Wissenschaft
Schweizer Forschung zeigt grossen Einfluss von Pollen auf Wettermuster
Eine bahnbrechende Schweizer Studie zeigt, dass biologische Partikel aus Wäldern den Niederschlag erheblich beeinflussen. Damit stellt sie aktuelle Klimamodelle und Wettervorhersagen infrage.

Aktuelle Wettermodelle weisen grundlegende Mängel auf. Eine bahnbrechende Studie der École polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL) hat einen erheblichen blinden Fleck in der Vorhersage unseres sich wandelnden Klimas aufgedeckt. Seit Jahrzehnten übersehen Meteorologinnen und Meteorologen einen entscheidenden Einflussfaktor für Extremwetter: die biologische Produktion unserer Wälder. Die am Montag in Climate and Atmospheric Sciences veröffentlichte Studie bestätigt, dass Pollen, Bakterien und Pilzsporen nicht bloss Allergien auslösen, sondern auch massgeblich an der Entstehung von Starkregen beteiligt sind.
Die Wissenschaft muss sich nun einer unbequemen Realität stellen. «Angesichts unserer Ergebnisse müssen Wetter- und Klimamodelle biologische Partikel unbedingt berücksichtigen», erklärt Athanasios Nenes von der EPFL. Dabei geht es nicht um eine geringfügige Anpassung, sondern um eine grundlegende Überarbeitung der meteorologischen Vorhersagen. Weil diese Partikel nicht berücksichtigt werden, erfassen heutige Modelle die Komplexität der Sturmentstehung nicht vollständig. Dadurch steigt das Risiko ungenauer Prognosen, gerade jetzt, da extreme Wetterereignisse häufiger werden.
Die unsichtbaren Regenmacher
Wolken entstehen nicht einfach so, sondern durch Wechselwirkungen. Wasserdampf benötigt einen Kern, an dem er kondensieren kann. Lange galten Staub und Russ als die üblichen Verdächtigen, doch Schweizer Forschende haben einen weitaus wirksameren Auslöser identifiziert. Biologische Partikel aus Wäldern, darunter Pollen, Bakterien und Pflanzenmaterial, erweisen sich als besonders effizient bei der Eisbildung in Wolken. Dieser Prozess ist eine entscheidende Voraussetzung für Niederschlag.
Wenn diese mikroskopisch kleinen Partikel aufsteigen, ziehen sie Feuchtigkeit an. Laut der Studie sind solche biologischen Partikel «sehr wirksam» darin, Wassertröpfchen gefrieren zu lassen. Dieses Phänomen steht in direktem Zusammenhang mit der Entstehung extremer Wetterereignisse. Damit wird die in der Klimaforschung verbreitete Vorstellung infrage gestellt, Wälder seien passiv. Unsere Wälder sind nicht nur Kohlenstoffspeicher, sondern aktive Wettergeneratoren: Sie geben genau jene Stoffe ab, die einen bewölkten Tag in einen Wolkenbruch verwandeln können. Die Folgen für die Hydrologie und die Verfolgung von Stürmen sind beträchtlich.
Ein gefährlicher Klimakreislauf
Die Lage spitzt sich zu. Mit der Erwärmung des Planeten geraten wir in eine gefährliche Rückkopplungsschleife. Die EPFL-Forschung zeigt einen entscheidenden Zusammenhang auf: Die globale Erwärmung führt zu einer Zunahme biologischer Partikelemissionen. Höhere Temperaturen bedeuten längere Vegetationsperioden und üppigeres Pflanzenwachstum. Dadurch gelangen wiederum enorme Mengen Pollen und Sporen in die Atmosphäre. Dieser biologische Schub wird noch unbeständigere Wettermuster begünstigen.
Wir stehen vor einer Zukunft, in der die Luft, die wir atmen, zur Stärke der Stürme beiträgt, denen wir ausgesetzt sind. Die Forschenden betonen, dass dieser Faktor gerade jetzt besonders wichtig ist, da sich der Klimawandel beschleunigt. Bleiben die Modelle unverändert, während die biologische Partikelbelastung der Atmosphäre stark zunimmt, wird unsere Fähigkeit, gefährliche Wetterereignisse vorherzusagen, erheblich sinken. Es geht nicht bloss um eine biologische Besonderheit, sondern um einen Mechanismus, der die Unbeständigkeit unseres sich wandelnden Klimas verstärken könnte.
Die unmittelbare Realität in der Schweiz
Das ist keine abstrakte Wissenschaft, sondern geschieht gerade jetzt vor unserer Haustür. Die Schweiz steht am Anfang ihrer bisher stärksten Pollensaison. Wie das Allergiezentrum Schweiz berichtet, sind nach einer kurzen Pause wegen des kühlen Wetters nun Gräserpollen in der Luft. Während Heuschnupfengeplagte zu Antihistaminika greifen, wirken sich die zunehmenden biologischen Partikel gleichzeitig auf die Atmosphäre über den Alpen aus.
Der Zeitpunkt der EPFL-Studie könnte kaum wichtiger sein. Der Böögg hat kürzlich unser Sommerwetter vorhergesagt, und die Pollenkonzentration steigt. Damit ist der Zusammenhang zwischen dem Mikroskopischen und dem Wettergeschehen unübersehbar. Wenn sich die Schweizer Landschaft in diesem Frühling begrünt, müssen wir erkennen, dass die Wälder unter den Wolken über Jura und Alpen diese mitprägen. Die Wissenschaft ist eindeutig: Um das Wetter von morgen zu verstehen, müssen wir auf die Bäume von heute schauen.