Politik
Schweizer Nachrichtendienst im Visier einer Untersuchung zu russischer Spionage
Der Verteidigungsminister leitet eine Untersuchung zu mutmasslichen Weitergaben sensibler Daten über die Cyberabteilung an russische Nachrichtendienste ein

In einer bedeutenden Entwicklung, die in den Schweizer Sicherheitskreisen für Aufsehen gesorgt hat, hat Verteidigungsminister Martin Pfister eine formelle Untersuchung zu mutmasslichen Weitergaben sensibler Daten des Nachrichtendienstes des Bundes (NDB) an russische Nachrichtendienste eingeleitet. Die Untersuchung konzentriert sich auf Vorgänge zwischen 2015 und 2020, an denen die Cyberabteilung des NDB und ihre Zusammenarbeit mit dem russischen Cybersicherheitsunternehmen Kaspersky beteiligt waren.
Die Untersuchung folgt auf Enthüllungen des Schweizer Radios SRF, das Zugang zu einem geheimen NDB-Bericht erhielt. Darin werden nicht genehmigte Datenübermittlungen und fragwürdige Vorgehensweisen innerhalb des Cyberteams des Nachrichtendienstes beschrieben.
Die russische Verbindung: Zusammenarbeit mit Kaspersky
Im Zentrum des Skandals steht die Zusammenarbeit des Cyberteams des NDB mit Kaspersky, einem russischen Cybersicherheitsunternehmen, dem seit Langem enge Verbindungen zum Kreml nachgesagt werden. Dem geheimen NDB-Bericht zufolge leitete ein wichtiger Mitarbeiter, der nur als W. bezeichnet wird, das Cyberteam und baute innerhalb des Nachrichtendienstes eine quasi autonome Operation auf.
Das Team betrieb eine eigene IT-Infrastruktur und pflegte unregelmässige Kommunikationspraktiken, darunter die Nutzung privater Mobiltelefone für dienstliche Angelegenheiten. Die Zusammenarbeit mit Kaspersky trotz internationaler Warnungen vor den mutmasslichen Verbindungen des Unternehmens zu russischen Nachrichtendiensten hat ernste Fragen zum Urteilsvermögen und zu den Sicherheitsprotokollen des NDB aufgeworfen.
Internationale Folgen und Drohungen
Das Ausmass der Situation wurde deutlich, als mehrere befreundete Nachrichtendienste damit drohten, die Zusammenarbeit mit der Schweiz einzustellen. Bei einem Treffen im November 2020 in Genf zwischen NDB-Vertretern und Vertretern eines befreundeten ausländischen Nachrichtendienstes spitzten sich die Bedenken zu. Eine mögliche Isolation der Schweizer Nachrichtendienstoperationen in der internationalen Gemeinschaft stellt eine erhebliche Bedrohung für die nationale Sicherheit dar.
Der bulgarische investigative Journalist Christo Grozev, bekannt für seine Arbeit für The Insider und Der Spiegel, brachte die Lage unverblümt auf den Punkt: «Das ist Spionage im Auftrag Russlands.» Diese Einschätzung unterstreicht den möglichen Schaden für den Ruf der Schweiz als neutraler und zuverlässiger Nachrichtendienstpartner.
Reformen und Reaktion
Als Reaktion auf die Krise hat der NDB umfangreiche organisatorische Reformen vorgenommen. Ab 2021 leitete der Nachrichtendienst eine umfassende Neuorganisation seiner Cyberabteilung ein und führte neue Kontrollmechanismen und Führungsstrukturen ein. Die jüngste Phase dieser Neuorganisation trat am 1. März 2024 in Kraft.
Verteidigungsminister Pfister hat die entscheidende Bedeutung eines funktionierenden Nachrichtendienstes für die Sicherheit der Schweiz betont, besonders angesichts der aktuellen globalen Lage. Die administrative Untersuchung wird von einer unabhängigen externen Stelle durchgeführt. Im Mittelpunkt stehen die Umsetzung der Empfehlungen aus früheren Untersuchungen und die Wirksamkeit der bereits eingeführten Reformen.
Der NDB hat sich besorgt über die Veröffentlichung geheimer Informationen geäussert und vor möglichen Folgen für seine Einsatzfähigkeit gewarnt. Das Bedürfnis nach Transparenz und Rechenschaftspflicht in dieser Angelegenheit scheint jedoch Vorrang erhalten zu haben.