Elternzeit
Schweizer Initiative fordert 18 Wochen Elternzeit pro Elternteil
Ein linksgerichtetes Bündnis lanciert eine Volksinitiative, die insgesamt 36 Wochen Elternzeit fordert und die Familienpolitik der Schweiz grundlegend verändern soll.

Die Familienpolitik der Schweiz steht vor einem tiefgreifenden Wandel: Eine kühne neue Initiative stellt die traditionelle Regelung der elterlichen Betreuung infrage. Ein linksgerichtetes Bündnis hat offiziell eine Volksinitiative lanciert, die insgesamt 36 Wochen Elternzeit fordert und das bescheidene heutige System vollständig ablösen soll. Der diese Woche im Bundesblatt veröffentlichte Vorschlag fordert eine radikale Abkehr von den bisherigen 14 Wochen Mutterschaftsurlaub und gerade einmal 2 Wochen Vaterschaftsurlaub.
Die Initiative mit dem Titel «Eine starke Gesellschaft und Wirtschaft dank Elternzeit» verlangt nicht bloss eine Verlängerung, sondern eine strukturelle Revolution. Mit dem Vorschlag von 18 Wochen für jeden Elternteil wollen die Initianten das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern bekämpfen, das das Schweizer Familien- und Berufsleben seit Langem prägt. Während das heutige System die Kinderbetreuung weitgehend den Müttern überlässt, entwirft das neue Modell eine Schweiz, in der Elternschaft unbestreitbar eine gemeinsame Verantwortung ist. Die enorme Ausweitung, mehr als eine Verdoppelung der heute einem Paar insgesamt zustehenden Elternzeit, zeigt, dass die Befürworter bereit sind für einen harten Kampf, um die Schweizer Familienpolitik in eine neue Ära der Gleichstellung zu führen.
Wirtschaftlicher Motor: Lösung für den Arbeitskräftemangel
Neben der sozialen Gerechtigkeit wird die Initiative als wichtiger wirtschaftlicher Impuls präsentiert, der den anhaltenden Arbeitskräftemangel in der Schweiz bekämpfen soll. Die Befürworter argumentieren, das heutige System benachteilige Frauen wirtschaftlich und zwinge sie zu einer Entscheidung zwischen Beruf und Familie, wodurch dem Arbeitsmarkt Fachkräfte verloren gingen. Sie gehen davon aus, dass die Reform der Schweizer Wirtschaft jedes Jahr schätzungsweise 2500 Vollzeitbeschäftigte zuführen würde, weil Mütter dadurch früher und mit mehr Sicherheit in den Beruf zurückkehren könnten.
Es geht nicht nur um Sozialleistungen, sondern auch um die Rendite der Investition. Das Bündnis schätzt, dass der wirtschaftliche Nutzen, der durch den Verbleib dieser qualifizierten Arbeitskräfte entsteht, die Kosten des ausgebauten Elternzeitmodells innerhalb von nur 20 Jahren ausgleichen würde. Indem sie den Fokus von «Kosten» auf «Investitionen» verlagern, wollen die Grüne Partei, die Grünliberale Partei und Alliance F auch finanzpolitisch konservative Kreise für sich gewinnen, die angesichts der Kosten sonst zurückschrecken könnten. Das Argument ist klar: Überholte Familienpolitik bremst die Schweizer Wirtschaft, und nur ihre Modernisierung kann das volle Potenzial der inländischen Arbeitskräfte erschliessen.
Die Pflicht nach dem Motto «Beziehen oder verfallen lassen»
Die Ausgestaltung des Vorschlags ist ebenso umstritten wie ambitioniert. Der Plan sieht vor, dass die 18 Wochen, die jedem Elternteil zustehen, strikt nicht übertragbar sind. Diese «Beziehen oder verfallen lassen»-Klausel ist das zentrale Element der Strategie der Initiative, um die Gleichstellung der Geschlechter zu erzwingen. In diesem Modell kann ein Vater seine Wochen nicht an die Mutter abtreten, damit die traditionelle Rolle des Ernährers erhalten bleibt. Der Urlaub muss in abwechselnden Abschnitten bezogen werden. Gleichzeitig dürfen höchstens 25 Prozent der Zeit gemeinsam bezogen werden.
