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Swiss Observer

Schweizer Regierung schlägt Mehrwertsteuererhöhung zur Finanzierung der Militärausgaben vor

Der Schweizer Bundesrat plant eine befristete Erhöhung der Mehrwertsteuer um 0,8 Prozentpunkte, um über die nächsten zehn Jahre eine Aufstockung der Militär- und Sicherheitsausgaben um erhebliche 31 Milliarden Franken zu finanzieren. Der Vorschlag soll die nationale Sicherheitsbereitschaft stärken. Ein detaillierter Plan wird im März erwartet.

Schweizer Regierung schlägt Mehrwertsteuererhöhung zur Finanzierung der Militärausgaben vor
AILe News

Die Schweiz wird mit einer ernüchternden Realität konfrontiert. In einem Schritt, der das definitive Ende der Selbstzufriedenheit signalisiert, hat der Bundesrat einen Plan vorgestellt, mit dem in den nächsten zehn Jahren zusätzlich 31 Milliarden Franken für eine grundlegende Erneuerung der Landesverteidigung aufgebracht werden sollen. Die Botschaft der Regierung ist unmissverständlich und alarmierend: Wir sind nicht bereit. Verteidigungsminister Martin Pfister hat ausdrücklich gewarnt, das Land sei auf einen internationalen Konflikt «schlecht vorbereitet». Derzeit sei nur ein Drittel der Armee ausreichend ausgerüstet, um Schweizer Boden zu verteidigen.

Es handelt sich nicht bloss um eine Budgetanpassung, sondern um eine grundlegende Neuausrichtung der nationalen Prioritäten. Zwar sollte der Anteil der Verteidigungsausgaben am BIP bis 2032 bereits auf 1 Prozent steigen, doch die Regierung räumt ein, dass dieser Kurs angesichts moderner Bedrohungen bei Weitem nicht ausreicht. Als Lösung wird eine befristete, aber deutliche Erhöhung der Mehrwertsteuer um 0,8 Prozentpunkte vorgeschlagen. Die Regierung argumentiert, Sicherheit sei das Fundament des Schweizer Wohlstands und ohne diese massive Finanzspritze sei die Freiheit, auf der die Wirtschaft beruhe, gefährdet.

Besteuerung des Konsums: die Lösung mit 0,8 Prozent

Um Milliarden aufzubringen, ohne den Bundeshaushalt zu sprengen, hat die Regierung das «kleinste Übel» gewählt: die Besteuerung des Konsums. Der Plan sieht weder höhere Lohnabgaben noch eine Lockerung der Schuldenbremse vor, sondern bürdet die Kosten direkt den Konsumentinnen und Konsumenten auf. Diese Erhöhung um 0,8 Prozentpunkte dürfte allein 2028 rund 2,2 Milliarden Franken einbringen. Bis 2038 sollen die jährlichen Einnahmen auf 3 bis 3,6 Milliarden Franken steigen.

Den Bundesrätinnen und Bundesräten ist bewusst, wie stark dies die Haushalte belasten wird. Sie halten jedoch daran fest, dass alternative Massnahmen der Wirtschaft noch grössere Schäden zufügen würden. Indem die Einnahmen in einen zweckgebundenen, befristeten Rüstungsfonds fliessen, will der Bundesrat die Blockaden bei den jährlichen Budgetdebatten umgehen. Der Fonds darf Kredite aufnehmen, sofern jeder Franken Schulden bis zum Stichtag 2038 zurückbezahlt wird. Es ist ein kalkulierter finanzpolitischer Schachzug, der einem Militär, das bei der Aufrüstung gefährlich in Rückstand geraten ist, rasch Liquidität verschaffen soll.

Inflation und die F-35-Krise

Die Kaufkraft des Militärs wird durch eine harte wirtschaftliche Realität aufgezehrt: die Inflation. Die Preise für entscheidende militärische Ausrüstung sind in einigen Bereichen um bis zu 40 Prozent in die Höhe geschnellt, angetrieben durch die weltweit stark gestiegene Nachfrage und Engpässe in den Lieferketten. Die Regierung kämpft nicht nur gegen mögliche Gegner, sondern auch auf einem Markt, auf dem die Schweiz keine bevorzugte Kundin ist. Um sich Produktionskapazitäten für Langstreckenverteidigungssysteme und Mittel zur hybriden Kriegsführung zu sichern, muss der Staat sofort Anzahlungen leisten.

