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Swiss Observer

Schweizer Technologiekomponenten laut Bericht in grossem Umfang in russischen Waffen entdeckt

Eine Untersuchung zeigt, dass trotz Sanktionen zahlreiche von Schweizer Unternehmen hergestellte Komponenten, darunter Mikroprozessoren und GPS-Module, in russischem Militärgerät entdeckt wurden, das in der Ukraine eingesetzt wird. Damit ist die Schweiz eines der wichtigsten europäischen Herkunftsländer für solche Technologie.

Schweizer Technologiekomponenten laut Bericht in grossem Umfang in russischen Waffen entdeckt
AISWI swissinfo.ch

In den Trümmern russischer Militärgeräte in der Ukraine wurden unglaubliche 322 verschiedene, von Schweizer Unternehmen hergestellte Komponenten gefunden. Diese erschütternde Enthüllung stellt die Vorstellung wirksamer Sanktionen infrage. Während die Schweiz stolz auf ihre humanitäre Neutralität ist, legt eine explosive Untersuchung des Committee for Freedom in Hong Kong und ukrainischer Behörden eine düstere Realität offen: Das Alpenland ist inzwischen Europas wichtigste Quelle für Technologie, die Putins Kriegsmaschinerie antreibt.

Von Leitsystemen tödlicher Raketen bis zu Navigationsmodulen von Angriffsdrohnen ist Schweizer Ingenieurskunst auf dem Schlachtfeld allgegenwärtig. Samuel Bickett, ein prominenter Menschenrechtsaktivist, zieht ein ernüchterndes Fazit: «Auf dem ukrainischen Schlachtfeld tauchen mehr Komponenten von Schweizer Unternehmen auf als aus praktisch jedem anderen europäischen Land.» Dabei handelt es sich nicht bloss um einen vereinzelten Strom illegaler Güter, sondern um einen systematischen Fluss kritischer Technologien, darunter Mikroprozessoren, GPS-Module und Steckverbinder, die die tägliche Bombardierung ukrainischer Städte ermöglichen. Während in ganz Kyjiw die Luftalarmsirenen heulen, ist die unbequeme Wahrheit, dass hinter der Präzision der Zerstörung oft ein Schweizer Markenname steht.

Die Lieferkette nachverfolgen: Grosskonzerne im Fokus

Die Untersuchung nennt Schwergewichte der Schweizer Industrie und zieht angesehene Unternehmen in den geopolitischen Sog. Komponenten von Huber+Suhner, der Genfer Lemo Group, Ublox und ST Microelectronics wurden in russischen Waffen identifiziert. Die Daten sind eindeutig: Es handelt sich nicht um veraltete Relikte, sondern um aktive Komponenten, die die moderne Kriegsführung antreiben. Besonders alarmierend ist die Entdeckung eines Ublox-GPS-Moduls aus einer russischen Drohne, das erst im März 2025 hergestellt wurde, drei Jahre nach Beginn der umfassenden Invasion.

Die Unternehmen weisen direkte Verfehlungen entschieden zurück und verweisen auf strenge vertragliche Verpflichtungen sowie die Einstellung ihrer Geschäfte in Russland. Doch die vor Ort gefundenen physischen Beweise erzählen eine andere Geschichte. Ublox verteidigt sich damit, dass es sich bei diesen Artikeln um in grossen Stückzahlen hergestellte Dual-Use-Güter handle, die von E-Trottinetten bis zu Baugeräten in allem zu finden seien und sich leicht für andere Zwecke einsetzen liessen. Diese Argumentation mindert jedoch kaum die tödlichen Folgen. Huber+Suhner räumte ein, verdächtige Transaktionen überprüft zu haben, verwies aber auf unvollständige Unterlagen. Das verdeutlicht, wie undurchsichtig die Wege dieser Komponenten sind. Dass diese Marken in russischen Zolldaten auftauchen, deutet auf ein katastrophales Versagen bei der Kontrolle der Endverwendung hin.

Die Blockade umgehen: Schattenhandelsrouten

Wie gelangt Schweizer Technologie durch die Sanktionsbarriere? Die Antwort liegt in einem komplexen, undurchsichtigen Netz von Zwischenhändlern und Umleitungen über Drittstaaten. Die Lieferkette hat sich verändert, um direkte Blockaden zu umgehen, wobei asiatische Drehscheiben zu wichtigen Zwischenstationen geworden sind. Von Ermittlern ausgewertete russische Zolldokumente zeigen, dass Antennensteckverbinder von Huber+Suhner am 24. Januar 2024 in Hongkong eintrafen. Sie waren für ein Unternehmen bestimmt, das die russischen Streitkräfte direkt beliefert.

Dieses ausgeklügelte Umgehungsnetz macht direkte Exportverbote nahezu wirkungslos. Die Komponenten werden nicht von Zürich nach Moskau verschickt, sondern gelangen über ein Labyrinth von Vertriebsunternehmen in Gebieten wie Hongkong, der Türkei oder Zentralasien über die russische Grenze. Die Hersteller geben an, nichts davon gewusst zu haben, und verweisen darauf, dass sich in einem globalen Markt nicht jeder Vertriebspartner überwachen lasse. Das Fortbestehen dieser Lieferströme deutet jedoch darauf hin, dass die aktuellen «Know your customer»-Verfahren völlig unzureichend sind, um einer entschlossenen russischen Beschaffungsmaschinerie entgegenzuwirken, die auf Schweizer Präzision angewiesen ist, um ihre Angriffsfähigkeit aufrechtzuerhalten.

Durchsetzung und Realität: Der Streit um die Rechenschaftspflicht

Das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) erklärt, es gehe dagegen vor, und betont, dass es seinen Personalbestand seit 2022 verdreifacht habe, um Verstösse «konsequent» zu verfolgen. Für Kritiker wie Samuel Bickett sind diese bürokratischen Massnahmen jedoch angesichts der Flut an Technologie, die über die Grenze gelangt, kaum mehr als ein Tropfen auf den heissen Stein. Der derzeitige Ansatz, erst nachträglich zu ermitteln, kann den Strom nicht eindämmen.

Bickett fordert eine drastische Verschärfung: Die Schweiz müsse jeden einzelnen Artikel überprüfen, der in russischen Zolldaten auftauche, und die gesamte Lieferkette konsequent sanktionieren, also Hersteller, Logistikdienstleister, Banken und Versicherer. Die Folgen für die Schweiz sind tiefgreifend. Während das Land darum ringt, Neutralität im 21. Jahrhundert zu definieren, wird sein Ruf durch jeden Schweizer Chip in einer russischen Rakete beschädigt. Ohne eine grundlegende Überarbeitung der Exportkontrollen und die Bereitschaft, Fahrlässigkeit zu bestrafen, droht die Schweiz nicht als neutrale Friedensstifterin, sondern als ungewollte Waffenlieferantin für einen Angriffskrieg in Erinnerung zu bleiben.