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Swiss Observer

Schweizer Märtyrer bei Feier in Barcelona seliggesprochen

François-Benjamin May wird als erster Schweizer Maristenbruder von der katholischen Kirche seliggesprochen. Anerkannt werden sein pädagogisches Wirken und sein Martyrium.

Schweizer Märtyrer bei Feier in Barcelona seliggesprochen
AISWI swissinfo.ch

Am 12. Juli wurde in Barcelona Geschichte geschrieben: Die katholische Kirche sprach François-Benjamin May offiziell selig. Damit wurde ein bedeutender Moment für die Schweizer Religionsgeschichte markiert. Bei einer feierlichen Zeremonie wurde May als erster Schweizer Maristenbruder seliggesprochen. Der hochrangige Kardinal Marcello Semeraro, offizieller Vertreter des Papstes, leitete die Feier. Sie unterstreicht die tiefe Anerkennung, die der Vatikan Mays Opfer entgegenbringt.

In Barcelona herrschte eine von Ehrfurcht geprägte Atmosphäre. Kardinal Juan José Omella, Erzbischof von Barcelona, beaufsichtigte die Feier gemeinsam mit. Dabei handelt es sich nicht bloss um eine religiöse Formalität, sondern um eine kraftvolle Bekräftigung des Schweizer spirituellen Erbes auf internationaler Ebene. Die Seligsprechung festigt Mays Status nicht nur als historische Persönlichkeit, sondern auch als herausragendes Symbol eines Glaubens, der Gewalt überdauert. Indem die Kirche einen Schweizer seligspricht, der im Ausland ums Leben kam, unterstreicht sie die universelle Bedeutung dieses Martyriums und schlägt eine Brücke zwischen den stillen Tälern der Schweiz und der bewegten Geschichte Kataloniens.

Bruder Lycarion: Bildung als Wandel

In seiner Gemeinschaft war May als «Bruder Lycarion» bekannt. Er war weit mehr als ein Opfer von Gewalt: Er setzte sich unermüdlich für die Arbeiterklasse ein. Die Gemeinschaft der Maristenbrüder erklärte nachdrücklich, die Seligsprechung sei die «offizielle Anerkennung eines ganz Gott geweihten Lebens». Seine Waffe war nicht die Rhetorik, sondern die Bildung. May betrachtete den Unterricht als radikalen Akt der Liebe und des gesellschaftlichen Wandels. Sein Leben widmete er der Förderung der Kinder des Proletariats, die von der Gesellschaft oft übersehen wurden.

Er verkörperte die raue Wirklichkeit des Dienstes an anderen. Er versteckte sich nicht in Klöstern, sondern ging auf die Strassen, geleitet von einer «bedingungslosen Liebe zu den Kindern, insbesondere zu jenen aus der Arbeiterklasse». In einer Zeit wachsender sozialer Unterschiede war Bruder Lycarion ein Leuchtfeuer der Demut und der Nähe. Sein Vermächtnis fordert die moderne Welt heraus, Bildung nicht als Ware, sondern als göttlichen Dienst zu betrachten. Die Anerkennung durch die Kirche würdigt ein Leben, das er mitten in der Armut verbrachte, und bestätigt, dass sein Einfluss auf die Jugend seiner Zeit ebenso bedeutend war wie sein späteres Martyrium.

Martyrium inmitten gesellschaftlicher Unruhen

François-Benjamin Mays Weg zur Seligsprechung war während der gewaltsamen sozialen Aufstände von 1909 mit Blut gepflastert. Barcelona, die Stadt, die heute seine Seligsprechung feiert, war Schauplatz seiner brutalen Ermordung. In einer Zeit intensiver antireligiöser Stimmung und erbitterter Klassenkämpfe blieb May seinen Überzeugungen treu. Während der «Tragischen Woche» in Barcelona eskalierte die Lage zu gezielten Angriffen auf religiöse Persönlichkeiten, und May wurde zum Opfer dieser chaotischen Gewalt.

Papst Franziskus erkannte May in seinem Dekret ausdrücklich als Märtyrer an und hob seine «Hingabe an die Schwächsten» selbst angesichts des Todes hervor. Es handelte sich nicht um einen Unfalltod, sondern um die gezielte Tötung eines Mannes, der inmitten der Anarchie für Glauben und Ordnung stand. Die Anerkennung durch den Vatikan erinnert eindringlich an die Gefahren, denen sich Menschen aussetzen, die sich in instabilen Regionen dem geistlichen Dienst verschreiben. May bezahlte für seine Sichtbarkeit als Mann Gottes den höchsten Preis. So wurde eine sinnlose Gewalttat zu einem bleibenden Zeugnis geistiger Standhaftigkeit.

Der jahrzehntelange Weg zur Anerkennung

Der Weg zur Anerkennung für Bruder Lycarion dauerte ganze 60 Jahre. Das Seligsprechungsverfahren, das 1966 offiziell begann, hat nun endlich seinen Höhepunkt erreicht. Fast sechs Jahrzehnte sorgfältiger Untersuchungen und beharrlicher Bemühungen waren nötig, bevor Papst Franziskus am 27. Januar 2025 das entscheidende Dekret unterzeichnete. Dieser lange Zeitraum unterstreicht die gründliche Prüfung, der die Heiligsprechungsverfahren der katholischen Kirche unterliegen.

In der Pressemitteilung hob der Vatikan Mays «pädagogisches, spirituelles und gesellschaftliches Engagement» hervor. Damit bestätigte er, dass seine Erhebung auf einer umfassenden Betrachtung seines Lebens und nicht nur seines Todes beruht. Das lang erwartete Dekret schliesst ein Verfahren ab, das mehrere Pontifikate und wechselnde weltpolitische Verhältnisse umfasste. Für die Schweizer katholische Gemeinschaft war das Warten lang, aber lohnend. Der erfolgreiche Abschluss dieses Verfahrens zeigt, dass die Kirche ihre Helden nicht vergisst, ganz gleich, wie viel Zeit vergangen ist. François-Benjamin May ist nun dauerhaft in das Verzeichnis der Seligen aufgenommen, sein Name ist in die Geschichte eingegangen.