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Swiss Observer

Schweizer Bahnen setzen auf umweltfreundlichen Gleisunterhalt

Die Schweizerischen Bundesbahnen testen eine innovative pflanzenbasierte Lösung als Ersatz für Herbizide entlang der Gleise. Nach einem fünfjährigen Versuch zeigen sich vielversprechende Ergebnisse.

Schweizer Bahnen setzen auf umweltfreundlichen Gleisunterhalt
AISWI swissinfo.ch

Die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) treiben einen grundlegenden Wandel im Infrastrukturmanagement voran und sagen synthetischen Herbiziden den Kampf an. Nach einem sorgfältigen fünfjährigen Versuch bestätigt eine bahnbrechende Studie, dass pflanzenbasierte Lösungen nicht bloss ein Wunschtraum sind, sondern Glyphosat tatsächlich ersetzen können. Diese Initiative markiert einen entscheidenden Wendepunkt für den Schweizer Verkehr und zeigt, dass Schwerindustrie und ökologisches Verantwortungsbewusstsein miteinander vereinbar sind.

Gemeinsam mit Agroscope und der in Genf ansässigen Hochschule für Landschaft, Ingenieurwesen und Architektur (Hepia) testeten die SBB diesen innovativen Ansatz an sechs strategisch ausgewählten Standorten auf dem Schweizer Mittelland. Das Ziel war klar und ehrgeizig: giftige Chemikalien zu vermeiden, ohne die Sicherheit oder Effizienz eines der meistbefahrenen Schienennetze der Welt zu beeinträchtigen. Das Ergebnis liegt vor und ist vielversprechend. Mit sorgfältig zusammengestellten Saatgutmischungen ebnen die SBB den Weg für ein grüneres und sichereres Netz. Sie zeigen damit, dass die Zukunft des Verkehrs darin liegt, mit der Natur zu arbeiten und nicht gegen sie.

Die Natur als Schutzsystem

Hier geht es nicht einfach ums Gärtnern, sondern um präzise botanische Ingenieursarbeit. Die Anforderungen an die Vegetation entlang der Gleise sind streng und nicht verhandelbar. Damit der Ansatz funktioniert, mussten die ausgewählten Pflanzen eine strenge Checkliste erfüllen: Sie mussten niedrig wachsen, damit Signale gut sichtbar bleiben, flache Wurzeln haben, um den Gleisunterbau zu schützen, und dürfen für die Unterhaltsmannschaften keine Stolpergefahr darstellen. Zudem musste jede eingeführte Pflanze in der Schweiz heimisch sein, damit benachbarte Landwirtschaftsflächen keinen Schaden nehmen.

Agroscope und Hepia entwickelten fünf verschiedene Saatgutmischungen, die auf diese strengen Anforderungen zugeschnitten sind. Die Strategie setzt auf Verdrängung durch Konkurrenz. Indem die SBB einen dichten Teppich aus «sicheren», heimischen Pflanzen anlegen, halten sie problematische Unkräuter wirksam zurück, die sonst chemisch bekämpft werden müssten. Dieser vorausschauende Ansatz macht aus dem Gleisunterbau eine aktive biologische Schutzschicht statt einer passiven Fläche. So wird die Infrastruktur gesichert und zugleich das empfindliche ökologische Gleichgewicht der Schweizer Landschaft respektiert.

Mehr Biodiversität entlang der Gleise

Die Versuchsdaten sind äusserst beeindruckend. Zwei der speziell entwickelten Saatgutmischungen erreichten auf geeigneten Böden eine Bodenbedeckung von mehr als 70 Prozent und verdrängten damit unerwünschte Vegetation wirksam. Die Vorteile gehen jedoch weit über die Unkrautbekämpfung hinaus. Die Versuche zeigten einen deutlichen Anstieg der lokalen Biodiversität: Pro Standort kamen durchschnittlich fünf Arten hinzu.

Die ausgesäten Arten erwiesen sich als konkurrenzfähiger als spontan aufkommende Pflanzen und unterdrückten erfolgreich invasive Neophyten, die die Schweizer Biodiversität bedrohen. Zudem bietet die grüne Bedeckung einen wichtigen Klimavorteil: Sie senkt die Bodentemperaturen entlang der Bahndämme. Dieser Kühleffekt verbessert die Landschaftsqualität und erhöht die Widerstandsfähigkeit gegen Hitze. Das ist entscheidend, während sich die Klimabedingungen in der Schweiz verändern. Die Bahngleise sind nicht länger bloss Verkehrskorridore, sondern entwickeln sich zu vielfältigen, funktionierenden Ökosystemen.

Der Aufwand für den Unterhalt bleibt

Die ökologischen Erfolge sind unbestreitbar, doch die SBB begegnen den Herausforderungen, die vor ihnen liegen, mit Pragmatismus. Der ökologische Wandel ist keine Lösung nach dem Motto «pflanzen und vergessen». Die Studie kommt zum Schluss, dass die Begrünung eine realistische Alternative zu Herbiziden ist, den Arbeitsaufwand aber nicht verringert. Der Unterhaltsbedarf bleibt hoch. Es ist weiterhin ständige Aufmerksamkeit nötig, damit Kletterpflanzen wie Efeu und Brombeeren keine Fahrleitungen oder die Stabilität der Gleise gefährden.

Die künftige Bewirtschaftung der Schweizer Bahnstrecken wird wahrscheinlich auf einem kombinierten Modell beruhen. Agroscope empfiehlt eine durchdachte Kombination aus mechanischen, chemischen und biologischen Methoden, um langfristige Nachhaltigkeit sicherzustellen. Der Traum einer vollständig unterhaltsfreien Bahn bleibt unerfüllt, doch die Abkehr von der Abhängigkeit von Glyphosat ist ein grosser Schritt nach vorn. Die Schweiz setzt einen neuen globalen Massstab und zeigt, dass selbst die grösste Infrastruktur mit Innovation und Einsatz umweltschonend betrieben werden kann.