Infrastruktur
Schweizer Bahnen erreichen 82 % Barrierefreiheit für Fahrgäste mit eingeschränkter Mobilität
Das Bundesamt für Verkehr meldet erhebliche Fortschritte bei der Anpassung von Bahnhöfen: 1'132 Bahnhöfe sind nun für Menschen mit eingeschränkter Mobilität zugänglich.

Erstaunliche 82 % der Bahnreisenden in der Schweiz sind inzwischen barrierefrei unterwegs. Dies markiert einen entscheidenden Wandel in der Verkehrsinfrastruktur des Landes. Das Bundesamt für Verkehr (BAV) bestätigte am Mittwoch, dass das Schweizer Bahnnetz 1'132 von 1'800 Bahnhöfen erfolgreich angepasst hat und damit ein inklusiveres Umfeld für Reisende mit eingeschränkter Mobilität schafft. Das ist nicht bloss eine kleine Anpassung, sondern eine grundlegende Neugestaltung der Art und Weise, wie sich die Schweiz fortbewegt.
Allein im vergangenen Jahr trieben die Behörden die Arbeiten mit Nachdruck voran und schlossen die Anpassungen an 43 Bahnhöfen ab. Diese Umbauten sind in einem Land von zentraler Bedeutung, das stolz auf die Effizienz und Allgemeinzugänglichkeit seines öffentlichen Verkehrssystems ist. Die Botschaft ist klar: Die Zeit des nicht barrierefreien Reisens geht rasch zu Ende. Die Arbeiten sind zwar körperlich anstrengend und logistisch komplex, doch die grosse Zahl abgeschlossener Umbauten zeigt ein starkes Engagement für soziale Inklusion. Auf Fahrgäste, die einst vor herausfordernden Treppen und schmalen Perrons standen, warten nun niveaugleiche Einstiege und modernisierte Anlagen. Das verändert ihren täglichen Arbeitsweg und ihre Selbstständigkeit grundlegend.
Verpasste Frist und Wettlauf zum Aufholen
Trotz der aktuellen Dynamik kämpft der Bahnsektor mit den Folgen eines erheblichen Versäumnisses: der verpassten gesetzlichen Frist von 2023. Das Behindertengleichstellungsgesetz von 2002 schrieb vor, dass die Anpassungen der Infrastruktur bis Ende 2023 abgeschlossen sein mussten. Diese Frist verstrich jedoch, und Hunderte von Bahnhöfen erfüllten die Vorgaben weiterhin nicht. Die Bahnunternehmen mussten sich dieser Verzögerung direkt stellen und verwiesen auf einen erheblichen Personalmangel sowie auf zu wenig Zeit, um einen derart umfangreichen Umbau innerhalb der ursprünglichen Frist umzusetzen.
Die Spannung zwischen gesetzlichen Vorgaben und logistischen Realitäten ist spürbar. Das Gesetz verlangte Massnahmen «sofern diese Anpassungen verhältnismässig waren», doch die Verzögerung hat in der Branche den Handlungsdruck erhöht. Der Bericht des BAV zeigt ein System, das den Rückstand aufzuholen versucht und dabei mit personellen Engpässen kämpft, während es ein vor über zwei Jahrzehnten gegebenes Versprechen einzulösen versucht. Dabei handelt es sich nicht bloss um ein administratives Versäumnis: Für Fahrgäste mit Behinderungen wurde der Gesellschaftsvertrag vorübergehend verletzt, weshalb die derzeitigen Modernisierungsarbeiten mit Nachdruck vorangetrieben werden müssen.
Der Weg bis 2028: Die Lücke schliessen
Mit Blick auf die Zukunft hat sich die Bahnbranche ein neues, ehrgeiziges Ziel gesetzt: Bis 2028 sollen weitere 186 Bahnhöfe umgebaut werden. Dieser umfangreiche Ausbauplan soll den Anteil der Fahrgäste, die barrierefrei reisen können, auf beachtliche 88 % erhöhen. Die Strategie ist klar: stark frequentierte Verkehrsknotenpunkte sollen vorrangig angepasst werden, um die Wirkung zu maximieren, während die Liste der nicht vorschriftsgemäss angepassten Haltestellen schrittweise abgearbeitet wird. Das ist ein gewaltiges logistisches Vorhaben, das erhebliche Investitionen und Ingenieurskunst erfordert.
Die nächsten fünf Jahre werden von Bau- und Anpassungsarbeiten geprägt sein. Das Bekenntnis, eine Abdeckung von nahezu 90 % der Fahrgäste zu erreichen, ist eine deutliche Ansage: Die Verzögerungen der Vergangenheit sollen die Zukunft nicht bestimmen. Dieser Fortschritt erfordert jedoch anhaltende Anstrengungen. Der Anstieg von 82 % auf 88 % entspricht den «schwierigen Streckenabschnitten» der Infrastrukturentwicklung. Dabei geht es um Bahnhöfe, deren Anpassung technisch anspruchsvoller sein könnte oder die in schwierigem Gelände liegen. Die Uhr tickt erneut, und diesmal sind die Bahnunternehmen entschlossen, ihre Zusagen einzuhalten.
Die ungelöste Realität auf dem Land
Eine ernüchternde Realität bleibt jedoch bestehen: Selbst nach den Arbeiten bis 2028 werden 312 Bahnhöfe weiterhin ungeeignet sein. Dadurch bleibt im Schweizer Verkehrsnetz eine Kluft bestehen, denn ländliche oder wenig frequentierte Bahnhöfe könnten unter dem Deckmantel der «Verhältnismässigkeit» zurückbleiben. Während die grosse Mehrheit der Bevölkerung von modernisierten Verkehrsknotenpunkten profitieren wird, stehen diese 312 Bahnhöfe für die hartnäckige letzte Lücke bei der Barrierefreiheit, die mit den aktuellen Plänen nicht geschlossen wird.
Diese Lücke wirft grundlegende Fragen zur Gleichbehandlung bei öffentlichen Dienstleistungen auf. Eine Abdeckung von 88 % der Fahrgäste zu erreichen, ist zwar ein Erfolg der Ingenieurskunst und der Politik, doch hinter dem verbleibenden Anteil stehen konkrete Menschen in bestimmten Gemeinden, die weiterhin auf Hindernisse stossen werden. Während die Schweiz einer inklusiveren Zukunft entgegengeht, dürfte das Schicksal dieser nicht aufgerüsteten Bahnhöfe für Interessenvertretungen von Menschen mit Behinderungen zu einem zentralen Thema werden. Das Gleichgewicht zwischen wirtschaftlicher Tragbarkeit und allgemeinem Zugang bleibt eine heikle, ungelöste Spannung im Herzen der am stärksten bahnorientierten Nation Europas.