Nirgendwo zeigt sich diese Krise deutlicher als beim Kampfjetprogramm F-35. Die Regierung musste ihren ursprünglichen Plan, 36 Flugzeuge zu kaufen, aufgeben, da die Gesamtkosten die früheren Schätzungen zu übersteigen drohen. Ein überarbeiteter Entscheid steht kurz bevor, doch die Botschaft ist klar: Die Kosten für die Lufthoheit steigen schneller, als das Budget mithalten kann. Der Fokus verschiebt sich nun entschieden auf die Beschaffung von Waffen, um «kritische Lücken» zu schliessen, insbesondere im Bereich der weitreichenden Angriffe. Amtliche Stellen halten solche Bedrohungen inzwischen für die wahrscheinlichsten Szenarien, mit denen die Eidgenossenschaft konfrontiert ist.

Der politische Kampf um 2027

Der Vorschlag dürfte vor der entscheidenden Volksabstimmung im Sommer 2027 heftige politische Auseinandersetzungen auslösen. Da eine Erhöhung der Mehrwertsteuer eine Verfassungsänderung erfordert, liegt das letzte Wort beim Schweizer Stimmvolk. Der Plan stösst in der zersplitterten politischen Landschaft auf starken Widerstand: Die Linke lehnt die Belastung einkommensschwächerer Haushalte ab, während Teile der Rechten Steuererhöhungen jeglicher Art ablehnen. Bislang hat sich nur die Mitte voll und ganz hinter den Vorschlag gestellt. Die Grünliberalen sind noch unentschlossen, der Ausgang ist offen.

Trotz des Gegenwinds zeigt sich der Verteidigungsminister zuversichtlich. Der Zeitplan ist eng: Die Vernehmlassung endet diesen März, im Herbst nehmen die parlamentarischen Beratungen Fahrt auf, und falls die Stimmbevölkerung die Vorlage 2027 annimmt, tritt die Steuererhöhung 2028 in Kraft. Es wäre die bedeutendste Erhöhung der Mehrwertsteuer seit 1999 und würde die jüngste Erhöhung von 2024 übertreffen, mit der die Renten gestärkt wurden. Die Regierung setzt darauf, dass die Angst der Bevölkerung vor Instabilität ihre Abneigung gegen höhere Steuern überwiegt.

Ein historischer Wandel der Schweizer Neutralität

Steuersenkungen sind oft ein politischer Mythos, doch die Schweiz ist ein seltenes Gegenbeispiel. 2011 wurde eine befristete Erhöhung der Mehrwertsteuer zugunsten der Invalidenversicherung eingeführt. Nachdem die Stimmbevölkerung 2017 eine Verlängerung abgelehnt hatte, wurde sie erfolgreich wieder aufgehoben. Die Regierung beruft sich auf diese Erfahrung und verspricht, dass die Militärsteuer tatsächlich befristet sein wird. Der Kontext hat sich jedoch stark verändert. Die Schweiz sieht sich heute nicht mit versicherungsmathematischen Tabellen, sondern mit geopolitischen Umwälzungen konfrontiert.

Dieser Vorschlag ist mehr als eine finanzielle Anpassung: Er ist das Eingeständnis, dass die Zeit der Sicherheit zum Niedrigpreis vorbei ist. Mit der geplanten Aufstockung um 31 Milliarden Franken signalisiert die Schweiz, dass ihre bewaffnete Neutralität bis an die Zähne bewaffnet sein muss, um glaubwürdig zu bleiben. Angesichts des doppelten Drucks durch eine 13. Rentenzahlung und explodierende Verteidigungskosten muss die Schweizer Bevölkerung entscheiden: Ist der Preis für eine besser verteidigte Schweiz die Belastung des eigenen Portemonnaies wert?