Verteidigung
Schweizer Parlament unterstützt den Ausbau von Nitrochemie zur Stärkung der Verteidigungsfähigkeit
Der Nationalrat unterstützt eine Investition von 200 Millionen Franken in ein Rüstungsunternehmen, um die nationale Verteidigungsinfrastruktur zu stärken

In einem wegweisenden Schritt, der einen Wandel des sicherheitspolitischen Paradigmas unterstreicht, hat sich der Schweizer Nationalrat für einen entscheidenden Ausbau der nationalen Verteidigungsinfrastruktur ausgesprochen. Mit 124 zu 59 Stimmen nahm der Nationalrat am Mittwoch eine Motion an, um die Kapazitäten von Nitrochemie zu stärken, einem Rüstungsunternehmen mit Sitz im Kanton Bern. Dabei handelt es sich nicht bloss um eine bürokratische Zustimmung, sondern um ein klares Zeichen. Die Motion der Sicherheitspolitischen Kommission des Nationalrats (SiK-N) fordert ein sofortiges Eingreifen des Bundes, um die Zukunft der Schweizer Rüstungsproduktion zu sichern.
Bei lediglich drei Enthaltungen ist der politische Wille deutlich spürbar. Das Parlament signalisiert, dass industrielle Bereitschaft nicht länger eine Option ist. Mit dieser Abstimmung werden die logistischen Engpässe, die die Verteidigungsbereitschaft gefährden, direkt angegangen. Die Regierung wird verpflichtet, die Verfügbarkeit des erforderlichen Kapitals sicherzustellen. Während weltweit geopolitische Spannungen schwelen, unternimmt die Schweiz konkrete Schritte, um ihre industrielle Basis zu stärken und bei ihrer souveränen Sicherheitsarchitektur vom passiven Beobachten zu aktiven Investitionen überzugehen.
Die entscheidenden 200 Millionen Franken
Im Zentrum dieses Gesetzgebungsprozesses steht eine Finanzierungslücke von beträchtlichen 200 Millionen Franken, die die Modernisierung der Schweizer Verteidigung zu bremsen droht. Verteidigungsministerin Viola Amherd gab diesen Winter bekannt, dass der deutsche Rheinmetall-Konzern, ein wichtiger Partner des Joint Ventures Nitrochemie, die Schweiz formell um eine Beteiligung an einem umfangreichen Kapazitätsausbau ersucht hatte. Die Herausforderung: Ruag MRO, das Schweizer Technologieunternehmen im Staatsbesitz und Partner des Joint Ventures, verfügt derzeit nicht über genügend liquide Mittel, um eine derart hohe Kapitaleinlage zu finanzieren.
Dieser finanzielle Engpass hat die Regierung zum Handeln gezwungen. Die am Mittwoch angenommene Motion ist ein direkter Auftrag: Der Bund muss sicherstellen, dass Ruag MRO über das Kapital verfügt, das nötig ist, um mit den Plänen von Rheinmetall Schritt zu halten. Es handelt sich um ein finanzielles Manöver mit hohem Einsatz. Der Staat muss hier die Lücke zwischen strategischer Notwendigkeit und Unternehmensbilanzen schliessen. Ein Verzicht auf die Investition würde nicht nur Ruag ins Abseits stellen, sondern könnte auch die Stellung der Schweiz in diesem wichtigen Joint Venture schwächen und ausländischen Partnern Einfluss auf zentrale Rüstungsproduktionskapazitäten überlassen.
Strategische Autonomie im Kanton Bern
Beim Ausbau von Nitrochemie geht es um weit mehr als um Bilanzen: Im Kanton Bern wird um strategische Autonomie gerungen. Als Joint Venture des deutschen Industriegiganten Rheinmetall und der Schweizer Ruag MRO befindet sich Nitrochemie an einem wichtigen Knotenpunkt der europäischen Verteidigungslieferketten. Mit ihrer Unterstützung für den Ausbau stärkt die Schweizer Volksvertretung einen zentralen Knoten des militärischen Logistiknetzwerks des Kontinents und sorgt zugleich dafür, dass die Schweiz ein unverzichtbarer Akteur bleibt.
Der Gewinn ist die operative Unabhängigkeit. Ohne diesen Kapazitätsausbau riskiert die Schweiz, bei kritischen nitrochemischen Komponenten für Treib- und Sprengstoffe von externen Lieferketten abhängig zu werden. Die Investition stellt sicher, dass die hochtechnologische Rüstungsproduktion fest in der Schweiz verankert bleibt, lokales Fachwissen nutzt und unter souveräner Kontrolle steht. In einer Zeit, in der die Souveränität über Lieferketten gleichbedeutend mit nationaler Sicherheit ist, ist die Stärkung der industriellen Präsenz im Kanton Bern ein gezielter Schritt, um die Schweizer Armee vor den Schwankungen der globalen Märkte abzuschirmen.
Dringender Zeitplan: Der Ständerat ist am Zug
Die Zeit drängt, und nun liegt der Druck ganz beim Ständerat. Der Nationalrat hat seinen Auftrag erteilt, nun muss der Ständerat diesen Donnerstag abstimmen, um die Vereinbarung zu besiegeln. Die Dringlichkeit ergibt sich aus einer engen Frist: Gemäss Motion muss das Kapital für Ruag MRO bis nächsten Mai gesichert sein. Für gesetzgeberische Verzögerungen bleibt kein Spielraum.
Der Ständerat hat bereits eine entsprechende Motion seiner eigenen Kommission erhalten, womit der Weg für eine rasche Bestätigung geebnet ist. Bis die Schlussabstimmung ausgezählt ist, bleibt der Ausbau im Umfang von 200 Millionen Franken jedoch in der Schwebe. Ein Ja am Donnerstag würde eine der bedeutendsten industriellen Rüstungsinvestitionen der letzten Jahre ermöglichen und Ruag MRO in eine neue Ära der Produktionskapazität führen. Eine Verzögerung oder Ablehnung hingegen würde in der Branche für Aufsehen sorgen und die Beziehungen zu den deutschen Partnern erschweren. Nun richten sich alle Augen auf den Ständerat.