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Swiss Observer

Kosten des Schweizer Patriot-Systems könnten sich verdoppeln, Lieferung um Jahre verzögert

Die Beschaffung des in den USA hergestellten Patriot-Luftabwehrsystems steht vor erheblichen Rückschlägen. Berichten zufolge könnten die Kosten gegenüber den ursprünglich veranschlagten 2,3 Milliarden Franken deutlich steigen, und die Lieferung könnte sich um fünf bis sieben Jahre verzögern. Das wirft in Bern Fragen auf.

Kosten des Schweizer Patriot-Systems könnten sich verdoppeln, Lieferung um Jahre verzögert
AISWI swissinfo.ch

Der ambitionierte Plan der Schweiz, ihren Luftraum mit amerikanischer Technologie zu schützen, prallt auf die finanziellen und logistischen Realitäten. Die Beschaffung des in den USA hergestellten Patriot-Luftabwehrsystems, einst als Eckpfeiler des Programms «Air2030» gepriesen, steckt nun in einer beispiellosen Krise. Diese droht dazu zu führen, dass der Schweizer Luftraum ein Jahrzehnt lang verwundbar bleibt. Was als strategische Modernisierung begann, hat sich in Bern zu einem politischen Flächenbrand entwickelt. Die Verantwortlichen müssen sich damit auseinandersetzen, dass der wichtigste Schutzschild ausser Sichtweite gerät und die Bundeskasse in alarmierendem Tempo belastet. Die Dringlichkeit ist spürbar: Während die globalen Spannungen zunehmen, hat sich die Schweiz in die prekäre Lage gebracht, Milliarden in ein System investiert zu haben, das möglicherweise erst in den 2030er-Jahren eintrifft. Es geht nicht bloss um eine kleine Budgetüberschreitung, sondern um eine grundlegende Herausforderung für die Schweizer Souveränität und die Effizienz des Bundesamts für Rüstung (Armasuisse).

Kosten steigen stark, Preise verdoppeln sich

Die Zahlen sind enorm: Ein ursprünglich mit 2,3 Milliarden Franken budgetiertes Projekt steuert nun auf Gesamtkosten zu, die fast 4,6 Milliarden Franken erreichen könnten. Armasuisse-Vertreter haben zwar versucht, die extremsten Prognosen herunterzuspielen, mussten aber einräumen, dass die Mehrkosten bereits im Bereich von «50 Prozent plus» liegen. Diese massive Kostensteigerung weicht deutlich von den ursprünglichen Schätzungen des Schweizer Militärs ab und sorgt bei Steuerzahlenden und Parlamentsmitgliedern gleichermassen für Empörung. Die Kosten für die Sicherheit steigen rasant. Gründe dafür sind eine Kombination aus Inflation, zusammengebrochenen Lieferketten und der weltweit hohen Nachfrage nach Hightech-Waffen. Anders als die Schweizer Öffentlichkeit, die von einem Festpreis ausgegangen war, ist die Realität des internationalen Waffenhandels ein harter Schock. Jeder Monat Verzögerung schlägt mit Millionen zu Buche und macht aus dem Patriot-System eine kalkulierte Investition, die sich zu einem möglichen schwarzen Loch für den Bundeshaushalt entwickelt.

Geopolitische Blockade verzögert die nationale Sicherheit

Die Schweiz steht nicht mehr an der Spitze der Warteschlange. Die Lieferung des Patriot-Systems verzögert sich nun um fünf bis sieben Jahre. Grund dafür sind die eskalierenden Konflikte in der Ukraine und im Iran. Da die Vereinigten Staaten aktive Konfliktgebiete und ihre eigenen strategischen Lagerbestände priorisieren, wird die neutrale Schweiz mit ihrer Bestellung nach hinten gereiht. Dadurch entsteht eine kritische Sicherheitslücke, die zum Zeitpunkt der Vertragsunterzeichnung nicht absehbar war. Der Krieg in der Ukraine hat den globalen Waffenmarkt grundlegend verändert und zu einem «ausverkauft»-Zustand bei modernen Luftabwehrsystemen geführt. Gleichzeitig erschwert die sich abzeichnende Bedrohungslage im Nahen Osten die Lieferkette für heikle Komponenten zusätzlich. Für die Schweizer Armee bedeutet dies, veraltete Ausrüstung weit über ihre vorgesehene Nutzungsdauer hinaus weiterzubetreiben. Das bringt eigene Risiken und versteckte Kosten mit sich. Die unmittelbare Realität ist klar: Der Schutzschild, den die Schweiz zu kaufen glaubte, wird erst in Jahren einsatzbereit sein.

Die europäische Wende: ein strategisches Ultimatum

Der Bundesrat spielt nun seine stärkste Karte aus: die Drohung, die Beschaffung ganz abzubrechen. In einem beispiellosen Schritt stellte die Schweiz im April die Zahlungen an die USA ein und signalisierte damit, dass ihre Geduld am Ende ist. Bern liebäugelt nun offen mit europäischen Alternativen und prüft, ob es den amerikanischen Vertrag ganz aufkündigen und stattdessen auf Systeme aus der näheren Umgebung setzen soll. Dieser Sommer wird zu einem entscheidenden Wendepunkt für die Schweizer Verteidigungspolitik. Die Regierung muss sich entscheiden, ob sie die amerikanischen Verzögerungen abwartet oder zu einem europäischen Partner wechselt. Ein solcher Schritt hätte erhebliche diplomatische Folgen für die Beziehungen zu Washington. Im Vordergrund stehen jedoch weiterhin der Schutz der Schweizer Bevölkerung und der verantwortungsvolle Einsatz ihrer Steuergelder. Kann das Patriot-System nicht rechtzeitig oder zu einem angemessenen Preis geliefert werden, reicht die Herkunftsbezeichnung «Made in USA» nicht mehr aus, um das Geschäft zu retten. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Schweiz ein treuer Kunde der USA bleibt oder eine neue Welle europäischer Verteidigungsautonomie anführt.