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Swiss Observer

Schweizer Nachrichtendienst wegen Datenleck an Russland unter Untersuchung

Der Verteidigungsminister leitet eine Untersuchung zu mutmasslichen Offenlegungen sensibler Informationen durch die Cyberabteilung an russische Nachrichtendienste zwischen 2015 und 2020 über Kaspersky ein.

Schweizer Nachrichtendienst wegen Datenleck an Russland unter Untersuchung
AISWI swissinfo.ch

Ein schwerer Schock erschüttert das Bundeshaus: Verteidigungsminister Martin Pfister leitet eine kritische Administrativuntersuchung ein, die das Herzstück der Schweizer Sicherheit betrifft. Dem Nachrichtendienst des Bundes (NDB) wird ein katastrophaler Vertrauensbruch vorgeworfen: die mutmassliche Weitergabe sensibler Daten an russische Nachrichtendienste. Es handelt sich nicht um ein geringfügiges bürokratisches Versehen, sondern um eine mögliche Erschütterung der Schweizer Neutralität und Sicherheitsarchitektur. Die Vorwürfe, die ein brisanter Bericht von SRF ans Licht gebracht hat, legen nahe, dass die Schweizer Cyberabteilung während eines erstaunlichen Zeitraums von fünf Jahren, zwischen 2015 und 2020, effektiv Informationen nach Moskau weiterleitete.

Die Tragweite dieser Situation kann kaum überschätzt werden. Die Schweiz ist stolz auf ihre Diskretion, doch diese Enthüllung deutet darauf hin, dass unser Nachrichtendienst möglicherweise von innen heraus kompromittiert wurde. Die Untersuchung soll feststellen, wie tief die Missstände reichen und ob die in den vergangenen Jahren ergriffenen Massnahmen nur Fassade waren. Angesichts der sich zuspitzenden geopolitischen Lage ist die Schweiz durch einen kompromittierten Nachrichtendienst verwundbar und ungeschützt. Die Regierung versucht nun, den Schaden einzudämmen. Doch die Frage bleibt: Wie viele unserer Staatsgeheimnisse sind bereits in den Händen des GRU?

Kaspersky als Einfallstor

Im Zentrum dieses Skandals steht ein umstrittener Name: Kaspersky. Der russische Cybersicherheitskonzern diente als digitale Leitung, über die Schweizer Geheimnisse mutmasslich direkt in den Kreml gelangten. Trotz wiederholter dringender Warnungen verbündeter Nachrichtendienste vor den Verbindungen Kasperskys zum russischen Staat setzte der NDB die Zusammenarbeit fort. Diese Entscheidung wirkt heute weniger wie Fahrlässigkeit als vielmehr wie ein systematisches Versagen des Urteilsvermögens. Die Daten verschwanden nicht einfach im digitalen Nirwana: Berichten zufolge gelangten sie zum GRU, dem russischen Militärgeheimdienst, also genau jener Organisation, die für aggressive Cyberoperationen gegen den Westen verantwortlich ist.

Die Abhängigkeit von einem Anbieter, der von zahlreichen westlichen Regierungen auf eine schwarze Liste gesetzt wurde, wirft alarmierende Fragen zur Kompetenz der ehemaligen Cyberabteilung des NDB auf. Während andere Länder ihre Firewalls gegen russische Eindringlinge verstärkten, soll die Schweiz die Hintertür geöffnet haben. Dieses Szenario eines «Trojanischen Pferdes» legt nahe, dass der NDB die geopolitische Realität des digitalen Zeitalters ignorierte und die Beziehung zu einem Anbieter über die nationale Sicherheit stellte. Die Untersuchung muss nun aufdecken, weshalb diese Warnungen ignoriert wurden und wer angesichts der erdrückenden Beweislage die weitere Verwendung kompromittierter Software genehmigte.

Internes Chaos und Vertuschung

Der NDB versucht, die Deutungshoheit zu behalten, und bezeichnet die Angelegenheit als alte Nachricht. Der Dienst sagt, er habe bereits drei separate Untersuchungen zu den «Vorfällen in der ehemaligen Cyberabteilung» durchgeführt und die Angelegenheit sei abgeschlossen. Als Beleg für seine Sorgfalt verweist er auf eine umfassende Reorganisation, die 2021 eingeleitet und im März 2024 abgeschlossen wurde. Wenn das Problem jedoch tatsächlich gelöst wurde, weshalb sah sich Minister Pfister dann veranlasst, eine externe, unabhängige Stelle mit der Überprüfung der Aufarbeitung zu beauftragen? Die Notwendigkeit einer neuen Untersuchung deutet auf mangelndes Vertrauen in die Fähigkeit des NDB hin, sich selbst zu kontrollieren.

Der zeitliche Ablauf zeigt ein beunruhigendes Muster reaktiver Massnahmen. Die Reorganisation umfasste eine «grundlegende Überarbeitung» der Beschaffungspraktiken und einen Ausbau der Kontrollmechanismen. Dennoch verfolgt der Schatten der Datenlecks von 2015 bis 2020 den Dienst weiterhin. Der NDB hat Bedauern geäussert, nicht unbedingt über die Datenlecks, sondern darüber, dass SRF die Einzelheiten veröffentlichte. Die Offenlegung habe «weitreichende Folgen». Diese defensive Haltung vermag die Sorgen der Öffentlichkeit kaum zu zerstreuen. Die Schweizer Bevölkerung hat ein Recht darauf zu erfahren, ob die «Reorganisation» eine echte Lösung war oder ein bürokratisches Verschieben, um die Versäumnisse der Vergangenheit zu begraben.

Politische Folgen in Bern

Die politischen Schockwellen hallen bereits im Bundesrat nach. Minister Pfister hat seine sechs Kolleginnen und Kollegen, die zuständigen parlamentarischen Kommissionen und die Eidgenössische Finanzkontrolle informiert. Das signalisiert, dass es sich um eine Krise höchster Ordnung handelt. In einer von Unsicherheit geprägten Welt ist ein funktionierender und vertrauenswürdiger Nachrichtendienst unabdingbar. Das Verteidigungsdepartement hat unmissverständlich erklärt, der Schutz der Schweiz habe oberste Priorität. Doch dieser Skandal untergräbt genau das Fundament dieses Schutzes.

Diese Untersuchung ist ein Prüfstein für die Fähigkeit der Schweizer Regierung, ihre geheim operierenden Akteure zur Rechenschaft zu ziehen. Sollte die externe Untersuchung ergeben, dass der NDB notwendige Schutzmassnahmen nicht umgesetzt oder, schlimmer noch, das Ausmass des Schadens vertuscht hat, werden Köpfe rollen. Die Integrität der Schweizer Neutralität hängt davon ab, dass wir unsere eigenen Geheimnisse bewahren können. Während die Untersuchung voranschreitet, steht der Bundesrat vor der gewaltigen Aufgabe, das Vertrauen in eine Institution wiederherzustellen, die sich offenbar ein halbes Jahrzehnt lang von Moskau hat ausmanövrieren lassen. Die Augen der Welt, insbesondere unserer skeptischen europäischen Nachbarn, sind nun auf Bern gerichtet.