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Swiss Observer

Krise im Schweizer Rapsanbau verschärft sich

Wegen Einschränkungen bei der Schädlingsbekämpfung geben Landwirte den Rapsanbau auf. Das gefährdet die inländische Ölproduktion und die landwirtschaftliche Selbstversorgung.

Krise im Schweizer Rapsanbau verschärft sich
AISWI swissinfo.ch

Die ikonischen gelben Felder der Schweiz verschwinden vor unseren Augen. In einer alarmierenden Entwicklung, die die nationale Ernährungssicherheit gefährdet, ist die für den Rapsanbau genutzte Fläche gegenüber 2023 um 11 % eingebrochen. Das ist kein allmählicher Rückgang, sondern ein abrupter und unmittelbarer Einbruch in einem für die Schweiz wichtigen Wirtschaftszweig. Der Schweizerische Getreideproduzentenverband hat Alarm geschlagen und ausdrücklich erklärt, dass dieser Rückgang nicht auf mangelndes Marktinteresse zurückzuführen sei, sondern auf einen regulatorischen Würgegriff, der den Anbau dieser Kulturpflanze nahezu unmöglich mache.

Die Folgen sind gravierend. Raps ist nicht bloss eine malerische Kulisse für Schweizer Postkarten, sondern bildet das Rückgrat der inländischen Speiseölproduktion. Wenn Landwirte gezwungen sind, den Anbau aufzugeben, wird die Selbstversorgung des Landes direkt geschwächt. Der Verband warnt, dass ohne sofortiges Eingreifen das leuchtend gelbe Mosaik, das im Frühling die Schweizer Landschaft prägt, existenziell bedroht ist, und zwar durch eine Politik, die Einschränkungen über die Rentabilität stellt.

Regulatorische Sackgasse: Der Kampf gegen Schädlinge

Eine unablässige Welle von Schädlingen dezimiert die Schweizer Kulturen, und den Landwirten wurden die Mittel zur Bekämpfung genommen. Von der Aussaat im August bis zur Ernte im Juli stehen die Rapspflanzen ständig unter Beschuss. Die Lage auf den Feldern ist brutal: Biologische Methoden versagen komplett. Bio-Rapsöl macht gerade einmal 1 % der gesamten Ernte aus. Ohne wirksame Massnahmen können die Pflanzen schlicht nicht überleben.

Im Zentrum der Kontroverse steht Cyantraniliprol, ein Insektizid, das den Produzenten in Not eine Rettung bieten könnte. Während es in der Europäischen Union zugelassen ist, hat das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) den Antrag auf Zulassung für Schweizer Getreideproduzenten rundweg abgelehnt. Diese regulatorische Abweichung hat die Landwirte schutzlos zurückgelassen. Trotz zahlreicher Forschungsprojekte zur Suche nach chemiefreien Lösungen gibt es keine brauchbare Alternative. Die Branche steckt nun in einer Sackgasse: Die Mittel, die zur Rettung der Ernte nötig wären, sind rechtlich nicht zugänglich. Die Produzenten müssen zusehen, wie ihre Erträge verschwinden.

Doppelstandard bei Importen: Umweltbelastung wird ausgelagert

Die aktuelle Regulierungslage mutet absurd an. Während die Schweizer Behörden den einheimischen Landwirten immer engere Grenzen setzen und bestimmte Pestizide verbieten, importiert das Land gleichzeitig Rapsöl aus Staaten, in denen genau diese Chemikalien und oft sogar deutlich stärkere und giftigere Mittel weiterhin verwendet werden dürfen. Pierre-Yves Perrin, Direktor des Schweizerischen Getreideproduzentenverbands, prangert diesen offensichtlichen Doppelstandard an und bezeichnet die Situation als «absurd».

Diese Politik beseitigt den Einsatz von Pestiziden nicht, sondern verlagert ihn ins Ausland. Sie benachteiligt einheimische Landwirte und belohnt ausländische Konkurrenten, die weniger strengen Umweltstandards unterliegen. Die Schweiz lagert damit ihren ökologischen Fussabdruck aus und zerstört gleichzeitig ihre eigene landwirtschaftliche Unabhängigkeit. Indem das BLV Cyantraniliprol nicht zulässt, einen Wirkstoff, der für unsere Nachbarn in der EU als sicher genug gilt, treibt es einen Keil zwischen die Schweizer Produzenten und den Markt. Die Konsumentinnen und Konsumenten müssen sich dadurch auf Importe verlassen, die paradoxerweise genau gegen jene Grundsätze verstossen, die mit dem inländischen Verbot geschützt werden sollen.

Abwanderung der Produzenten: Eine Branche am Abgrund

Der menschliche Preis dieser Krise zeigt sich in einer dramatischen Abwanderung von Produzenten. Vor drei Jahren bauten in der Schweiz 6'400 Landwirte Raps an, heute sind es nur noch 5'600. Innerhalb erstaunlich kurzer Zeit haben wir 800 Produzenten verloren, mehr als 12 % der Erwerbstätigen in diesem Bereich. Das ist keine Schwankung, sondern ein Vertrauensverlust. Landwirte handeln vernünftig. Man kann nicht erwarten, dass sie Kulturen anbauen, die Schädlingen zum Opfer fallen, während ihnen die Behörden die Hände binden.

Der Schweizerische Getreideproduzentenverband räumt ein, dass es ihm schwerfällt, Wege zu finden, die Produzenten zum Weitermachen zu motivieren. Der Markt für Rapsöl ist vielversprechend und die Nachfrage hoch, doch die inländische Lieferkette bricht auseinander. Wenn das BLV seine Richtlinien nicht lockert und sie nicht an die europäischen Standards angleicht, wird die Abwanderung zunehmen. Die Schweiz steht am Scheideweg: Entweder ermöglicht sie ihren Landwirten, ihre Kulturen zu schützen, oder sie muss hinnehmen, dass «Schweizer Rapsöl» zu einem Relikt der Vergangenheit wird.