Geschichte
Schweizer Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus: Wettbewerb in Bern lanciert
Die Regierung startet ein 2,5-Millionen-Franken-Projekt für ein Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus auf der Berner Casinoterrasse und ruft zu multidisziplinären Gestaltungsvorschlägen auf.

Die Schweiz meisselt ihre historische Verantwortung endlich in Stein. In einem entscheidenden Schritt zur Auseinandersetzung mit den Schatten der Vergangenheit hat die Regierung offiziell einen hochkarätigen Wettbewerb für die Gestaltung eines nationalen Denkmals für die Opfer des Nationalsozialismus lanciert. Mit einem beträchtlichen Budget von 2,5 Millionen Franken (3,1 Millionen Dollar) ausgestattet, signalisiert das Projekt einen grundlegenden Wandel im Umgang des Landes mit seinem Erbe aus dem Zweiten Weltkrieg.
Das Aussenministerium richtete am Freitag einen eindringlichen Aufruf an multidisziplinäre Teams aus den Bereichen Kunst, Architektur und Geschichte, Vorschläge einzureichen. Es handelt sich nicht bloss um ein Bauprojekt, sondern um einen nationalen Auftrag. Die 2023 bewilligte Finanzierung soll einen dauerhaften, öffentlich zugänglichen Ort schaffen, der verhindert, dass die Gräueltaten der Nazizeit in Vergessenheit geraten. Mit der Investition von Millionen sendet Bern eine unmissverständliche Botschaft: Erinnerung ist nicht passiv, sie erfordert aktive Investitionen und eine greifbare Präsenz.
Bern, Casinoterrasse: eine Bühne der Erinnerung
Der Standort ist ebenso strategisch wie symbolträchtig. Das Denkmal soll auf der Casinoterrasse entstehen, einem Ort, der aufgrund seiner prominenten Lage im Herzen der Bundesstadt ausgewählt wurde. Der Vorschlag des Berner Gemeinderats rückt die Last der Geschichte an diesem malerischen Ort direkt ins Blickfeld der Öffentlichkeit und bringt den Schweizer Alltag mit der historischen Auseinandersetzung in Berührung.
Die Zugänglichkeit hat höchste Priorität. Das Aussenministerium betont, dass der Standort nicht abgelegen, sondern zentral gelegen, zu Fuss erreichbar und für Menschen mit eingeschränkter Mobilität vollständig zugänglich ist. Durch die Einbettung ins Stadtgefüge wird das Denkmal kein stilles Relikt am Rand, sondern ein zentraler Bestandteil der Berner Kulturlandschaft sein. Mit der Wahl der Casinoterrasse stellen die Behörden sicher, dass der Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart für Einheimische und Besuchende physisch unausweichlich bleibt.
Geschichte konfrontieren: Verantwortung in Stein
Bei diesem Projekt geht es um mehr als ästhetische Schönheit, es verlangt eine schonungslose Auseinandersetzung. Im Wettbewerbsprogramm wird ausdrücklich ein Entwurf gefordert, der «zeitgemäss und ästhetisch wirkungsvoll» ist, doch der Kernauftrag geht weiter. Das Denkmal muss sich mit der Verfolgung der Opfer befassen und insbesondere die spezifischen Verbindungen der Schweiz zu diesen Gräueltaten untersuchen. Es zwingt zur Auseinandersetzung mit der Politik des «vollen Bootes» und der komplexen Haltung des Landes während des Krieges.
Der Entwurf soll als Ausgangspunkt für Bildung dienen und eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Schweizer Geschichte während der Nazizeit und ihren Auswirkungen bis in die Gegenwart fördern. Künstlerinnen, Künstler und Historikerinnen und Historiker sind gefordert, das unsichtbare Gewicht historischer Verantwortung sichtbar zu machen. Das Denkmal soll eine Brücke schlagen zwischen den Opfern der Vergangenheit und den moralischen Verpflichtungen der modernen Schweiz. So soll sichergestellt werden, dass die schwierigen Fragen zu Neutralität und Mittäterschaft nicht zum Schweigen gebracht, sondern für künftige Generationen verstärkt ins Bewusstsein gerückt werden.
Der Weg bis 2028: von der Vision zur Wirklichkeit
Die Zeit für dieses bedeutende Vorhaben drängt. Eine hochkarätige Jury unter dem Vorsitz der renommierten Kunsthistorikerin und Kuratorin Madeleine Schuppli wurde eingesetzt, um das Auswahlverfahren zu begleiten. Das 15-köpfige Gremium vereint sechs Vertreterinnen und Vertreter des Bundes und der Stadt Bern mit neun unabhängigen Fachleuten aus den Bereichen Kunst, Architektur, Geschichte und Bildung.
Der Zeitplan ist ambitioniert und genau festgelegt. Die Jury soll den Siegerbeitrag bis Anfang 2026 auswählen, Verzögerungen sind nicht vorgesehen. Nach der Auswahl geht das Projekt rasch in die Realisierungsphase über, die Fertigstellung ist für 2027 oder 2028 vorgesehen. Während die Schweiz diesem Termin näher kommt, wächst die Erwartung an ein Wahrzeichen, das die bauliche und ethische Landschaft der Hauptstadt dauerhaft verändern wird.