Verteidigung
Schweizer Öffentlichkeit befürwortet angesichts globaler Spannungen engere Zusammenarbeit mit der NATO
Die Studie «Sicherheit 2025» zeigt, dass 81 % der Schweizerinnen und Schweizer engere Sicherheitsbeziehungen zum Westen befürworten. Angesichts internationaler Unsicherheiten deutet dies auf eine Abkehr von der traditionellen Neutralitätshaltung hin.

Erstaunliche 81 % der Schweizerinnen und Schweizer beurteilen die weltpolitische Lage inzwischen als äusserst unsicher. Damit bestätigt sich, dass die Zeit der behaglichen Isolation praktisch vorbei ist. Die neueste Studie «Sicherheit 2025» der ETH Zürich zeichnet das Bild eines Landes, das sich mit einer harten Realität auseinandersetzen muss. Während die Schweizerinnen und Schweizer ihre Alpen-Grenzen historisch als undurchdringliche Schutzwälle betrachtet haben, hat sich die öffentliche Meinung stark verändert. Der Optimismus im Hinblick auf die Zukunft der Schweiz ist um 10 Prozentpunkte auf nur noch 69 % gesunken. Dieser deutliche und alarmierende Rückgang signalisiert eine Vertrauenskrise gegenüber dem Status quo.
Das ist keine vorübergehende Stimmungsschwankung, sondern ein struktureller Wandel im nationalen Selbstverständnis. Das allgemeine Sicherheitsgefühl ist um sechs Punkte auf 86 % gesunken. Nach internationalen Massstäben scheint dieser Wert zwar hoch, doch für die Schweizerinnen und Schweizer, die Sicherheit als ein zentrales nationales Gut betrachten, ist dieser Rückgang erheblich. Die Daten zeigen eine Bevölkerung, die zunehmend pessimistisch und wachsam ist und sich deutlich bewusst wird, dass die Stürme jenseits der Landesgrenzen nicht länger ignoriert werden können. Die Schweizerinnen und Schweizer erkennen, dass Neutralität in einer Welt, die ihnen zunehmend unsicher erscheint, keine Immunität garantiert.
Die NATO-Neuausrichtung: eine historische Neuausrichtung
In einem Schritt, der vor zehn Jahren undenkbar gewesen wäre, befürwortet nun eine Mehrheit von 53 % der Bevölkerung ausdrücklich eine Annäherung an die NATO. Das ist nicht bloss eine statistische Schwankung, sondern ein tiefgreifender Wandel in der aussenpolitischen Ausrichtung der Schweiz. Während weltweit Konflikte aufflammen, richten sich die Schweizerinnen und Schweizer pragmatisch nach Westen aus, um Schutz zu suchen. Noch auffälliger ist die zunehmende Bereitschaft zu einem Vollbeitritt: 32 % der Befragten können sich inzwischen einen vollständigen NATO-Beitritt vorstellen, zwei Prozentpunkte mehr als im Vorjahr.
Diese Neuausrichtung geht zulasten traditioneller Strategien der «Soft Power». Die Studie weist auf eine wachsende Ernüchterung gegenüber der Vermittlung in Konflikten und der Entwicklungshilfe hin, die an öffentlicher Zustimmung verlieren. Die Botschaft der Wählerschaft ist klar: In einer Welt, in der harte Macht zählt, gelten diplomatische Umgangsformen nicht länger als ausreichender Schutz. Die Schweizer Öffentlichkeit signalisiert, dass sie konkrete Sicherheitsgarantien einer abstrakten Neutralität vorzieht und Überleben und Bündnisse höher gewichtet als den einsamen Weg der Vergangenheit.
