humanitäre Hilfe
Schweizer Minenräumung in der Ukraine macht grosse Fortschritte
Die Schweizerische Stiftung für Minenräumung meldet, dass inzwischen über 70 % des zugänglichen ukrainischen Gebiets geräumt sind, und plant den Einsatz neuer Drohnentechnologie

Mehr als 70 % des zugänglichen Gebiets in der Ukraine sind inzwischen von der Geissel der Antipersonenminen befreit. Damit wird eine Zahl erreicht, die den frühen Erwartungen widerspricht. Die Schweizerische Stiftung für Minenräumung (FSD) bestätigte diesen grossen Erfolg am Freitag und bezeichnete ihn als entscheidenden Wendepunkt für die Landwirtschaft und die Infrastruktur des vom Krieg gezeichneten Landes. Von den 45’000 Quadratkilometern zugänglichen Gebiets, das untersucht werden soll, waren bis Ende des vergangenen Jahres bemerkenswerte 35’000 Quadratkilometer erfolgreich geräumt.
Dabei geht es nicht nur darum, Erde zu bewegen, sondern darum, die Zukunft zurückzugewinnen. «Wir können optimistisch sein», erklärte Hansjörg Eberle, Direktor der FSD, in Genf. Trotz des enormen Ausmasses der Herausforderung hat sich das Räumungstempo stark erhöht. Dadurch können Tausende Hektaren wieder ihrem ursprünglichen Zweck dienen: die Bevölkerung zu ernähren. Schätzungen zufolge könnte die Räumung des ganzen Landes Jahrhunderte dauern. Die raschen Fortschritte in den zugänglichen Gebieten zeigen jedoch, dass gezielte internationale Unterstützung unmittelbar greifbare Ergebnisse bringt.
Innovation aus der Luft: Drohnen revolutionieren das Einsatzgebiet
Der Kampf gegen Minen wird digital. Um die Räumung zu beschleunigen, kündigte die FSD den bevorstehenden Einsatz modernster Drohnentechnologie an. In den kommenden Wochen werden von der Schweiz geleitete Teams mit Tests von unbemannten Fluggeräten beginnen, die mit fortschrittlichem Bodenradar ausgestattet sind. Das ist ein Durchbruch. Die Geräte versprechen, nicht explodierte Kampfmittel schneller und präziser aufzuspüren, als es menschliche Teams zu Fuss können.
Dieser Technologiesprung geht einen entscheidenden Engpass an: die Zeit. Indem grosse Landflächen aus der Luft abgesucht werden, können Minenräumerinnen und Minenräumer Gefahren genauer lokalisieren und die Zeit für die Überprüfung von «Fehlalarmen» drastisch verkürzen. Die Integration dieser Technologie erfolgt parallel zum Ausbau der Partnerschaft der FSD mit der ukrainischen Nichtregierungsorganisation Ukrainian Center for Humanitarian Protection (UCHP). So wird sichergestellt, dass diese Hightech-Lösungen mit nachhaltigen, lokal verankerten Managementsystemen verbunden werden. Die Ära des manuellen Sondierens geht zu Ende, die Ära der intelligenten Minenräumung hat begonnen.
Vor Ort im Einsatz: Der menschliche Einsatz für Sicherheit
Auch wenn die Technologie grosse Fortschritte macht, bleibt der Einsatz der Menschen das Rückgrat dieser Operation. Seit Ausbruch des Konflikts haben FSD-Teams knapp 120 Quadratkilometer gefährliches Gelände vor Ort untersucht. In den am stärksten betroffenen Regionen Tschernihiw, Charkiw, Donezk und Cherson haben sie 2,5 Quadratkilometer Land sorgfältig geräumt. Jeder einzelne Abschnitt hätte tödliche Folgen haben können. «Jeden Tag werden explosive Kampfmittel entfernt», erklärte die Organisation unmissverständlich.
Neben der physischen Entfernung von Sprengmitteln rettet eine gross angelegte Aufklärungskampagne Leben. Erstaunliche 400’000 Zivilistinnen und Zivilisten wurden inzwischen darin geschult, Minen zu erkennen und ihnen auszuweichen. Dieses Wissen ist ein Schutzschild für die Bevölkerung, wenn sie sich in ihrer von Krieg gezeichneten Heimat bewegt. Die Arbeit der FSD geht über die technische Räumung hinaus: Sie trägt dazu bei, die psychologische Sicherheit eines Landes wiederherzustellen. Wenn Geflüchtete zurückkehren und Bäuerinnen und Bauern wieder aussäen, sollen sie über das nötige Wissen verfügen, um zu überleben.
Der Genfer Effekt: Der strategische Plan der Schweiz
Die Schweiz ist nicht bloss Geldgeberin, sondern gestaltet die Strategie für den Wiederaufbau der Ukraine mit. Das Genfer Internationale Zentrum für humanitäre Minenräumung (GICHD) hat die ukrainischen Behörden massgeblich dabei unterstützt, eine ambitionierte neue Politik auszuarbeiten: Bis 2033 sollen vier Fünftel des nationalen Territoriums geräumt werden. Diese ehrgeizige Frist zeigt, dass man sich nicht mit dem von Pessimisten oft genannten Zeitrahmen von «Jahrhunderten» abfinden will.
Genf bleibt das diplomatische Zentrum dieser Krise. Nächste Woche findet in der Stadt ein wichtiges Folge-Workshop mit internationalen Geldgebern und einem ukrainischen Vizeminister statt. Das hochrangige Treffen soll die Finanzierung und den politischen Willen sichern, die nötig sind, um die derzeitige Dynamik aufrechtzuerhalten. Wie der Direktor der FSD festhielt, ist Optimismus angebracht, doch er muss durch kontinuierliche Unterstützung gestärkt werden. Die Führungsrolle der Schweiz sorgt dafür, dass die Minenräumung auf der globalen humanitären Agenda weit oben bleibt und politische Beschlüsse in der ukrainischen Steppe in die Tat umgesetzt werden.