Pharma
Schweizer Pharmaexporte nach Russland bleiben trotz Konflikt stabil
Schweizer Pharmaunternehmen halten ihre Exporte nach Russland auf stabilem Niveau. Sie verweisen auf ihre Verantwortung für die Patientenversorgung und stehen zugleich wegen des anhaltenden Handels in der Kritik.

Dreieinhalb Jahre nachdem Moskau seinen Angriff auf die Ukraine begonnen hat, fliesst weiterhin Schweizer Medizin in die Russische Föderation, und zwar nicht nur ununterbrochen, sondern mit bemerkenswerter Beständigkeit. Die Schweizer Pharmaindustrie lieferte Russland allein 2024 Waren im Wert von 1,8 Milliarden Franken. Dieser Betrag entspricht im Wesentlichen dem Handelsniveau vor der Pandemie im Jahr 2019. Für die Pharmariesen hat der Krieg die Lieferkette also kaum beeinträchtigt.
Während andere Branchen den Markt verlassen haben oder durch Sanktionen dazu gezwungen wurden, haben Arzneimittel ihre Vormachtstellung ausgebaut. Heute machen diese Produkte satte 80 Prozent aller Schweizer Exporte nach Russland aus, ein deutlicher Anstieg gegenüber dem Anteil von 50 Prozent vor Beginn des Konflikts im Februar 2022. Im Verlauf des Jahres 2025 steuert die Branche darauf zu, die Zahlen des Vorjahres zu erreichen. Damit festigt sich eine Handelsbeziehung, die trotz der geopolitischen Turbulenzen fortbesteht. Russland macht zwar weniger als 2 Prozent der weltweiten Schweizer Pharmaexporte aus, doch die schiere Menge der nach Osten fliessenden Waren unterstreicht eine wichtige und umstrittene wirtschaftliche Lebensader.
Der humanitäre Schutzschild: Pflicht oder Trotz?
Branchenriesen wie Novartis und Roche halten an ihrer Position fest und berufen sich auf ihre humanitäre Verantwortung. Ihre Begründung ist einfach und rechtlich fundiert: Das Völkerrecht und die Schweizer Sanktionen nehmen medizinische und humanitäre Güter ausdrücklich davon aus. «Novartis setzt sich dafür ein, Menschen auf der ganzen Welt Zugang zu Medikamenten zu ermöglichen, unabhängig davon, wo sie leben», erklärte das Unternehmen. Es stelle seine fortgesetzte Präsenz als moralische Verpflichtung und nicht als geschäftliche Entscheidung dar.
Die Branche argumentiert, ein Abbruch dieser lebenswichtigen Versorgung würde nicht den Kreml treffen, sondern die gewöhnlichen russischen Bürgerinnen und Bürger, die auf unverzichtbare Präparate angewiesen sind. Eine Unterbrechung könnte katastrophale Folgen für die Gesundheit der Patientinnen und Patienten haben, warnen die Unternehmen. Diese Haltung ermöglicht es den Schweizer Pharmariesen, sich im komplexen moralischen Spannungsfeld des Krieges zu bewegen: Sie halten die Einnahmen aufrecht und beanspruchen zugleich die moralische Glaubwürdigkeit medizinischer Neutralität. Doch je länger der Krieg dauert, desto stärker gerät dieser «humanitäre Schutzschild» unter Beschuss von Beobachtern, die darin einen bequemen Vorwand für Gewinne sehen.
Kritik an «unethischer» Geschäftspraxis wie bisher
Public Eye, die hartnäckige Schweizer Organisation zur Beobachtung von Unternehmen, weist die Verteidigung der Branche zurück. Oliver Classen, Sprecher der NGO, kritisierte den anhaltenden Handel scharf. Er sagte der Nachrichtenagentur Awp, «auch Schweizer Pharmaunternehmen sollten sich aus Russland zurückziehen». Die Organisation weist die Darstellung zurück, Schweizer Medikamente seien für russische Patientinnen und Patienten die einzige Möglichkeit. Für die unverzichtbaren Medikamente von Roche und Novartis gebe es «genügend Alternativen».