Die Alpen rüsten auf: Verteidigungsausgaben steigen
Die Schweizerinnen und Schweizer sind bereit, so viel Geld wie seit dem Kalten Krieg nicht mehr für die Verteidigung auszugeben. Die Unterstützung für höhere Militärausgaben ist auf den höchsten Stand seit 1986 gestiegen: 24 % der Bevölkerung verlangen zusätzliche Mittel für die Armee. Das ist eine deutliche Abkehr von der jahrzehntelangen finanziellen Zurückhaltung gegenüber dem Militär. Überwältigende 80 % der Befragten halten die Armee inzwischen für «absolut» oder «eher notwendig» und bekräftigen damit ihre Rolle als unverzichtbare Säule der staatlichen Souveränität.
Diese Bereitschaft, mehr Geld auszugeben, geht mit einer entschiedenen Verteidigung des Milizsystems einher. Trotz des Wandels der Kriegsführung unterstützen 60 % weiterhin das traditionelle Modell der Bürgerarmee. Die Daten deuten darauf hin, dass die Schweizerinnen und Schweizer ihre Verteidigung nicht vollständig auslagern wollen, sondern bereit sind, mehr zu bezahlen, damit die eigenen Streitkräfte leistungsfähig, modern und einsatzbereit sind. Die Ära der «Friedensdividende» ist vorbei: Die Schweizerinnen und Schweizer rüsten sich mental und finanziell für ein gefährlicheres Jahrzehnt.
Der Niedergang der absoluten Neutralität
Das Herzstück der Schweizer Identität, die Neutralität, verliert zunehmend an Zustimmung. Zwar liegt diese mit 87 % weiterhin hoch, doch der Wert täuscht: Er liegt volle 10 Prozentpunkte tiefer als vor dem Einmarsch in die Ukraine. In der öffentlichen Meinung wird derzeit darum gerungen, was es bedeutet, «neutral» zu sein. 40 % der Bevölkerung betrachten enge wirtschaftliche und politische Beziehungen inzwischen als Hindernis für eine konsequente Neutralität. Das offenbart einen tiefen inneren Konflikt zwischen wirtschaftlicher Realität und politischer Ideologie.
Die Befragten sind sich uneinig darüber, ob die Schweiz in globalen Konflikten eine klare politische Haltung einnehmen soll. Der Konsens bröckelt. Eine Mehrheit befürwortet weiterhin die militärische Neutralität, doch die politischen und wirtschaftlichen Dimensionen sind zunehmend umstritten. Während sich die Schweizerinnen und Schweizer der NATO und westlichen Sicherheitsstrukturen annähern, wird das Konzept der «integralen Neutralität» ausgehöhlt und durch eine flexiblere, wenn auch umstrittene Auslegung ersetzt, die Sicherheit gegenüber strikter Bündnisfreiheit priorisiert.
Pflicht neu definiert: Ruf nach einem allgemeinen Dienst
Die Schweiz steht vor einer radikalen Modernisierung ihres Dienstmodells. Eine deutliche Mehrheit von 67 % der Bevölkerung unterstützt inzwischen ein Modell des «Dienstes für alle», das einen obligatorischen Dienst für Männer und Frauen vorsieht. Das vorgeschlagene System bietet die Wahl zwischen Militär-, Zivil- oder Sozialdienst und entspricht einem modernen Verständnis des Beitrags zur Gesellschaft. Die Unterstützung für die traditionelle Wehrpflicht nur für Männer nimmt deutlich ab, während eine wachsende Minderheit von 47 % ausdrücklich dafür ist, die Wehrpflicht auf Frauen auszuweiten.
Dieser Wandel bedeutet eine grundlegende Neudefinition der Bürgerpflicht in der Schweiz. Er führt über die geschlechtsspezifische Geschichte des Milizsystems hinaus und hin zu einer allgemeinen Verpflichtung gegenüber dem Staat. Während das Sicherheitsgefühl sinkt, wächst die Bereitschaft, persönlich zur Widerstandsfähigkeit des Landes beizutragen. Die Schweizerinnen und Schweizer signalisieren, dass in einer zersplitterten Welt alle Verantwortung für die nationale Sicherheit und den gesellschaftlichen Zusammenhalt tragen müssen, unabhängig vom Geschlecht.