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Swiss Observer

Schweizer Milchüberschuss: Warum ein Überangebot die Preise nach unten drückt

Die Schweiz kämpft mit einem Milchüberschuss von rund 126 Millionen Kilogramm. Deshalb senkt die Branche die Preise während eines längeren Zeitraums von 11 Monaten. Dieser Artikel beleuchtet die Gründe für die Überproduktion und ihre Auswirkungen auf die Schweizer Bauern.

Schweizer Milchüberschuss: Warum ein Überangebot die Preise nach unten drückt
AISWI swissinfo.ch

Die Schweiz versinkt in Milch. Ein gewaltiger Überschuss von 126 Millionen Kilogramm hat den Markt überschwemmt und die Milchwirtschaft in die Enge getrieben. Die Reaktion erfolgt rasch und einschneidend: Zum ersten Mal in der Geschichte hat sich die Branche auf eine Preissenkung für beinahe ein ganzes Jahr festgelegt. Ab dem 1. Februar 2026 wird der Preis für Milch des A-Segments, also hochwertige Milch für Schweizer Frühstückstische, um CHF 0.04 auf CHF 0.78 pro Kilogramm gesenkt.

Das ist kein vorübergehender Ausreisser. Indem die Branchenorganisation Milch diesen tieferen Preis für 11 Monate festlegt, signalisiert sie, dass es sich bei diesem Überangebot um eine strukturelle Krise und nicht um eine saisonale Schwankung handelt. Die enorme Menge an überschüssiger Milch hat das bisherige vierteljährliche Preismodell überholt. Die Branche braucht dringend Stabilität, selbst wenn diese zulasten der Margen der Produzenten geht. Mit 126 Millionen Kilogramm überschüssiger Milch, die auf der Lieferkette lasten, hat der Markt an Schwung verloren. Die Korrektur erfolgt hart und rasch.

Eine perfekte Mischung: Wetter, Zölle und Handel

Wie ist es dazu gekommen? Swissmilk führt die Krise auf mehrere zusammenwirkende Faktoren zurück, die eine ideale Ausgangslage für Überproduktion geschaffen haben. Die Natur spielte einen bösen Streich: Ein Sommer mit aussergewöhnlich günstiger Witterung brachte reichlich hochwertiges Futter hervor. Die Kühe, die sich an üppigem Gras gütlich taten, wurden immer produktiver und gaben mehr Milch, als der Markt aufnehmen konnte.

Gleichzeitig belasteten geopolitische Gegenwinde den Exportmarkt. US-Zölle haben die Unsicherheit im Welthandel verstärkt, für Ungewissheit in der Europäischen Union gesorgt und die Exportzahlen gedrückt. Da die Schweizer Milchwirtschaft ihre Produkte nicht im Ausland absetzen konnte, musste sie diese auf den Inlandmarkt zurückführen. Erschwerend kommen ungünstige Währungseffekte und bereits übervolle Butterlager hinzu. Es ist ein klassischer Fall, in dem ein Angebotsschock auf eine gelähmte Nachfrage trifft. Die Branche misst die Krise in Kilogramm und nicht in Litern. Das ist ein wichtiger Unterschied: Da Milch eine höhere Dichte hat, ist ihr Gewicht grösser als ihr Volumen, wodurch der Überschuss noch schwerer wiegt, als es auf dem Papier scheint.

Die Käsefalle: Warum die europäischen Märkte wichtig sind

Das Kernproblem liegt im Käsesektor. Stefan Kohler, Geschäftsführer der Branchenorganisation Milch, verweist auf die gefährlich wachsende Preisdifferenz zwischen Schweizer und ausländischen Produkten. Fast 50 % der Schweizer Milch werden zu Käse verarbeitet, weshalb die Branche an den teilweise liberalisierten Käsemarkt gebunden ist. Die Schweiz ist keine Insel: Sie steht in hartem Wettbewerb mit ihren europäischen Nachbarn.

Wird die Preisdifferenz zu gross, verliert Schweizer Käse seine Wettbewerbsfähigkeit. Er droht aus den Supermarktregalen verdrängt und durch günstigere ausländische Alternativen ersetzt zu werden. Die Preissenkung ist eine defensive Massnahme, ein notwendiges Übel, um zu verhindern, dass sich die Kluft zu einer unüberbrückbaren Lücke weitet. Während der Preis im A-Segment sinkt, bleiben die Preise im B-Segment für den Export und im C-Segment für überschüssige Milch auf dem Weltmarkt deprimierend tief. Letzterer liegt bei gerade einmal CHF 0.27. Die Strategie ist klar: Jetzt wird der Preis pro Kilogramm geopfert, um später Marktanteile zu sichern.

Bauern verlieren Geld: Die menschlichen Kosten der Effizienz

Für die Bauern vor Ort bedeuten diese makroökonomischen Anpassungen massive finanzielle Einbussen. Boris Beuret, Präsident des Schweizer Milchproduzentenverbands und selbst Bauer, beziffert den Verlust: «Ich werde über das Jahr rund CHF 16'000 an Einnahmen verlieren.» Für einen mittelgrossen Betrieb mit 60 Kühen im Jura ist das ein erheblicher Einschnitt in die Bilanz.

Trotz der finanziellen Einbussen unterstützte Beuret die Preissenkung und verwies auf das «Interesse an Stabilität». Doch Stabilität fordert Opfer. Die Bauern müssen nun drastische Massnahmen ergreifen, um die Produktion zu drosseln. Beuret berichtet, dass er die Fütterung anpasst, um die Erträge zu senken, und, noch schwerwiegender, ältere Kühe früher als geplant zur Schlachtung schickt. Die Branche verzehrt ihre eigenen Ressourcen, um den Überschuss zu überstehen. Das zeigt deutlich: In der Rechnung der Agrarwirtschaft leisten die Bauern immer die erste Zahlung.

Systemisches Versagen: Das Paradox der Produktivität

Fachleute sagen, dass es sich nicht bloss um Pech handelt, sondern um ein systemisches Versagen. Der Wirtschaftsprofessor Mathias Binswanger erklärt, das Milchproduktionssystem sei «sich selbst überlassen» worden, wodurch ein widersprüchliches System entstanden sei. Die aktuelle Agrarpolitik ist paradox: Sie schafft Anreize für Bauern, ihre Produktivität stark zu steigern und Kosten zu senken, und drängt sie so zu einer ertragsstarken, futterintensiven Landwirtschaft.

Dieser industrielle Kurs zerstört jedoch genau jenes Bild, das die Schweiz vermitteln möchte. «Was wir eigentlich fördern wollen, die graslandbasierte Landwirtschaft mit Kühen, die den Sommer auf den Alpenweiden verbringen, droht verloren zu gehen», warnt Binswanger. Wir subventionieren einen Wettlauf nach unten, bei dem Kühe mit importiertem Futter gefüttert werden, um Milch zu produzieren, die niemand braucht, während der traditionelle Älpler zum Relikt der Vergangenheit wird. Während die Branche darauf wartet, dass sich Angebot und Nachfrage wieder einpendeln, steht die Seele der Schweizer Landwirtschaft auf dem Spiel.