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Swiss Observer

Schweizer Regierung schlägt Erhöhung der Mehrwertsteuer zur Finanzierung höherer Verteidigungsausgaben vor

Unter Berufung auf die verschärfte Bedrohungslage in Europa plant die Schweizer Regierung, die Mehrwertsteuer ab 2028 vorübergehend um 0,8 Prozentpunkte zu erhöhen, um eine erhebliche Stärkung der Verteidigungsfähigkeit des Landes zu finanzieren.

Schweizer Regierung schlägt Erhöhung der Mehrwertsteuer zur Finanzierung höherer Verteidigungsausgaben vor
AISWI swissinfo.ch

Die Zeit der bequemen Selbstzufriedenheit ist offiziell vorbei. Unter Berufung auf eine alarmierende Verschlechterung der europäischen Sicherheitsarchitektur hat die Schweizer Regierung einen entschlossenen Plan vorgestellt: Ab 2028 soll die Mehrwertsteuer um 0,8 Prozentpunkte erhöht werden. Dabei handelt es sich nicht bloss um eine fiskalische Anpassung, sondern um eine direkte Reaktion auf einen drohenden geopolitischen Sturm. Der Bundesrat warnt ausdrücklich, Russland könnte innerhalb von zwei Jahren über die Ukraine einen gross angelegten Angriff auf Europa vorbereiten. Dieses Szenario lässt die Illusion schweizerischer Unverwundbarkeit zerbrechen.

Die Schweiz kann sich nicht länger allein auf den Schutzschirm ihrer Nachbarländer verlassen. Während die NATO mit eigenen internen Schwächen ringt, ist der Bundesrat der Ansicht, das Land müsse «deutlich mehr Verantwortung für die eigene Verteidigung übernehmen». Die Regierung stellt sich der Realität der «hybriden Konfliktführung» unmittelbar. Die vorgeschlagene Steuererhöhung markiert eine entscheidende Abkehr von passiver Neutralität hin zu aktiver Befestigung. Sie signalisiert der Welt und der eigenen Bevölkerung, dass Sicherheit im 21. Jahrhundert ihren Preis hat.

Das Zahlenspiel: Mehr aus dem «Allzweckinstrument» herausholen

Die finanziellen Eckwerte dieses Vorschlags sind klar. Die Regierung will den regulären Mehrwertsteuersatz von derzeit 8,1 Prozent auf einen neuen Höchststand von 8,9 Prozent anheben. Dieses «Allzweckinstrument» der Schweizer Wirtschaft ist bereits ein Schwergewicht: Jährlich fliessen damit satte 28 Milliarden Franken in die Bundeskasse, was fast einem Drittel des gesamten Budgets von 90 Milliarden Franken entspricht. Mit dieser Erhöhung der Konsumsteuer will der Staat die Milliarden einnehmen, die nötig sind, um die Armee über einen Zeitraum von zehn Jahren zu modernisieren.

Während der Normalsatz auf Konsumgüter erhoben wird, werden die Auswirkungen in der gesamten Wirtschaft spürbar sein. Der Vorschlag behält jedoch die differenzierte Struktur des Schweizer Steuersystems bei: Ein reduzierter Satz von 2,6 Prozent gilt weiterhin für wichtige Güter des täglichen Bedarfs wie Lebensmittel und Medikamente, und für die Hotellerie bleibt der Sondersatz von 3,8 Prozent bestehen. Dennoch stellt die geplante Erhöhung eine erhebliche Veränderung der Fiskalpolitik dar: Die Konsumgewohnheiten der Bevölkerung sollen zur Finanzierung der militärischen Ausrüstung herangezogen werden.

Eine fiskalische Insel: Die Schweiz im Vergleich zu Europas Hochsteuerländern

Selbst mit der geplanten Erhöhung auf 8,9 Prozent bleibt die Schweiz in einem Kontinent mit hoher Steuerbelastung ein fiskalischer Sonderfall. Der Kontrast ist frappant: Während die Schweiz über eine geringfügige Erhöhung diskutiert, liegt der Durchschnitt in der Europäischen Union bei rund 22 Prozent. Nachbarländer wie Deutschland erheben 19 Prozent, während Ungarn mit 27 Prozent die Spitze anführt. Die Schweiz ist eine einsame Insel mit niedrigen Konsumsteuern. Diesen Status schützt sie mit der Schuldenbremse, einem Mechanismus, der die Regierung zwingt, die Ausgaben auf die Einnahmen zu begrenzen.

«Ein Grund für den tiefen Schweizer Satz ist die fiskalische Zurückhaltung der Schweiz», sagt Michele Salvi vom liberalen Thinktank Avenir Suisse. Diese Disziplin hat dafür gesorgt, dass der Schweizer Mehrwertsteuersatz der tiefste in Europa ist und deutlich unter dem verbindlichen EU-Mindestwert von 15 Prozent liegt. Nun stösst dieser einzigartige wirtschaftliche Vorteil jedoch auf die harte Realität des Verteidigungsbedarfs. Die Regierung fordert das Land faktisch auf, einen kleinen Teil dieser fiskalischen Sonderstellung aufzugeben, um sein physisches Überleben zu sichern.

Die demokratische Hürde: Warum die Regierung nicht allein entscheiden kann

Die Regierung hat ihre Schlachtpläne ausgearbeitet, doch in der Schweiz liegt die Macht letztlich beim Volk. Anders als in den Nachbarländern kann der Bundesrat eine Steuererhöhung nicht einfach verordnen. «Jede Steuererhöhung muss vom Volk als Verfassungsänderung genehmigt werden», erklärt Michele Salvi. Diese Garantie der direkten Demokratie stellt sicher, dass die Regierung das Stimmvolk nicht umgehen kann, um kurzfristige Vorhaben oder eine Umschuldung zu finanzieren.

Der weitere Weg ist steinig. Bevor überhaupt eine Abstimmung stattfindet, muss der Vorschlag die parlamentarischen Hürden überwinden. Dort werden bereits die politischen Messer gewetzt. Die linke Sozialdemokratische Partei hat deutlichen Widerstand gegen ein Sonderbudget für die Verteidigung angekündigt, das zulasten anderer Prioritäten ginge. Die Regierung muss nun eine skeptische Öffentlichkeit davon überzeugen, dass die Bedrohung aus dem Osten real genug ist, um dafür tiefer ins Portemonnaie zu greifen. In den kommenden Monaten wird sich die Debatte aus den Sälen des Bundeshauses in die Wohnzimmer des Landes verlagern. Dort fällt schliesslich der Entscheid darüber, was Sicherheit kosten darf.