Energie
Schweizer Kernkraftwerk drosselt wegen Hitzewelle die Leistung
Das Kernkraftwerk Beznau musste seinen Betrieb wegen steigender Flusstemperaturen teilweise einstellen. Dies verdeutlicht die Auswirkungen des Klimawandels auf die Energieinfrastruktur.

Die Schweizer Energieinfrastruktur ist mit einer schwerwiegenden Störung konfrontiert, während die anhaltende sommerliche Hitzewelle ihr erstes grosses Industrieopfer fordert. Das Kernkraftwerk Beznau, ein Eckpfeiler des Energienetzes im Kanton Aargau, musste seine Leistung drastisch drosseln. In einem Schritt, der die Anfälligkeit unserer Stromversorgungssysteme unterstreicht, bestätigte Betreiberin Axpo am Mittwoch, dass einer ihrer beiden Reaktoren vollständig vom Netz genommen wurde. Der zweite Reaktor hält sich nur knapp über Wasser und läuft derzeit mit gedrosselter Leistung von 50 Prozent.
Dabei handelt es sich weder um einen mechanischen Defekt noch um eine Sicherheitsstörung, sondern um eine direkte Folge der steigenden Temperaturen, die das Land erfassen. Am 2. Juli 2025 arbeitet das Kraftwerk effektiv nur noch mit einem Bruchteil seiner möglichen Leistung und sendet damit ein deutliches Warnsignal an den Schweizer Energiesektor. Die Drosselung begann letzten Sonntag, als die Leistung halbiert wurde. Die zunehmende Hitze machte nun jedoch die vollständige Abschaltung eines Reaktors erforderlich. Diese drastische Einschränkung verdeutlicht eine unangenehme Wahrheit: Unsere Energiesicherheit ist untrennbar mit den Launen des Wetters verbunden, und derzeit setzt sich das Wetter durch.
Die rote Linie bei 25 Grad: Die Natur setzt der Industrie Grenzen
Verantwortlich für diesen Engpass bei der Energieversorgung ist die Aare, deren Temperatur kritische Grenzwerte überschritten hat. Die Vorgaben des Bundes sind klar und strikt: Nähert sich die Temperatur des Flusswassers dem Grenzwert von 25 Grad Celsius, muss der Betrieb der Kernkraftwerke eingeschränkt werden. Axpo hält sich strikt an diese Vorgaben, die einen ökologischen Kollaps des Flusssystems verhindern sollen. Das Kraftwerk entnimmt Wasser zur Kühlung und leitet es anschliessend zurück in den Fluss. Heisses Wasser in einen ohnehin schon überhitzten Fluss einzuleiten, wäre für die lokale Flora und Fauna katastrophal.
Für die Umwelt steht enorm viel auf dem Spiel. Wird dieser Temperaturgrenzwert überschritten, droht eine «übermässige Belastung», in diesem Fall eine thermische Belastung, die Fischbestände dezimieren und das empfindliche aquatische Ökosystem bei Döttingen stören könnte. Während die Stromversorgung gewährleistet bleiben muss, hat das Bundesamt für Energie (BFE) eine klare Grenze gezogen. Der Schutz der Biodiversität hat Vorrang vor einer maximalen Energieproduktion. Dadurch entsteht ein angespanntes Kräftemessen zwischen dem Schutz der Ökosysteme und den Erfordernissen der Industrie.
Strukturelle Anfälligkeit: Eine Bauweise ohne Schutz
Warum gerät Beznau ins Straucheln, während andere Kraftwerke widerstandsfähig bleiben? Die Antwort liegt in einem entscheidenden Konstruktionsunterschied, der Beznau den Folgen extremer klimatischer Bedingungen besonders stark aussetzt. Anders als die Kraftwerke in Gösgen und Leibstadt verfügt das Kernkraftwerk Beznau über keine Kühltürme. Es ist vollständig auf ein direktes Kühlsystem mit Wasser aus der Aare angewiesen. Diese vor Jahrzehnten getroffene technische Entscheidung ist angesichts der heutigen Klimabedingungen zu einem erheblichen Nachteil geworden.
Kraftwerke mit Kühltürmen können überschüssige Wärme in Form von Dampf an die Atmosphäre abgeben und sind dadurch besser gegen steigende Flusstemperaturen gewappnet. Beznau hat diese Möglichkeit nicht. Das Kühlwasser muss direkt in den Fluss zurückgeleitet werden. Die mögliche Betriebsleistung ist deshalb eng an die Wassertemperatur gebunden. Je wärmer die Aare wird, desto stärker sinkt die Stromproduktion von Beznau. Diese strukturelle Anfälligkeit legt eine erhebliche Schwäche des alternden Schweizer Kernkraftwerkparks offen und zeigt, dass eine für das Klima der Vergangenheit gebaute Infrastruktur Mühe hat, mit dem Klima der Gegenwart zurechtzukommen.
Der Präzedenzfall von 2018: Ein wiederkehrender Energiealbtraum
Diese Abschaltung ist kein Einzelfall, sondern ein wiederkehrendes Symptom einer wärmer werdenden Welt. Die Vorschriften, die Beznau zur Betriebseinstellung zwingen, wurden nach dem glühend heissen Sommer 2018 festgeschrieben, einem Jahr, das die Schweizer Energiepolitik neu prägte. Die Vorgaben des BFE gingen aus jener Krise hervor. Doch nun schreiben wir das Jahr 2025 und beobachten mit beunruhigender Genauigkeit, wie sich die Geschichte wiederholt. Auch die Parallelen zum «Jahrhundertsommer» 2003 lassen sich immer weniger übersehen.
Während Hitzewellen von seltenen Ereignissen zu einer saisonalen Erwartung werden, gerät die Zuverlässigkeit wassergekühlter Energieinfrastrukturen zunehmend in Frage. Wenn schon ein blosser Anstieg der Flusstemperatur ein grosses Kraftwerk lahmlegen kann, sind die Folgen für die langfristige Energieunabhängigkeit der Schweiz erheblich. Wir erleben einen Konflikt zwischen Klimawandel und Energiesicherheit. Ohne umfassende Anpassungsmassnahmen dürften solche Abschaltungen in Schweizer Sommern zur neuen Normalität werden.