Die Kritik geht über den reinen Export hinaus. Public Eye bezeichnet den Abbruch klinischer Studien bei gleichzeitigem Weiterverkauf der Produkte als unethisch. Wenn Unternehmen blieben, sollten sie nach Ansicht der Organisation nur Produkte liefern, die für die Forschung erforderlich seien. Die NGO wirft der Branche vor, sich hinter der Bezeichnung «unverzichtbare Medikamente» zu verstecken, um ihre Marktanteile in einem international geächteten Staat zu bewahren. Für diese Kritikerinnen und Kritiker ist das anhaltende Handelsvolumen keine humanitäre Mission, sondern ein Versagen unternehmerischen moralischen Muts.
Auf dem schmalen Grat: Strategische Einschränkungen
Während die Exportzahlen hoch bleiben, schrumpft die operative Präsenz der Schweizer Pharmaindustrie in Russland. Roche räumt ein, dass die Aktivitäten «deutlich eingeschränkt» worden seien. Das Unternehmen bestätigt, dass neue klinische Studien ausgesetzt wurden und keine neuen Patientinnen und Patienten mehr in laufende Studien aufgenommen werden. Roche betont, dass das Unternehmen zwar im Einklang mit dem Völkerrecht unverzichtbare Medikamente liefere, aber nicht einfach so weiterarbeite wie bisher. Russland macht mittlerweile rund 1 Prozent des Roche-Umsatzes aus. Damit bleibt das finanzielle Risiko gering, während das Unternehmen weiterhin auf dem Markt präsent ist.
Sandoz und Lonza verfolgen ähnliche Strategien. Sandoz weist darauf hin, dass etwa die Hälfte seiner Produkte in Russland auf der Liste der unentbehrlichen Arzneimittel der Weltgesundheitsorganisation steht, was das humanitäre Argument untermauere. Lonza spricht seinerseits von einer «sehr begrenzten» Beziehung zu Russland und verweist darauf, dass das Unternehmen in der Föderation weder Produktionsstätten noch Büros habe. Mit diesen strategischen Einschränkungen balancieren die Unternehmen auf einem schmalen Grat: Sie halten die Lieferwege offen, um Einnahmen und Ansehen zu sichern, frieren zugleich aber Wachstum und Investitionen faktisch ein, um den Erwartungen des Westens entgegenzukommen.
Das politische Signal: Eine Frage der Mitverantwortung
Letztlich dreht sich die Debatte um die Botschaft, die die Schweiz an die Welt sendet. Public Eye räumt ein, dass Schweizer Pharmaunternehmen gemessen an Umsatz und Marktanteil wahrscheinlich nicht direkt Putins Kriegsmaschinerie finanzieren. Classen argumentiert jedoch, ein vollständiger Rückzug wäre «ein wichtiges politisches Signal an die russische Regierung». Indem die Schweizer Unternehmen blieben, normalisierten sie die Handelsbeziehungen mit einem Aggressorstaat und könnten damit die diplomatische Isolation untergraben, die der Westen durchsetzen wolle.
Während das Jahr 2025 voranschreitet und die Exportzahlen stabil bleiben, befindet sich die Schweiz in einer heiklen Lage. Das Land muss seine traditionelle Haltung der Neutralität und der humanitären Hilfe mit der dringenden Forderung nach einer geschlossenen westlichen Front vereinbaren. Da die Pharmaindustrie mittlerweile den überwiegenden Teil des Schweizer Handels mit Russland ausmacht, ist sie nicht mehr nur eine Wirtschaftsakteurin. Sie ist die wichtigste diplomatische Brücke zwischen Bern und Moskau, zum Guten oder zum Schlechten.