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Swiss Observer

Schweizer Parlamentarier erwägen mildere «Too Big to Fail»-Regeln für die UBS

Nach dem Zusammenbruch der Credit Suisse signalisieren Schweizer Parlamentarierinnen und Parlamentarier Kompromissbereitschaft bei den strengen neuen Kapitalanforderungen für die UBS. Dadurch könnte die vorgeschlagene Erhöhung um 22 Milliarden US-Dollar geringer ausfallen, während der Bundesrat sein neues Reformpaket fertigstellt.

Schweizer Parlamentarier erwägen mildere «Too Big to Fail»-Regeln für die UBS
AISWI swissinfo.ch

Eine gewaltige Kapitalforderung von 22 Milliarden US-Dollar steht auf der Kippe, während Schweizer Parlamentarierinnen und Parlamentarier einen deutlichen Rückzieher bei den harten Bankenreformen der Regierung signalisieren. In einem Schritt, der die tektonischen Platten des Schweizer Finanzwesens verschiebt, haben führende Parlamentarierinnen und Parlamentarier den UBS-Führungskräften vertraulich zugesichert, dass die strengen «Too Big to Fail»-Regeln abgeschwächt werden. Dieser mögliche Kompromiss droht, das Kernstück der Reaktion von Finanzministerin Karin Keller-Sutter auf den Zusammenbruch der Credit Suisse im Jahr 2023 auszuhebeln. Während das Finanzdepartement ursprünglich die letzte globale Bank des Landes mit 17,6 Milliarden Franken zusätzlichem Kapital stärken wollte, schwindet die politische Bereitschaft, eine derart massive Belastung mitzutragen. Befürworter des Kompromisses argumentieren, der ursprüngliche Vorschlag sei zu streng und könnte gerade jene Institution lähmen, die er stabilisieren soll. Dieser Kurswechsel ebnet jedoch den Weg für eine heftige Auseinandersetzung mit den linken Parteien, die absolute Sicherheit höher gewichten als die Rentabilität von Unternehmen. Während die Regierung ihren endgültigen Entscheid in diesem April veröffentlichen will, blickt die Finanzwelt nach Bern und fragt sich, ob die Schweiz noch den Willen hat, ihre Bankenriesen in die Schranken zu weisen.

Die UBS nutzt die Drohung mit dem «Exodus»

Die UBS verhandelt nicht bloss, sie kämpft um ihre globale Stellung. Führungskräfte haben eindringlich gewarnt: Ohne Kompromiss könnte die Bank ihren Sitz in Länder mit «günstigeren» Rahmenbedingungen verlegen. Die Bank macht geltend, die vorgeschlagenen Regeln würden den Schweizer Finanzsektor deutlich stärker regulieren als seine Konkurrenten in London oder New York und so einen beispiellosen Wettbewerbsnachteil schaffen. Dieses Argument der «regulatorischen Arbitrage» trifft in einem Land einen Nerv, das stolz darauf ist, ein führender globaler Finanzplatz zu sein. Die UBS setzt ihre Hoffnungen auf eine wichtige parlamentarische Kommission für Wirtschaft, die im Mai die Kontrolle über den Gesetzgebungsprozess übernimmt. Indem die Bank die Kapitalanforderung von 22 Milliarden US-Dollar als «Kapitalstrafe» darstellt, hat sie die Debatte erfolgreich von der Sicherheit auf die Wettbewerbsfähigkeit verlagert. Während das Finanzdepartement einen Vorschlag, die Hälfte der Anforderungen mit AT1-Anleihen zu erfüllen, zuvor abgelehnt hatte, deuten die wechselnden politischen Kräfte darauf hin, dass die Druckkampagne der Bank Wirkung zeigt. Die Spannung ist spürbar, während die Schweiz darüber entscheidet, wie viel Risiko sie von einer Bank hinnehmen kann, deren Bilanz die Binnenwirtschaft bei Weitem übertrifft.

Die 20-Milliarden-Abschirmung durch ausländisches Kapital im Detail

Im Zentrum des Kompromisses steht ein umfangreicher Bestandteil des Reformpakets in Höhe von 20 Milliarden US-Dollar: das Kapital, das für ausländische Tochtergesellschaften gehalten wird. Diese spezifische Anforderung soll sicherstellen, dass internationale Einheiten in einer Krise eigenständig abgewickelt werden können, ohne dass Schweizer Steuerzahlende einspringen müssen. Da dieser Teil des Pakets jedoch eine Abstimmung im Parlament erfordert, anders als die kleineren «Verordnungsänderungen» im Umfang von 2 bis 3 Milliarden US-Dollar, ist er besonders anfällig für eine Abschwächung. Die Parlamentarierinnen und Parlamentarier haben nun die Möglichkeit, diesen Betrag zu kürzen und der UBS so potenziell Milliarden einzusparen. Analysten schätzen, dass die vorgeschlagenen Massnahmen die Kapitalflexibilität der UBS insgesamt um bis zu 11 Milliarden US-Dollar hätten einschränken können, noch bevor die Regeln für ausländische Tochtergesellschaften angewandt wurden. Indem sie die internationale Eigenkapitalanforderung von 20 Milliarden US-Dollar ins Visier nehmen, können die Parlamentarierinnen und Parlamentarier geltend machen, sie schützten die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz und sicherten zugleich die «Qualität» des Kapitals durch Verordnungen des Bundesrats. Diese zweiteilige Regulierungsstruktur hat eine Lücke geschaffen, die die Parlamentarierinnen und Parlamentarier nun gern nutzen möchten, sehr zum Ärger der Aufsichtsbehörden, die darauf bestehen, dass diese Puffer der einzige Weg sind, eine Wiederholung der Credit-Suisse-Katastrophe zu verhindern.

Bern steht vor einem finanzpolitischen Scheideweg mit hohem Einsatz

Die Schweiz steht an einem entscheidenden Wendepunkt, der ihre wirtschaftliche Identität für die nächste Generation prägen wird. Die Entscheidung, die «Too Big to Fail»-Regeln abzuschwächen, ist nicht bloss eine technische Anpassung, sondern eine grundlegende Wahl zwischen absoluter finanzieller Sicherheit und globaler Marktdominanz. Gelingt es dem Parlament, die Anforderungen zu verwässern, behält die UBS ihre Schlagkraft auf der Weltbühne, doch der Schweizer Staat bleibt den Risiken eines einzelnen, gigantischen Kreditinstituts ausgesetzt. Umgekehrt könnte die Beibehaltung der Forderung von 22 Milliarden US-Dollar die Steuerzahlenden schützen, zugleich aber einen langsamen Niedergang Zürichs als erstklassigen Finanzplatz riskieren. Da die Kommission für Wirtschaft im Mai die Federführung übernehmen und die vollständigen Debatten im Juni stattfinden sollen, steht eine Lösung unmittelbar bevor. Das Ergebnis wird zeigen, ob die Schweiz ein durch eiserne Regeln geschützter «sicherer Hafen» bleibt oder sich als pragmatische Partnerin ihrer Unternehmenschampions versteht. Während der Geist der Credit Suisse über dem Bundeshaus schwebt, wird der derzeit vertraulich ausgehandelte Kompromiss bald dem grellen Licht der öffentlichen und internationalen Prüfung ausgesetzt sein. Für den Schweizer Franken und den Ruf des Landes stand noch nie so viel auf dem Spiel.