Kultur
Schweizer Museen und das koloniale Erbe: Über 4’000 menschliche Überreste in Sammlungen
Eine Studie der Universität Lausanne zeigt, dass Schweizer Museen Tausende menschliche Überreste aus der Kolonialzeit aufbewahren. Dies löst eine Debatte über Rückführungen und ethische Sammlungspraxis aus.

Die Schweiz steht vor einer erschütternden ethischen Aufarbeitung: Ein neuer Bericht zeigt, dass sich in ihren Museen mindestens 4’175 menschliche Überreste befinden. Die am Freitag veröffentlichte Untersuchung der Universität Lausanne erschüttert die stille Neutralität, die Schweizer Kulturinstitutionen oft zugeschrieben wird. Es handelt sich nicht einfach um Artefakte, sondern um die Überreste von Vorfahren, hauptsächlich Schädel, die auf dem Höhepunkt der Kolonialzeit erworben wurden. Der enorme Umfang dieser Sammlung, der durch einen Fragebogen an 34 Institutionen aufgedeckt wurde, deutet auf ein schwerwiegendes Versäumnis bei der historischen Aufarbeitung hin.
26 Museen beantworteten die Anfrage, doch das Schweigen der übrigen acht lässt vermuten, dass die tatsächliche Zahl noch deutlich höher sein könnte. Diese Entdeckung rückt die Schweiz mitten ins Zentrum der weltweiten Debatte über Dekolonisierung. Dem Bericht zufolge lagerten diese Überreste jahrzehntelang, oft ohne Katalogisierung und ohne Anerkennung ihrer Bedeutung. Mit der Veröffentlichung der Daten ist die Schweiz gezwungen, einen Blick in ihre eigenen Kultursammlungen zu werfen. Aus Wissensspeichern werden so Schauplätze historischer Nachlässigkeit. Die Bedeutung von 4’175 Menschen, deren Überreste in Schweizer Lagerräumen liegen, lässt sich kaum überschätzen: Sie ist ein ohrenbetäubender Ruf nach Gerechtigkeit, der nicht länger ignoriert werden kann.
Globale Reichweite: Kolonialismus ohne Kolonien
Der Mythos, die Schweiz sei an kolonialen Gräueltaten nicht beteiligt gewesen, zerfällt vor unseren Augen. Zwar besass die Schweiz nie formelle Kolonialgebiete, doch der Bericht hebt einen weitverbreiteten «Kolonialismus ohne Kolonien» hervor, der es Schweizer Staatsangehörigen ermöglichte, sich frei über alle Grenzen der Imperien hinweg zu bewegen. Anders als die Sammlungen Grossbritanniens oder Frankreichs, die in der Regel deren konkrete geografische Eroberungen widerspiegeln, bewahren Schweizer Sammlungen menschliche Überreste aus allen Teilen der Welt. Diese geografische Vielfalt ist ein unbestreitbarer Beleg dafür, dass die Schweiz institutionell mit allen grossen Kolonialreichen verbunden war.
Schweizer Wissenschaftler, Entdecker und Sammler fungierten als Knotenpunkte eines internationalen Handels mit menschlichen Körpern und transportierten Daten und Objekte ungehindert über politische Grenzen hinweg. Der Bericht hält ausdrücklich fest, dass Schweizer Staatsangehörige «direkt oder indirekt in praktisch allen Kolonien aktiv» waren und von den Machtungleichgewichten jener Zeit profitierten. Diese besondere Stellung ermöglichte es Schweizer Institutionen, eine erschreckend universelle Sammlung aufzubauen. Die Erzählung, die Schweiz habe sich der kolonialen Ausbeutung entzogen, ist nicht länger haltbar: Die Belege liegen in den Archiven von Basel und Zürich, wo derzeit die grösste Zahl dieser Überreste aufbewahrt wird.
Das historische Vakuum: eine Provenienzkrise
Diese 4’175 Menschen sind von einer erschreckenden Informationslücke umgeben. Der Bericht betont ein schwerwiegendes Versäumnis bei der Dokumentation: Praktisch nichts ist darüber bekannt, wer diese Überreste erworben hat, unter welchen entsetzlichen Umständen sie gestohlen wurden oder wie sie in die Schweiz transportiert wurden. Diese «Lücke in der Provenienz» ist nicht bloss ein bürokratisches Versäumnis, sondern eine Auslöschung von Identität. Die meisten dieser Skelette, insbesondere jene in den bedeutenden Kulturzentren Basel und Zürich, befinden sich in einem historischen Vakuum.
Dieser Datenmangel lähmt die Bemühungen um Rückgaben. Ohne Kenntnis der genauen Herkunft oder der verantwortlichen «Sammler» wird es zu einem logistischen Albtraum, diese Vorfahren an ihre Nachfahrengemeinschaften zurückzugeben. Die Autorinnen und Autoren des Berichts argumentieren, dass diese Geschichte gefährlich wenig erforscht ist. Vor uns liegt eine riesige Sammlung von Menschen, denen ihre Namen und Geschichten genommen wurden und die auf Inventarnummern reduziert sind. Die Schweizer Kuratorinnen und Kuratoren stehen nun nicht nur vor der Aufgabe, die Überreste zu bewahren, sondern auch vor einer historischen Spurensuche, um die unterbrochenen Besitzketten zu rekonstruieren, die sie aus ihrer Heimat in Schweizer Lagerräume gebracht haben.
Würde wiederherstellen: der Aufruf zum Handeln
Die Zeit passiver Lagerung ist vorbei, nun muss die Ära aktiver Rückführungen beginnen. Die Forschenden der Universität Lausanne fordern vom Bundesamt für Kultur sofortiges und entschlossenes Handeln. Ihre wichtigste Empfehlung ist ein massiver Ausbau der Unterstützung für die Provenienzforschung, also die Finanzierung der Detektivarbeit, die nötig ist, um diese Menschen zu identifizieren. Forschung allein reicht jedoch nicht aus. Der Bericht fordert die Einrichtung einer öffentlich zugänglichen Plattform, eines digitalen Portals, auf dem indigene Menschen nach ihren Vorfahren suchen können. So soll endlich die Verbindung zwischen Schweizer Institutionen und den Gemeinschaften hergestellt werden, denen sie diese Vorfahren weggenommen haben.
Diese Forderung steht im Einklang mit der Erklärung der UN-Generalversammlung von 2007, welche das Recht indigener Völker bekräftigt, ihre Vorfahren zurückzuführen. Die Schweiz muss nun von der Anerkennung des Problems zu dessen Lösung übergehen. Die vorgeschlagene Plattform wäre ein bedeutender Schritt hin zu mehr Transparenz und würde Nachfahrinnen und Nachfahren ermöglichen, die Kontrolle über ihr Erbe zurückzugewinnen. Während der Druck wächst, stehen Schweizer Museen vor einer klaren Wahl: die Beute einer kolonialen Vergangenheit weiter zu hüten oder bei ethischen Rückführungen und der Achtung der Menschenwürde eine Vorreiterrolle einzunehmen. Die Welt schaut zu.