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Swiss Observer

Verbindungen des Schweizer Paketbombenlegers zu Sicherheitsdiensten aufgedeckt

Eine Recherche deckt die weitreichenden Verbindungen des 61-jährigen Genfer Bombenlegers zu Militär- und Nachrichtendiensten auf und wirft Sicherheitsfragen auf.

Verbindungen des Schweizer Paketbombenlegers zu Sicherheitsdiensten aufgedeckt
AISWI swissinfo.ch

Die Erzählung vom einsamen Wolf ist in sich zusammengebrochen. Der 61-jährige Schweizer, der für den Paketbomben-Terror in Genf verantwortlich ist, bei dem zwei Menschen, darunter ein 12-jähriges Mädchen, verletzt wurden, war kein Geist, der am Rand der Gesellschaft lebte. Er gehörte zum Establishment. Eine Recherche von RTS hat eine erschütternde Realität ans Licht gebracht: Der Mann, der den Luxusuhrenhersteller Patek Philippe erpresste, war tief in jenem Sicherheitsapparat verankert, der ihn eigentlich hätte fassen sollen.

Während die Öffentlichkeit sich einen ausgegrenzten Kriminellen vorstellte, schüttelte dieser Kriegsfotograf und Kung-Fu-Lehrer den Mächtigen die Hand. Er existierte nicht nur in der Gesellschaft, sondern bewegte sich auch in deren am besten geschützten Bereichen. RTS befragte 15 verschiedene Bekannte, die allesamt sein weitreichendes und enges Netzwerk bei der Polizei, beim Militär und möglicherweise bei den Nachrichtendiensten bestätigten. Das ist nicht bloss eine Kriminalgeschichte, sondern eine Sicherheitskrise. Der Verdächtige agierte offen und nutzte seine Autorität und Fachkenntnis ausstrahlende Persona, um eine unberechenbare, gefährliche Agenda zu verbergen. Die Schweiz muss sich nun einer unbequemen Wahrheit stellen: Die Bedrohung war bereits innerhalb des Sicherheitsperimeters.

Taktische Verbindungen: Infiltration der Polizeikreise

Die Einbindung des Verdächtigen in Polizeikreise war nicht zufällig, sondern taktisch und gezielt. Als Waffenenthusiast, dessen beschlagnahmtes Arsenal davon zeugt, besuchte er nicht nur Schiessstände, sondern trainierte auch mit Polizisten. Quellen bestätigen, dass er mit befreundeten Polizisten taktische Schiessübungen absolvierte und dabei Fähigkeiten verfeinerte, die weit über das Freizeitschiessen hinausgingen. In einer beunruhigenden Demonstration der sogenannten «Grey-Man»-Taktik vermied er jedoch eine offizielle Mitgliedschaft in Schiessvereinen und blieb administrativ unsichtbar, obwohl er vor Ort war.

Sein Einfluss reichte bis in die höchsten Kreise. In einem Schritt, der nun ernsthafte Fragen zu den Überprüfungsverfahren aufwirft, lud die Genfer Polizeiführung ihn einst ein, an ihrer jährlichen Berichtsveranstaltung in der Kaserne Les Vernets als Referent aufzutreten. Darüber hinaus behauptete der Verdächtige, während der gewalttätigen Proteste am G8-Gipfel 2003 als Informant tätig gewesen zu sein. Angeblich sei er ohne Nummernschilder mit dem Motorrad unterwegs gewesen, um Informationen über die Demonstrierenden zu sammeln. «Wenn er Informationen brauchte, gelang es ihm immer, sie zu finden», bemerkte ein Bekannter. Das war nicht bloss eine Freundschaft, sondern eine operative Nähe, die ihn wahrscheinlich jahrelang vor genauer Überprüfung schützte.

Zugang zum Militär: Von Titelseiten an die Front

Die Verbindungen des Bombenlegers reichten tief in die Schweizer Armee hinein. Er war nicht bloss Beobachter, sondern eine aktive Stimme in der Militärgemeinschaft und arbeitete mit der Schweizerischen Militärzeitschrift, dem offiziellen Organ der Schweizerischen Offiziersgesellschaft, zusammen. Chefredaktor Alexandre Vautravers bestätigte, dass der Verdächtige mehrere Artikel verfasst hatte, von denen einige sogar auf der Titelseite erschienen. Darin schilderte er seine Erfahrungen in Konfliktgebieten wie Syrien und der Ukraine.

Besonders alarmierend ist, dass seine Presseausweise ihm Zugang zu sensiblen Einsatzgebieten verschafften. Er berichtete über die Grossübung LUX 23 und bewegte sich während der gross angelegten Manöver unter fast 4000 Soldaten. Ein derartiger Zugang deutet auf ein katastrophales Versagen bei den Hintergrundüberprüfungen hin. Während er das Bild eines engagierten Kriegsreporters und Patrioten vermittelte, verfügte er gleichzeitig über das Potenzial für inländischen Terrorismus. Die Schweizer Militärführung bot einem Mann, der seine Aggression gegen Zivilpersonen in Genf richten sollte, eine Plattform und Prestige.

Institutionelle Blindheit: Warnsignale ignoriert

Am schwersten wiegt bei dieser Recherche, dass der Verdächtige den Behörden bereits bekannt war. Vor über zehn Jahren war er in einen Militärskandal verwickelt, in den auch ein hochrangiger Offizier involviert war, dem die Zweckentfremdung von Infrastruktur und der Diebstahl von Munition vorgeworfen wurden. Trotz dieser Berührung mit der Militärjustiz behielt er seinen Status, seine Kontakte und seinen Zugang. Das System versagte, und die Folgen waren schwerwiegend.

Dieser Fall legt eine kritische Schwachstelle der Schweizer Sicherheitskultur offen: die Abstützung auf persönliche Netzwerke statt auf gründliche, fortlaufende Überprüfungen. Dass der Verdächtige von einem Munitionsskandal im Militär über einen Gastauftritt bei Polizeiveranstaltungen bis hin zu einem angesehenen Militärjournalisten wechseln konnte, zeugt von einer tiefgreifenden institutionellen Blindheit. Während Genf die Folgen der Bombenanschläge bewältigt, muss sich der Fokus von der Einzelperson auf die Institutionen richten, die ihr dies ermöglicht haben. Wir müssen uns fragen: Wie viele andere «heissblütige» Insider sind derzeit in unseren Sicherheitsdiensten tätig und werden von der Annahme geschützt, ihnen sei zu vertrauen?