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Swiss Observer

Schweizer Kernkraftwerke könnten laut Regierungsstudie 80 Jahre laufen

Ein neuer Regierungsbericht kommt zum Schluss, dass eine Verlängerung der Betriebsdauer der Kernkraftwerke Gösgen und Leibstadt auf 80 Jahre technisch und wirtschaftlich machbar ist. Dieser Befund könnte die langfristige Energiestrategie der Schweiz neu prägen.

Schweizer Kernkraftwerke könnten laut Regierungsstudie 80 Jahre laufen
AISWI swissinfo.ch

Die Schweiz schreibt ihr energiepolitisches Drehbuch neu und setzt ein kühnes Zeichen: Das nukleare Herz des Landes könnte 80 Jahre lang schlagen. Ein wegweisender Regierungsbericht hat soeben die lange gehegte Annahme widerlegt, die Kernkraftwerke Gösgen und Leibstadt würden nach 60 Jahren stillgelegt. Diese Verlängerung um 20 Jahre bedeutet eine massive Neuausrichtung der Strategie des Bundesrates, weg vom geordneten Rückzug hin zu einer deutlich längeren Betriebsdauer. Die durch ein Postulat aus dem Ständerat angestossene Studie bestätigt, dass der Weiterbetrieb dieser Reaktoren kein blosses Wunschdenken, sondern technisch machbar ist. Während die Welt mit der Volatilität der Energieversorgung ringt, setzt die Schweiz verstärkt auf ihre bestehende Infrastruktur und sichert sich damit zwei weitere Jahrzehnte CO₂-freier Bandenergie. Das ist keine geringfügige Anpassung, sondern eine grundlegende Neuausrichtung des Schweizer Stromnetzes, die der drohenden Stromknappheit im Winter direkt begegnet.

Wirtschaftlichkeit trotz Stilllegungskosten

Die Zahlen liegen vor, und das Ergebnis ist verblüffend: Eine Verlängerung der Betriebsdauer der Schweizer Kernkraftwerke ist «weitgehend» wirtschaftlich. Der Bundesrat betont, dass die beträchtlichen Investitionen in technische Nachrüstungen nicht nur notwendig seien, sondern sich wahrscheinlich auch sehr gut rechnen würden. Überraschenderweise sieht die Regierung derzeit keinen Bedarf für staatliche Finanzhilfen. Das deutet darauf hin, dass die Privatwirtschaft, allen voran Unternehmen wie Axpo, die Kosten der Modernisierung tragen kann. Thomas Sieber, der Chef von Axpo, hat bereits Zuversicht signalisiert und eine Betriebsdauer von 80 Jahren als realistisches Ziel bezeichnet. Diese finanzielle Zuversicht steht in starkem Gegensatz zu den hohen Kosten, die der Aufbau neuer erneuerbarer Energieinfrastruktur von Grund auf verursacht. Indem die Schweiz jede Megawattstunde aus Gösgen und Leibstadt herausholt, vermeidet sie die unmittelbaren Kosten einer vollständigen Ausserbetriebnahme in Milliardenhöhe und sorgt zugleich für stabile Preise für ihre Industriesektoren.

Der Termin 2029 rückt für Solothurn und Aargau näher

Zeit ist die eine Ressource, die die Schweiz nicht selbst herstellen kann, und die Uhr tickt in Richtung eines entscheidenden Termins im Jahr 2029. Bis dann muss für das Kernkraftwerk Gösgen im Kanton Solothurn ein endgültiger Entscheid über Weiterbetrieb oder Stilllegung fallen. Auch das Kernkraftwerk Leibstadt im Kanton Aargau ist von der neuen Politik betroffen. Der unmittelbare Druck liegt jedoch auf den Betreibern von Gösgen, die nachweisen müssen, dass sie die strengen Sicherheitsstandards für eine Betriebsdauer von 80 Jahren erfüllen können. Der Weg ist allerdings nicht für alle Kernkraftwerke derselbe: Axpo hat bereits bestätigt, dass das Kernkraftwerk Beznau nach 60 Jahren stillgelegt werden soll. Dadurch entsteht ein spannender Gegensatz in der Schweizer Energielandschaft: eine Geschichte zweier Strategien, bei der einige alternde Kraftwerke stillgelegt werden, während andere eine neue Zukunft erhalten. Die nächsten fünf Jahre werden von intensiven Inspektionen, Nachrüstungen und politischen Verhandlungen geprägt sein, während die kantonalen Behörden und die Bundesaufsichtsbehörden ihre Vorstellungen aufeinander abstimmen.

Parlamentarische Wende prägt die grüne Zukunft der Schweiz

Der Bericht erscheint, während sich in Bern ein politischer Sturm zusammenbraut. Erst vor wenigen Wochen signalisierte eine parlamentarische Kommission ihre Absicht, das Verbot des Baus neuer Kernkraftwerke vollständig aufzuheben. Die Verlängerung auf 80 Jahre dient als Brücke zwischen dem heutigen Kraftwerkspark und einer Zukunft, in der die Kernenergie ein Grundpfeiler der Schweizer «Energiestrategie 2050» bleibt. Mit dem längeren Betrieb der bestehenden Anlagen verschafft sich die Schweiz wertvolle Zeit: Zeit für die Debatte über Neubauten und Zeit, um mehr erneuerbare Energien einzubinden, ohne Stromausfälle zu riskieren. Kritikerinnen und Kritiker wenden ein, dieser Schritt verzögere den Ausbau von Wind- und Solarenergie. Befürworterinnen und Befürworter betonen dagegen, die Kernenergie sei der einzige Weg, um die Klimaziele zu erreichen und zugleich die Energieversorgung in einem instabilen Europa zu sichern. Mit seiner Kursänderung sendet der Bundesrat eine klare Botschaft an die Welt: Die Schweiz ist nicht bereit, die Kernenergie abzuschalten. Die Folgen für den CO₂-Fussabdruck und die wirtschaftliche Stabilität des Landes werden bis zum Ende des Jahrhunderts spürbar sein.