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Swiss Observer

Schweizer Blockchain-Innovation verändert die humanitäre Hilfe

Genf leistet Pionierarbeit mit neuer Blockchain-Technologie für schnellere und sicherere humanitäre Geldtransfers. Ein erfolgreiches Pilotprojekt in der Ukraine führt zur Einrichtung eines neuen Kompetenzzentrums.

Schweizer Blockchain-Innovation verändert die humanitäre Hilfe
AISWI swissinfo.ch

Angesichts von weltweit sage und schreibe 122 Millionen Menschen, die Mitte 2024 gewaltsam vertrieben worden waren, steht der humanitäre Sektor an einem kritischen Wendepunkt. Herkömmliche Hilfsmechanismen geraten unter dem Druck globaler Krisen ins Wanken und leiden unter langen Bearbeitungszeiten und exorbitanten Transaktionskosten. Genf setzt nun neue Massstäbe. Das globale Diplomatiezentrum richtet sich zunehmend darauf aus, zur Schaltzentrale für blockchainbasierte humanitäre Innovation zu werden. Mit der Einrichtung eines neuen Kompetenzzentrums signalisiert das UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) eine dauerhafte Abkehr von veralteten Banküberweisungen hin zu dezentralen, blitzschnellen digitalen Lösungen.

Dabei geht es nicht bloss um eine administrative Verbesserung, sondern um eine grundlegende Neugestaltung der Unterstützung für die am stärksten gefährdeten Menschen weltweit. Stefan Bumbacher von der Schweizerischen Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) bringt es unmissverständlich auf den Punkt: «Transaktionen über Landesgrenzen hinweg sind oft langsam und kostspielig.» In Krisengebieten, in denen die Infrastruktur zerstört wurde, versagen die alten Methoden schlicht. Die Genfer Initiative soll bürokratische Hürden abbauen und sicherstellen, dass jeder gespendete Franken sein Ziel erreicht, ohne durch Gebühren oder Verzögerungen geschmälert zu werden.

Pilotprojekt in der Ukraine: Tempo statt Bürokratie

Der Praxistest läuft bereits, und die Ergebnisse sind eindeutig. In einem ambitionierten Pilotprojekt, das im Dezember 2022 gestartet wurde, nutzte das UNHCR das Stellar-Blockchain-Netzwerk, um die herkömmlichen finanziellen Hürden im kriegsgeplagten Ukraine zu umgehen. Die Wirkung zeigte sich sofort. Innerhalb eines Jahres zahlte die Initiative erfolgreich mehr als 1,1 Millionen US-Dollar (1 Million Franken) direkt an 1500 vertriebene Menschen aus. Dieses System macht die Wartezeiten des traditionellen Bankwesens hinfällig.

Anders als herkömmliche Hilfe, die tagelang oder wochenlang in der Bearbeitung feststecken kann, erfolgen diese Blockchain-Transaktionen in Echtzeit. Das System bietet ein unveränderliches, transparentes Register, das nicht manipuliert werden kann. Dies ist in Konfliktgebieten, die anfällig für Korruption und Instabilität sind, besonders wichtig. Das Pilotprojekt dient als überzeugende Vorlage für die Zukunft und zeigt, dass digitales Geld nicht nur ein theoretisches Konzept für Technikbegeisterte ist, sondern unter härtesten Bedingungen eine Überlebenshilfe sein kann.

Banken umgehen: Die Brieftasche der Zukunft

Für Flüchtlinge ohne Bankkonto ist das traditionelle Finanzsystem eine Festung mit verschlossenen Türen. Diese von der Schweiz angeführte Initiative reisst diese Türen auf. Das Verfahren ist denkbar einfach: Flüchtlinge registrieren sich, laden eine App für eine digitale Brieftasche herunter und lassen sich verifizieren. Innerhalb weniger Minuten geht das Geld ein. Entscheidend ist, dass dafür kein Bankkonto erforderlich ist. Die Empfängerinnen und Empfänger können eine der 4500 MoneyGram-Filialen in der Ukraine aufsuchen und ihre digitalen Guthaben sofort in Bargeld umtauschen.

Malik El Bay vom Zürcher Thinktank Dezentrum betont die Flexibilität dieses Ansatzes: «Eine vertriebene Person kann das Geld sicher in ihrer digitalen Brieftasche aufbewahren oder es in einer beliebigen Währung abheben, wo immer sie sich befindet.» Diese Flexibilität ist für Menschen unterwegs besonders wichtig, denn sie überqueren möglicherweise Grenzen oder sind mit schwankenden Wechselkursen der lokalen Währung konfrontiert. Indem die Hilfe von einer herkömmlichen Bankeninfrastruktur losgelöst wird, setzt sich die Schweiz für ein Modell der finanziellen Inklusion ein, das Menschen, die von Katastrophen betroffen sind, Würde und Selbstbestimmung zurückgibt.

Die strategische Ausrichtung der Schweiz auf Tech-Hilfe

Die Schweiz beherbergt diese Organisationen nicht nur, sondern gestaltet aktiv die Zukunft der Auslandshilfe. Indem sie die Finanzkompetenz des «Crypto Valley» mit dem humanitären Erbe des «Internationalen Genf» verbindet, schafft sich das Land eine einzigartige globale Nische. Die Einrichtung des Kompetenzzentrums in Genf ist eine klare Absichtserklärung: Die Schweiz will weltweit eine führende Rolle bei Tech4Good übernehmen.

Da die Zahl der weltweit Vertriebenen auf über 122 Millionen steigt, wird der Bedarf an skalierbaren, sicheren und rasch verfügbaren Hilfsmechanismen weiter zunehmen. Die DEZA und Partner mit Sitz in der Schweiz positionieren sich an der Spitze dieses Wandels. Während andere Länder mit den regulatorischen Herausforderungen der Blockchain ringen, setzt die Schweiz sie zur Rettung von Menschenleben ein. Dieses Zusammenspiel aus Schweizer Neutralität, Finanzinnovation und humanitärem Engagement setzt neue Massstäbe dafür, wie die internationale Gemeinschaft auf Krisen reagiert.