Rente
Schweizer Rentenkrise zwingt Rentnerinnen und Rentner ins Ausland
Immer mehr Schweizer Rentnerinnen und Rentner beziehen ihr Vorsorgekapital und ziehen in Länder mit tieferen Lebenshaltungskosten. Das macht die wachsenden Herausforderungen bei der Finanzierbarkeit des Ruhestands deutlich.

Der Schweizer Traum vom Ruhestand zerbricht. Eine alarmierende Zahl von Rentnerinnen und Rentnern sieht die goldenen Jahre nicht mehr als Zeit der Erholung in den Alpen, sondern als Kampf ums finanzielle Überleben, der sie über die Grenze zwingt. Das ist keine Wahl, sondern wirtschaftliches Exil. Während die Lebenshaltungskosten in der Schweiz hartnäckig hoch bleiben, schwindet für die Arbeiterschaft das Versprechen eines komfortablen Ruhestands.
Die Daten bestätigen einen dramatischen Wandel: 2023 bezogen sage und schreibe 41 Prozent der neuen Rentnerinnen und Rentner ihr gesamtes Kapital aus der zweiten Säule, statt sich für die traditionelle monatliche Rente zu entscheiden. Sie nehmen das Geld und ziehen weiter, häufig nach Südeuropa, wo ihre Schweizer Franken ihnen einen Lebensstandard ermöglichen, der in der Heimat nicht mehr erschwinglich ist. Diese Abwanderung macht einen tiefen Riss im Schweizer Gesellschaftsvertrag sichtbar: Ein ganzes Arbeitsleben in einem der reichsten Länder der Welt garantiert nicht mehr, dass man auch dort seinen Lebensabend verbringen kann.
Überleben nach Zahlen: Wenn die Rechnung zum Wegzug zwingt
Für Marcello Castelli erwiesen sich 45 Jahre Arbeit in der Schweiz als mathematische Unmöglichkeit. Mit 65 rechnete der pensionierte Kellner nach und stand vor einer ernüchternden Realität: In der Schweiz zu bleiben, bedeutete Armut. Mit einem bescheidenen Kapital aus der zweiten Säule von etwas mehr als CHF 100'000, das durch eine Scheidung und Lücken wegen saisonaler Beschäftigung geschmälert worden war, hätte sein monatliches Gesamteinkommen kaum CHF 2'400 erreicht.
«Ich hätte es nicht geschafft», sagt Castelli unverblümt. In der Schweiz bedeutet dieser Betrag, kaum über die Runden zu kommen. Doch mit dem Umzug in seine Heimat Apulien in Italien ändert sich die Rechnung drastisch. Dort kann er mit €1'200 im Monat komfortabel leben, ohne den Gürtel enger schnallen zu müssen. Castellis Geschichte ist kein Einzelfall, sondern steht beispielhaft für eine Generation von Arbeitnehmenden, deren Schweizer Rente mit den Schweizer Preisen nicht vereinbar ist. Er geht nicht, weil er möchte, sondern weil er muss. «Ich fühle mich gezwungen, zu gehen», sagt er mit schmerzhafter Klarheit.
Kollaps im Gastgewerbe: Die Welle der Kapitalbezüge von 80 Prozent
Das Gastgewerbe verliert Rentnerinnen und Rentner in beispiellosem Ausmass. Patrick Nasciuti, Leiter von Gastrosocial, nennt eine schockierende Zahl, die das Ausmass der Krise offenlegt: In der Branche erreicht die Kapitalbezugsquote Spitzenwerte von bis zu 80 Prozent. Das ist ein massiver Vertrauensentzug gegenüber dem monatlichen Rentensystem durch jene, die die Schweizer Tourismusbranche am Leben halten.
Arbeitnehmende im Gastgewerbe sind oft mit saisonbedingten Erwerbsunterbrüchen und tieferen Löhnen konfrontiert, was zu kleineren Vorsorgeguthaben führt. Wenn ihnen eine geringe Monatsrente in Aussicht steht, manchmal nur CHF 300 oder CHF 400, beziehen sie lieber den ganzen Betrag auf einmal. «Sie ziehen es vor, das Kapital zu beziehen ... und vielleicht ins Ausland zu ziehen», sagt Nasciuti. Dieser Trend ist eine direkte Anklage gegen ein System, das saisonal Beschäftigte nicht ausreichend schützt und sie zwingt, ihr Vermögen aufzulösen und ihren Ruhestand ins Ausland zu verlagern, um zu überleben.
Das Ende der monatlichen Rente
Die Ära der garantierten monatlichen Rente geht zu Ende. 2023 entschieden sich nur 40 Prozent der neuen Rentnerinnen und Rentner für die traditionelle volle monatliche Rente aus der zweiten Säule zusätzlich zu ihrer AHV-Rente. Die Mehrheit lässt sich das Kapital auszahlen. Das signalisiert einen tiefgreifenden Vertrauensverlust in die Fähigkeit des Systems, ein existenzsicherndes Einkommen zu gewährleisten.
Gabriele Pinoja, ein führender Versicherungsbroker im Tessin, zeichnet ein düsteres Bild der aktuellen Lage. Er erklärt, dass selbst ein Kapitalbetrag von CHF 200'000 einer monatlichen Rente von rund CHF 1'000 entspricht. Zusammen mit der staatlichen Rente sei das Leben in der Schweiz «fast unmöglich». Diese finanzielle Realität untergräbt das Schweizer Ideal der Stabilität. Während die Inflation zuschlägt und die Lebenshaltungskosten in die Höhe schnellen, finanziert das Schweizer Rentensystem unbeabsichtigt eine Auswanderungswelle und treibt ältere Menschen in Länder, in denen ihre hart verdienten Franken noch Kaufkraft haben.