Zum Inhalt springen
Swiss Observer

Schweizer Krankenkassen schlagen wegen der Kosten des Abnehmmittels Alarm

Krankenkassen zeigen sich besorgt, da 40'000 Einwohnerinnen und Einwohner der Schweiz Wegovy über die Grundversicherung erhalten, und warnen vor einer möglichen Kostenexplosion im Gesundheitswesen.

Schweizer Krankenkassen schlagen wegen der Kosten des Abnehmmittels Alarm
AILe News

2024 strömten 40'000 Einwohnerinnen und Einwohner der Schweiz ins Gesundheitssystem, um ein Rezept für Wegovy zu erhalten. Damit wurden die ursprünglichen Erwartungen bei Weitem übertroffen. Seit die Grundversicherung das in Dänemark hergestellte Medikament im März 2024 vergütet, ist die Nachfrage geradezu explosionsartig gestiegen. Trotz strenger Bedingungen, die den Zugang einschränken sollen, ist die Nachfrage nach diesem Appetitzügler stark angestiegen. Die Krankenkassen müssen deshalb eine unmittelbare und hohe finanzielle Belastung bewältigen.

Die Zahlen zeichnen das deutliche Bild eines unter Druck stehenden Systems. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) meldet, dass in weniger als einem Jahr beeindruckende 250'000 Monatsdosen vergütet wurden. Diese erste Welle kostete die Krankenkassen 43 Millionen Franken, eine beträchtliche Summe für ein einzelnes Medikament in so kurzer Zeit. Doch diese Zahl ist lediglich die Spitze des Eisbergs. Die Entwicklung deutet darauf hin, dass die Nachfrage nach dem Medikament die Zahlungsbereitschaft des Systems bei Weitem übersteigt. Dadurch entsteht für das obligatorische Gesundheitsversicherungsmodell der Schweiz eine beispiellose Herausforderung.

Finanzprognosen werden düster

Die Kostenentwicklung zeigt steil nach oben. Die Ausgaben für 2024 waren bereits hoch, doch 2025 werden die Rekorde schon jetzt gebrochen. Allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres haben die Krankenkassen bereits die Hälfte des Gesamtbetrags des Vorjahres ausgegeben. Diese Beschleunigung alarmiert Branchenexpertinnen und -experten, die eine regelrechte Kostenexplosion befürchten, die unweigerlich zu höheren Prämien für die Durchschnittsbevölkerung führen könnte.

Adrien Kay, Sprecher des Krankenkassenverbands Prio Swiss, warnte eindringlich vor den möglichen Kosten bei einer Ausweitung der Behandlung. Seiner Einschätzung nach könnte sich die jährliche Rechnung auf 300 Millionen Franken belaufen, wenn nur schon 2 % der erwachsenen Bevölkerung das Medikament einnehmen. Dabei handelt es sich nicht um ein fernes theoretisches Risiko, sondern um eine mathematische Gewissheit, falls die Zahl der Verschreibungen weiterhin so stark steigt. Da die Vergütungsbewilligung derzeit Ende Februar 2027 ausläuft, kämpft das System gegen die Zeit und verbraucht Mittel in einem Tempo, das die Stabilität der Grundversicherung gefährdet.

Chronische Krankheit und Kosten abwägen

Die Schweiz steht vor einem grossen Paradox der öffentlichen Gesundheit: Die Behandlung ist verfügbar, doch ihr Preis ist erdrückend. Adipositas ist offiziell als chronische Krankheit eingestuft und betrifft einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung. Laut der Schweizerischen Gesundheitsbefragung 2022 sind 43 % der erwachsenen Bevölkerung der Schweiz übergewichtig, 12 % davon gelten als adipös. Die wirtschaftlichen Folgen dieser Epidemie sind bereits verheerend: 2012 wurden die direkten und indirekten Kosten von Adipositas auf 8 Milliarden Franken geschätzt. Dieser Betrag dürfte in den zehn Jahren seither noch deutlich gestiegen sein.

Befürworterinnen und Befürworter argumentieren, die Vergütung von Wegovy sei eine strategische Investition. Durch eine Gewichtsreduktion könnte das Gesundheitssystem theoretisch die Häufigkeit kostspieliger Begleiterkrankungen wie Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken. Kritikerinnen und Kritiker wenden jedoch ein, dass der Ersatz einer Ausgabe durch eine andere, konkret durch eine teure pharmazeutische Behandlung, möglicherweise nicht zu den versprochenen Nettoeinsparungen führt. Aktualisierte Kostenzahlen werden für die zweite Jahreshälfte 2025 erwartet. Sie werden entscheidend dafür sein, ob sich das Medikament als finanzielle Rettung oder als Fass ohne Boden erweist.

Die Nachhaltigkeitsfalle

Medizinische Wunder haben oft einen Haken, und bei Wegovy ist es die lebenslange Abhängigkeit. Das Medikament wirkt nur, solange es eingenommen wird. Werden die Injektionen abgesetzt, kehrt das Gewicht zurück. Diese biologische Tatsache wirft eine entscheidende Frage zur Nachhaltigkeit auf: Kann sich das Schweizer Versicherungssystem ein lebenslanges Abonnementmodell für die Gewichtskontrolle leisten?

Derzeit dürfen die Krankenkassen die Behandlung höchstens drei Jahre lang vergüten. Die Bewilligung läuft im Februar 2027 aus. Damit zeichnet sich für die Patientinnen und Patienten eine abrupte Zäsur ab. Wer die gesundheitlichen Erfolge danach erhalten möchte, muss möglicherweise selbst bezahlen. So könnten je nach persönlichem Vermögen unterschiedliche Gesundheitsresultate entstehen. Wird das Medikament aus Kostengründen abgesetzt, ist die ursprüngliche Investition der Krankenkassen praktisch verloren, da die Patientinnen und Patienten wieder an Gewicht zunehmen. In der Debatte geht es nicht mehr nur um Medizin, sondern auch um die langfristige wirtschaftliche Tragfähigkeit, lebensstilbedingte chronische Krankheiten mit Medikamenten zu behandeln.