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Swiss Observer

Schweizer Industriesektor steht vor zunehmender Herausforderung durch Kurzarbeit

Ein Drittel der Schweizer Industrieunternehmen arbeitet inzwischen kurz, wobei kleine und mittlere Unternehmen besonders stark von der wirtschaftlichen Abschwächung betroffen sind.

Schweizer Industriesektor steht vor zunehmender Herausforderung durch Kurzarbeit
AISWI swissinfo.ch

Ein erstaunliches Drittel der Schweizer Industrieunternehmen hat die Produktion stark gedrosselt und die Mitarbeitenden in Kurzarbeit geschickt. Das ist keine geringfügige Schwankung, sondern ein grell aufleuchtendes Warnsignal für die Schweizer Volkswirtschaft. Die jüngsten Daten von Swissmechanic zeigen eine Branche, die mit einer starken Abschwächung zu kämpfen hat: Maschinen stehen still und Schichten werden im ganzen Land reduziert. Zwar halten die meisten Unternehmen noch durch, doch die grosse Zahl der Betriebe, die auf staatlich subventionierte Arbeitszeitreduktionen zurückgreifen, signalisiert einen kritischen Nachfragerückgang.

Der Industriesektor, lange Zeit das Juwel in der Krone der Schweizer Wirtschaft, sieht sich mit einer Realität konfrontiert, in der die Auftragsbücher dünner werden und die Unsicherheit wächst. Dieser dramatische Wandel betrifft Tausende von Arbeitnehmenden, die nun mit geringeren Löhnen und unsicheren Arbeitsplätzen rechnen müssen. Das Ausmass dieser Störung deutet darauf hin, dass der Schweizer Industriestandort mit deutlich stärkeren Gegenwinden konfrontiert ist als erwartet. Das erschüttert das Vertrauen in eine Branche, die für Stabilität und Präzision bekannt ist.

KMU tragen die Hauptlast

Die Krise trifft mit chirurgischer Präzision das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft: die kleinen und mittleren Unternehmen (KMU). Die Zahlen sind alarmierend. Ganze 45 % der Unternehmen mit 10 bis 49 Mitarbeitenden mussten Kurzarbeit einführen. Diese kleineren, oft familiengeführten und spezialisierten Betriebe verfügen nicht über die finanziellen Reserven globaler Konzerne, um längere Krisen zu überstehen.

Mittelgrosse Unternehmen mit 50 bis 249 Mitarbeitenden kommen dagegen nur geringfügig besser weg: 29 % melden reduzierte Arbeitszeiten. Dieser Unterschied macht eine gefährliche Schwachstelle im industriellen Ökosystem sichtbar. Wenn fast die Hälfte der kleinsten Industriebetriebe ihre Kapazität reduziert, bedrohen die Auswirkungen die lokalen Lieferketten und die Stabilität der regionalen Beschäftigung. Das sind nicht einfach Zahlen: Sie stehen für einen bedeutenden Teil der Schweizer Erwerbsbevölkerung, der sich derzeit in einer unsicheren Lage befindet, während kleinere Betriebe in einem unerbittlichen wirtschaftlichen Umfeld ums Überleben kämpfen.

Verfestigte Stagnation

Das ist kein vorübergehender Einbruch. Die Dauer dieser Massnahmen zeigt, dass sich die Krise gefährlich verfestigt. Ein ganzes Drittel der betroffenen Unternehmen arbeitet seit mehr als sechs Monaten kurz. Das ist keine kurzfristige Anpassung, sondern eine langfristige Überlebensstrategie, die Ressourcen und Moral aufzehrt.

Auch das Ausmass der Kürzungen gibt Anlass zur Sorge. In 28 % dieser angeschlagenen Betriebe ist die Wirkung umfassend oder nahezu umfassend: 75 bis 100 % der Belegschaft arbeiten reduziert. Ein weiteres Viertel der Unternehmen befindet sich seit drei bis sechs Monaten in diesem Schwebezustand. Wenn aus Wochen Monate werden, steigt das Risiko dauerhafter Entlassungen stark an. Der Industriesektor macht nicht einfach eine Pause: Teile davon beginnen zu verkümmern. Das schürt die Befürchtung, dass ein Teil dieser verlorenen Kapazität möglicherweise nie in die Schweiz zurückkehren wird.

Gegenwind durch Bürokratie

Während sie ums Überleben kämpfen, müssen Schweizer Unternehmen gleichzeitig einen zweiten Gegner bekämpfen: die Bürokratie. Die Unzufriedenheit mit den Behörden wächst, denn die Unterstützung durch die Kurzarbeitsentschädigung ist mit einem Geflecht administrativer Komplexität verbunden. Nur magere 20 % der Unternehmen bezeichneten das Bewilligungsverfahren als rasch und unbürokratisch.

Für fast jedes fünfte Unternehmen (17 %) war das Verfahren ein langwieriger bürokratischer Albtraum. Swissmechanic hält fest, dass bei Betrieben mit einem geringen Anteil an Kurzarbeit der administrative Aufwand den finanziellen Nutzen oft übersteigt und die Hilfe damit praktisch wirkungslos wird. Diese Ineffizienz ist ein zusätzlicher Schlag für Unternehmensinhaberinnen und -inhaber, die sich ohnehin in einem rezessiven Umfeld zurechtfinden müssen. Der Verband sieht dringenden Handlungsbedarf: Die Reibung zwischen verzweifelten Unternehmen und starren staatlichen Abläufen droht Konkurse zu beschleunigen, statt sie zu verhindern.

Düstere Aussichten

Die Hoffnung auf eine rasche Erholung schwindet zusehends. Die Aussichten für die nähere Zukunft sind überwiegend negativ. Laut Swissmechanic rechnen rund 75 % der betroffenen Unternehmen damit, die Kurzarbeitsmassnahmen fortzusetzen. Nur eine Minderheit, etwa ein Viertel, sieht Licht am Ende des Tunnels oder erwartet, dass die Massnahmen bald auslaufen.

Diese pessimistische Prognose deutet darauf hin, dass sich der Schweizer Industriesektor auf eine längere Phase der Stagnation einstellt. Die Folgen für die Gesamtwirtschaft sind gravierend: geringere Konsumausgaben von Arbeitnehmenden mit tieferen Einkommen, aufgeschobene Investitionen in neue Maschinen und ein möglicher Verlust der Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz in der Produktion. Im Laufe des Jahres wird die Widerstandskraft des Schweizer Industriemodells auf eine nie dagewesene Probe gestellt. Vorerst bereitet sich die Branche auf einen langen, kalten wirtschaftlichen Winter vor.