Kultur
Die Schweizer Literatur trauert: Zwei bedeutende Autoren sind gestorben
Die Schweizer Literaturszene muss einen doppelten Verlust verkraften: Mit dem Tod des gefeierten Schriftstellers Peter Bichsel (89) und von Diccon Bewes (57), dem Autor von «Swiss Watching».

Die Schweizer Kulturlandschaft ist von einem verheerenden doppelten Verlust getroffen worden. Innerhalb einer einzigen Woche hat das Land zwei seiner unverwechselbarsten literarischen Stimmen verloren. Damit verliert die Gemeinschaft sowohl eine historische Säule als auch einen modernen Vermittler. Der Tod von Peter Bichsel, 89, und Diccon Bewes, 57, markiert einen düsteren Wendepunkt für die Schweizer Literatur.
Während Bichsel die tiefgründige, nach innen gekehrte Seele der schweizerdeutschen Literatur des 20. Jahrhunderts verkörperte, war Bewes eine wichtige Brücke zwischen der Schweiz und der englischsprachigen Welt. Der Kontrast ist scharf und schmerzhaft: Der eine, ein grosser Altmeister mit einer beeindruckenden, 60 Jahre umspannenden Laufbahn, starb nur wenige Tage vor seinem 90. Geburtstag; der andere, ein lebendiger Kulturbotschafter, wurde in der Blüte seines Lebens von Krebs dahingerafft. Es ist nicht bloss der Verlust zweier Menschen, sondern das gleichzeitige Ende zweier wichtiger Kapitel der nationalen Erzählung. Die Literaturszene muss nun mit einer Lücke umgehen, die Generationen, Genres und Perspektiven umfasst.
Bichsel: Der Meister des Erzählens verstummt
Peter Bichsel, ein Titan der Schweizer Literatur, ist nur wenige Tage vor einem Meilenstein gestorben, den das ganze Land zu feiern bereit war. Der 89-jährige Schriftsteller ist am Samstag in Zuchwil friedlich verstorben. Damit bleibt der Literaturwelt die Gelegenheit verwehrt, am 24. März auf seinen 90. Geburtstag anzustossen. Sechs Jahrzehnte lang war Bichsel ein Gigant der Kurzgeschichte. Sein Einfluss wurde mit dem Grossen Schillerpreis und dem Solothurner Literaturpreis gewürdigt.
Sein Aufstieg begann mit dem ikonischen Erzählband Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen, der sofort international Anerkennung fand und vom legendären Kritiker Marcel Reich-Ranicki begeistert besprochen wurde. Bichsel war nicht bloss Schriftsteller, sondern eine Institution. In Luzern geboren und in Solothurn verwurzelt, schuf er Erzählungen, die weit über die Schweizer Grenzen hinaus Anklang fanden. Das tragische Timing ist deutlich spürbar: Ein eigens eingerichtetes «Bichsel-Büro» samt mobilem Museum, das seine Themen lebendig halten soll, sollte genau an jenem Geburtstag eröffnet werden, den er nun nicht mehr erleben wird. Seine Stimme ist verstummt, doch seine Meisterschaft im Umgang mit dem geschriebenen Wort bleibt unbestritten.
Bewes: Der Aussenstehende, der uns am besten verstand
Krebs hat Diccon Bewes im alarmierend jungen Alter von 57 Jahren das Leben gekostet und damit den scharfsinnigsten Beobachter der Schweizer Lebensart zum Schweigen gebracht. Der in Grossbritannien geborene Schriftsteller, der 2020 Schweizer Bürger wurde, lebte nicht einfach hier, sondern entschlüsselte das Land für den Rest der Welt. Sein Meisterwerk Swiss Watching aus dem Jahr 2010 verkaufte sich nicht nur gut, sondern führte auch die Bestsellerlisten an und prägte neu, wie Expats und Einheimische die Eigenheiten der Alpennation sehen.
Bewes war eine Naturgewalt im Kulturbereich. Er leitete die englische Buchhandlung im Berner Stauffacher und war Mitglied des Publikumsrats von SWI swissinfo.ch. Dabei liess er sich ganz auf seine Wahlheimat ein. Berühmt wurde seine Aussage, er liebe das «langsamere und entspanntere» Lebenstempo in der Schweiz. Heute klingt dieses Gefühl unheimlich nach, da sein eigenes Leben jäh zu Ende gegangen ist. Ob er Slow Train to Switzerland oder Around Switzerland in 80 Maps schrieb, Bewes besass eine seltene Gabe: Er hielt der Schweiz einen Spiegel vor, der zugleich kritisch und von tiefer Zuneigung geprägt war. Sein Tod am 11. März hinterlässt eine Lücke im interkulturellen Verständnis, die kaum zu füllen sein wird.
Vermächtnisse, die den Tod überdauern
Der Tod hat die Autoren gefordert, kann ihrem Schaffen aber keinen Einhalt gebieten. In einer bewegenden Wendung des Schicksals gewinnen die Werke beider Männer weiter an Bedeutung, während sie zu Grabe getragen werden. Das Projekt «Bichsel-Büro» wird weitergeführt und wandelt sich von einer Geburtstagsfeier zu einer Gedenkstätte. Das mobile Museum wird in die Öffentlichkeit gebracht und soll dafür sorgen, dass Bichels Themen seinen Tod weit überdauern.
Auch Diccon Bewes nimmt uns noch auf eine letzte Reise mit. Sein letztes Buch, The Best Swiss Train Rides, soll im April erscheinen und zeugt postum von seiner Leidenschaft für das Reisen in der Schweiz. Diese bevorstehenden Veröffentlichungen erinnern eindringlich daran: Die Autoren sind gegangen, ihre Worte aber bleiben unsterblich. Für die Schweizer Öffentlichkeit bieten die kommenden Wochen eine besondere Gelegenheit, diese Männer nicht mit Schweigen, sondern mit der Beschäftigung mit ihrem hinterlassenen Werk zu ehren. Die Seiten werden umgeblättert, und die Geschichte der Schweizer Literatur geht weiter, zweifellos bereichert durch ihren Beitrag.