandort und Kommunikationsdrehscheibe Teil der Geschichte. Das Land spielt seit Langem eine Rolle in den Netzwerken der extremen Rechten in Europa, und der Remigration Summit 2026 zeigte, dass diese Verbindung weiterhin relevant ist. Der Bericht eines Schweizer Aktivisten über die Organisation des Gipfels verortet die Schweiz in einem breiteren Ökosystem, das Online-Botschaften, politische Veranstaltungen und internationale Kontakte verbindet.
Die historischen Quellen können nicht jedes Merkmal der heutigen Kommunikation extremistischer Bewegungen vorhersagen. Sie zeigen jedoch, wie Bewegungen mit Wiederholungen, gemeinsamen Formaten und dem Anspruch arbeiten, vom Mainstream ausgeschlossen zu sein. Digitale Plattformen beschleunigen diese Prozesse. Über soziale Medien können Gruppen ohne traditionelle Gatekeeper publizieren, während künstliche Intelligenz zunehmend dabei hilft, Desinformation in grossem Umfang zu produzieren.
Damit wird die Archivforschung für Journalistinnen und Journalisten, Lehrkräfte sowie politische Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger in der Schweiz nützlich. Alte Zeitschriften können wiederkehrende Erzählmuster, visuelle Konventionen und Vernetzungspraktiken sichtbar machen, bevor diese als Memes oder Kurzvideos neu verpackt werden. Das Forschungsprojekt der Universität Freiburg und der Hochschule der Künste Bern bietet dieser Arbeit eine institutionelle Basis. Eine genaue Lektüre der Vergangenheit kann Schweizer Beobachterinnen und Beobachtern helfen zu erkennen, wie eine vermeintlich spontane Online-Kampagne auf jahrzehntelange organisierte politische Publikationstätigkeit zurückgreifen kann.