Einwanderung
Schweizer Parlament treibt digitale Schengen-Visumplattform voran
Der Nationalrat stimmt dem Wechsel zum Online-Visumantragssystem der EU zu. Damit wird das Verfahren für kurzfristige Schengen-Visa vereinfacht, während humanitäre Ausnahmen bestehen bleiben.

Die gesetzgeberischen Räder der Schweiz sind endlich in Bewegung geraten, um dem Papierkrieg ein Ende zu setzen. In einer entscheidenden Abstimmung an diesem Dienstag sprach sich der Nationalrat mit 126 zu 59 Stimmen für eine grundlegende Reform des veralteten Visumverfahrens des Landes aus. Damit deutet sich ein grosser Schritt in Richtung einer vollständig digitalen Zukunft an. Es handelt sich nicht um eine kleine administrative Anpassung, sondern um eine grundlegende Neuausrichtung der Frage, wie die Schweiz ihre Grenzen schützt und Gäste willkommen heisst.
Der Auftrag ist klar: Die Tage der Papierunterlagen für kurzfristige Schengen-Visa sind gezählt. Mit der Anbindung an die geplante Online-Plattform der Europäischen Union will Bern einen berüchtigten Engpass beseitigen, der Touristen und Geschäftsreisende seit Langem frustriert. Während der Ständerat noch das letzte Wort hat, lässt die deutliche Zustimmung des Nationalrats darauf schliessen, dass der politische Widerstand angesichts der technologischen Notwendigkeit schwindet. Die Botschaft aus der Hauptstadt ist unmissverständlich: Die Schweiz will bei der Digitalisierung der europäischen Grenzen nicht zurückbleiben, auch wenn die Schweizerische Volkspartei (SVP) im Rat als einzige Partei lautstark dagegenhält.
Das Ende des Stempels: So funktioniert es
Der physische Visumaufkleber steht vor dem Aus. Im Rahmen der neuen Regelung wird das gesamte Antragsverfahren für kurzfristige Visa, die Besuche von bis zu 90 Tagen abdecken, auf eine zentrale europäische Plattform verlagert. Dieses digitale Portal dient als erste Anlaufstelle für Verwaltung und Sicherheitsprüfungen. Es nimmt zunächst automatisierte Kontrollen vor und leitet die Daten anschliessend direkt an die zuständigen staatlichen Behörden weiter.
Für die Antragstellenden verspricht dies ein unkompliziertes Verfahren: Die Daten werden einmal eingegeben, umgehend geprüft und elektronisch an das nationale Visa-Informationssystem übermittelt. Die Regierung hat jedoch wichtige humanitäre Ausnahmen vorgesehen. Da Technologie nicht allen gleichermassen zugänglich ist, behalten die Behörden ein Verfahren auf Papier für humanitäre Fälle und für Antragstellende in Regionen bei, in denen der Internetzugang stark eingeschränkt ist. Dieser zweigleisige Ansatz soll die Effizienz modernisieren, ohne die humanitären Verpflichtungen der Schweiz aufzugeben. Auch das Visum selbst wird neu gestaltet: An die Stelle eines physischen Stempels im Pass tritt ein rein digitaler Eintrag, wodurch Fälschungen praktisch der Vergangenheit angehören sollen.
Sicherheit gegen Souveränität: Der politische Streit
Die Abstimmung fiel zwar deutlich aus, doch im Rat prallten gegensätzliche Weltanschauungen aufeinander. Befürworter wie der sozialdemokratische Nationalrat Jean Tschopp argumentierten, die Digitalisierung sei aus Sicherheitsgründen unerlässlich. Tschopp betonte, das neue System werde «einen besseren Schutz vor Missbrauch gewährleisten», da Visa deutlich schwerer zu fälschen seien als ihre Papierversionen. Für die wirtschaftsfreundliche FDP, vertreten durch Christian Wasserfallen, ist der Schritt ein wirtschaftlicher Impuls, der wichtig sei für «Unternehmen, die Personen aus Drittstaaten in die Schweiz holen möchten», um Arbeitskräftelücken zu schliessen.
Im deutlichen Gegensatz dazu stellte sich die rechtskonservative SVP als einzige Partei gegen das Vorhaben und kritisierte skeptisch dessen Kosten und Nutzen. Der SVP-Nationalrat Jean-Luc Addor äusserte grosse Zweifel an der «Wirksamkeit des Systems» und stellte dessen Auswirkungen auf die Schweizer Arbeitskräfte sowie die Souveränität bei der Migrationskontrolle infrage. Die Grünen äusserten derweil Bedenken zum Datenschutz und befürchteten, dass sensible Angaben der Antragstellenden zentral gespeichert würden. Justizminister Beat Jans entgegnete umgehend, die Plattform werde die strengen Vorgaben der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) einhalten und die Kantone würden mit strengen Datenschutzregeln die Privatsphäre der Nutzerinnen und Nutzer schützen.
Das lange Warten bis 2030
Trotz der Dringlichkeit der Abstimmung sollten Reisende keine sofortige Umstellung erwarten. Der Zeitplan für die Einführung zeigt, dass es nur langsam vorangeht: Die europäische Plattform soll erst im Januar 2028 starten, und die Schweiz liegt noch weiter zurück. Aktuellen Prognosen zufolge wird sich Bern frühestens Anfang 2030 an das System anschliessen.
Diese Verzögerung von fünf Jahren bedeutet, dass die bestehenden bürokratischen Hürden auf absehbare Zeit bestehen bleiben. Den Schengen-Staaten wurde ein grosszügiger Übergangszeitraum von sieben Jahren für den Anschluss an das System eingeräumt, und die Schweiz dürfte einen grossen Teil dieser Frist ausschöpfen. Das Gesetz hat zwar eine wichtige Hürde genommen, seine praktische Umsetzung liegt jedoch noch in weiter Ferne. Für die Schweizer Tourismusbranche und internationale Unternehmen ist die Aussicht auf eine vereinfachte digitale Grenze verlockend nah, aber frustrierend unerreichbar. Nun liegt der Ball beim Ständerat, doch die Zeit für ein Projekt läuft bereits, das frühestens in fünf Jahren Wirklichkeit wird.