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Swiss Observer

2025 mehr Rettungen in den Schweizer Bergen, aber so wenige Todesfälle wie seit zehn Jahren

Die Statistiken des Schweizer Alpen-Clubs für 2025 zeigen einen Anstieg der Notfälle in den Bergen. Fast 4'000 Personen mussten gerettet werden. Trotz der höheren Zahl von Einsätzen, bei denen es oft um erschöpfte Wanderinnen und Wanderer ging, sank die Zahl der tödlichen Unfälle auf 98, den tiefsten Stand seit einem Jahrzehnt.

2025 mehr Rettungen in den Schweizer Bergen, aber so wenige Todesfälle wie seit zehn Jahren
AISWI swissinfo.ch

Die Schweizer Berge waren noch nie so stark besucht und zugleich so nachsichtig. 2025 mussten in den Schweizer Alpen unglaubliche 4'000 Personen gerettet werden. Diese Zahl signalisiert einen dramatischen Wandel in unserem Umgang mit hochalpinem Gelände. Doch entgegen allen Erwartungen sank die Zahl der tödlichen Unfälle auf gerade einmal 98, die niedrigste Zahl an Todesfällen seit einem Jahrzehnt. Dieses Paradox prägt eine neue Ära der Sicherheit in den Alpen: Technologie und rasche Hilfe gewinnen den Kampf gegen Todesfälle, während sich immer mehr Bergbegeisterte überschätzen. Der Schweizer Alpen-Club (SAC) berichtet, dass die Zahl der Einsätze zwar stark zunimmt, die Berge dank noch nie dagewesener Reaktionsgeschwindigkeit aber weniger oft tödlich sind. Wir erleben, wie sich die Schweizer Bergwelt in einen Ort verwandelt, der gleichzeitig zugänglicher und stärker überwacht ist als je zuvor.

Das «digitale Sicherheitsnetz» führt zu mehr Notrufen

Die Netzabdeckung ist die unsichtbare Lebensader, die sich über Eiger, Matterhorn und Jungfrau erstreckt. Der SAC nennt die zuverlässige Mobilfunkabdeckung als einen Hauptgrund für den Anstieg der Rettungseinsätze. 2025 senkte die Möglichkeit, mit einem Knopfdruck Hilfe zu rufen, die Schwelle dafür, was als «Notfall» gilt. Wanderinnen und Wanderer warten nicht mehr, bis ein Unglück passiert: Sie rufen an, wenn der Weg nicht mehr zu finden ist oder die Sonne unterzugehen beginnt. Dieses «digitale Sicherheitsnetz» sorgt dafür, dass Hilfe eintrifft, lange bevor eine Situation tödlich wird. Doch diese Bequemlichkeit hat ihren Preis. Die Rettungsdienste werden durch eine Kultur der übermässigen Abhängigkeit von Technologie stark beansprucht. Ein Smartphone wird dabei oft als Ersatz für Karte, Kompass oder grundlegende Überlebensinstinkte betrachtet. Dass sich so leicht Hilfe rufen lässt, verändert die Risikoeinschätzung moderner Abenteurerinnen und Abenteurer grundlegend.

Erschöpfung statt Verletzungen: die neue Krise in den Alpen

2025 wurden fast 1'500 Personen aus den Bergen gerettet, ohne dass sie auch nur einen Kratzer davontrugen. Diese beunruhigende Zahl weist auf einen zunehmenden Trend hin: die Rettung von «Unverletzten, die sich nicht mehr selbst helfen können». Erschöpfung, Orientierungslosigkeit und das «Nicht-mehr-Weiterkommen» in anspruchsvollem Gelände machen inzwischen einen grossen Teil der SAC-Einsätze aus. Die Hälfte aller Notfälle ereignete sich beim Wandern oder Bergsteigen. Oft hatten die Betroffenen die körperliche Belastung des Aufstiegs oder die Schwierigkeit der Route unterschätzt. Der Schweizer Alpen-Club weist darauf hin, dass viele Wanderinnen und Wanderer ihre Touren nicht sorgfältig genug planen. Wenn die Beine nicht mehr mitmachen oder der Weg zu steil wird, wird der Helikopter zum ultimativen «Rückgängig»-Knopf. Das belastet die Rettungsteams enorm, denn sie müssen sich durch gefährliche Bedingungen kämpfen, um Menschen zu retten, deren einzige «Verletzung» mangelnde Vorbereitung ist.

Winterrisiken und die Gefahr abseits der Pisten

Während Wanderungen im Sommer für die meisten Rettungseinsätze sorgen, bleibt der Winter die Jahreszeit mit den schwersten Folgen. Daten der Beratungsstelle für Unfallverhütung zeigen eine ernüchternde Realität: 85 Prozent der tödlichen Schneesportunfälle ereignen sich abseits der Pisten. Trotz des tiefsten Stands bei den Todesfällen seit zehn Jahren fordert die Verlockung unberührter Pulverschneehänge weiterhin Menschenleben. Die Statistiken für 2025 zeigen, dass zwar weniger Menschen auf klassischen Skitouren ums Leben kamen, die Gefahr abseits der präparierten Pisten aber weiterhin gross ist. Der Unterschied ist deutlich: Eine erschöpfte Wanderin im Sommer kann gerettet werden, während eine Skifahrerin oder ein Skifahrer im winterlichen Gelände oft in einer Lawine ums Überleben kämpft. Das verdeutlicht einen wichtigen Unterschied bei der Sicherheit in den Schweizer Bergen: Technologie kann vor Erschöpfung schützen, ist aber gegen die rohe Kraft einer zusammenbrechenden Schneedecke weit weniger wirksam.

Gut vorbereitet in die Zukunft: den Aufstieg in den Schweizer Bergen neu denken

Die Statistiken für 2025 sind ein Weckruf für den Schweizer Tourismus und den Bergsport. Wir treten in eine Zeit ein, in der die «Sicherheit» der Berge zwei Seiten hat. Der Rückgang der Todesfälle auf den tiefsten Stand seit zehn Jahren ist ein Erfolg der Schweizer Ingenieurskunst, medizinischen Fachkompetenz und koordinierten Rettung. Die steigende Zahl von Rettungen unverletzter Wanderinnen und Wanderer deutet jedoch auf eine drohende Kompetenzkrise hin. In Zukunft dürften der Schweizer Alpen-Club und die lokalen Behörden verstärkt auf Aufklärung und strengere Anforderungen an die Planung setzen. Die Botschaft ist klar: Die Berge sind kein Vergnügungspark. Auch wenn die Schweiz stets ein erstklassiges Sicherheitsnetz bieten wird, liegt die Verantwortung für den Aufstieg bei jeder und jedem Einzelnen. Mit Blick auf 2026 geht es nicht nur darum, die Zahl der Todesfälle niedrig zu halten, sondern auch sicherzustellen, dass die 4'000 Menschen, die heute Hilfe rufen, morgen die nötigen Fähigkeiten haben, um selbst den Weg nach Hause zu finden.