Diese starre Regelung soll eine «Ausstiegskultur» verhindern, in der Männer weiterarbeiten, während Frauen sich zunehmend aus dem Berufsleben zurückziehen. Indem Väter verpflichtet werden, ihren Anteil zu beziehen oder den Anspruch ganz verfallen zu lassen, will die Initiative die Präsenz von Männern in der Kinderbetreuung und von Frauen in den Führungsetagen zur Normalität machen. Ausnahmen gäbe es nur aus strengen gesundheitlichen Gründen. So sollen Schlupflöcher geschlossen werden, die den Zweck der Regelung verwässern könnten. Es ist ein kühner Versuch, den kulturellen Wandel gesetzlich herbeizuführen und sicherzustellen, dass sowohl die Belastung durch die Kinderbetreuung als auch die Freude an der gemeinsamen Zeit mathematisch genau verteilt werden.
Bevormundung oder Gleichstellung: Der ideologische Streit
Doch genau diese Starrheit zeichnet die politischen Konfliktlinien vor. Kritiker bezeichnen die Nichtübertragbarkeit der Elternzeit bereits als «bevormundend» und «diskriminierend». Gegner argumentieren, der Staat habe sich nicht in die Gestaltung des Privatlebens von Familien einzumischen. Für Haushalte, die sich dafür entscheiden, eine gut verdienende Person voll arbeiten zu lassen, während sich der andere Elternteil auf die Kinderbetreuung konzentriert, wirkt der Vorschlag eher wie eine Strafe als wie eine Unterstützung.
Die Gegner sagen, ein System mit getrennten, nicht übertragbaren Ansprüchen auf Elternzeit werde der individuellen Wahlfreiheit nicht gerecht. Ihrer Ansicht nach subventioniert es Paare mit zwei Berufstätigen auf unfaire Weise, während traditionelle Familienmodelle leer ausgehen. Als Gegenargument wird vorgebracht, ein vollständig übertragbares Kontingent an Elternzeit wäre der beste politische Kompromiss: Eltern könnten flexibel entscheiden, wer zu Hause bleibt. Die Befürworter der Initiative bleiben jedoch bei ihrer Haltung und betonen, dass sich die bestehende Ungleichheit zwischen den Geschlechtern ohne die Pflicht zur nicht übertragbaren Elternzeit unter dem Deckmantel der «Wahlfreiheit» einfach fortsetzen würde.
Der Countdown bis 2026
Die Frist läuft. Das von einem starken Bündnis unter der Führung von Alliance F, Travail.Suisse und dem Frauennetzwerk Die Mitte getragene Komitee steht vor einer entscheidenden Deadline. Bis zum 1. Oktober 2026 muss es die erforderlichen 100 000 gültigen Unterschriften sammeln, damit über das Anliegen landesweit abgestimmt werden kann. Der Weg ist ein Marathon, kein Sprint. Der Erfolg hängt davon ab, ob es dem Komitee gelingt, die Bevölkerung über die sprachlichen und kulturellen Grenzen der Schweiz hinweg zu mobilisieren.
Die Kampagne wird von gewählten Mitgliedern der Sozialdemokratischen Partei und der Mitte unterstützt und verfügt damit über institutionelles Gewicht. Der Weg an die Urne ist jedoch voller Hindernisse. Die Schweiz hat eine lange Geschichte darin, Initiativen abzulehnen, die als zu radikal oder zu kostspielig wahrgenommen werden. Doch während die Debatte über die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben intensiver wird und der Arbeitskräftemangel stärker spürbar ist, könnte die Bereitschaft für Veränderungen wachsen. Die kommenden 18 Monate werden zum Prüfstein für die Schweizer Gesellschaft: Sind wir bereit, neu zu definieren, was es bedeutet, berufstätige Eltern zu sein, oder hält die Tradition stand?