Wirtschaft
Schweizer Goldexporte in die USA steigen angesichts von Zollängsten auf das Fünffache
Die Schweizer Goldlieferungen in die Vereinigten Staaten erreichten im Juli 54 Tonnen im Wert von 4,7 Milliarden Franken. Das entspricht einem dramatischen Anstieg, da Exporteure ihre Lieferungen beschleunigen, um möglichen Folgen von Zöllen zuvorzukommen.

Schweizer Goldexporteure stecken in einem hektischen Wettlauf. In einer eindrücklichen Demonstration wirtschaftlicher Dringlichkeit schnellten die Lieferungen des Edelmetalls in die Vereinigten Staaten im Juli auf 54 Tonnen im Wert von knapp 4,7 Milliarden Franken. Das entspricht einem Anstieg auf fast das Fünffache des Vorjahreswerts und deutet auf einen verzweifelten Wettlauf hin, Vermögenswerte über den Atlantik zu schaffen, bevor sich die politischen Türen möglicherweise schliessen.
Das Bundesamt für Zoll und Grenzsicherheit (BAZG) bestätigte den starken Anstieg am Donnerstag und erklärte, der US-Markt sei zum alleinigen Fokus der Schweizer Raffinerien geworden. Zwar exportierte die Schweiz weltweit insgesamt 139 Tonnen im Wert von 12 Milliarden Franken, doch der Anteil der Vereinigten Staaten ist überproportional gewachsen. Dabei geht es nicht einfach um Handel, sondern um ein Rennen gegen die Zeit. Die Exporteure ziehen Lieferungen in grossem Umfang vor, angetrieben vom drohenden Schatten protektionistischer Handelspolitik und den unberechenbaren Launen der US-Politik.
Der Abfluss von Vermögen im Wert von 40 Milliarden Franken
Die Juli-Zahlen sind lediglich der Höhepunkt eines massiven, seit Jahresbeginn anhaltenden Abflusses von Vermögen. Allein in den ersten sechs Monaten des Jahres verliessen gewaltige 480 Tonnen Gold im Wert von knapp 40 Milliarden Franken die Schweiz in Richtung amerikanischer Tresore. Zum Vergleich: Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es gerade einmal 26 Tonnen.
Das Ausmass dieses Transfers ist historisch. Zwischen Januar und März schwankten die Mengen stark zwischen 118 und 219 Tonnen. Dabei hielten sie ein unablässiges Tempo bei, das Schweizer Tresore leerte, um amerikanische zu füllen. Dies ist ein struktureller Wandel der globalen Kapitalströme, vorangetrieben von Händlern, die die Zeichen der Zeit erkennen. Die enorme Menge an Vermögenswerten, die nach Westen verlagert wird, unterstreicht die entscheidende, wenn auch stark unter Druck stehende Rolle der Schweiz als weltweit führender Goldhandelsplatz.
Zollängste und kalter Schweiss
Der Auslöser für diesen Ansturm ist Angst. Anfang August geriet der Schweizerische Verband der Edelmetallfabrikanten und -händler (ASFCMP) angesichts der Aussicht auf einen erdrückenden Zoll von 39 Prozent auf Schweizer Waren, die in die USA eingeführt werden, kollektiv ins Schwitzen. Ein solcher Zoll hätte die Margen im Edelmetallhandel zunichtegemacht und den Markt praktisch zum Erliegen gebracht.
Die Erleichterung kam aus unerwarteter Richtung: mit einem Beitrag auf Truth Social. Präsident Donald Trump verkündete: «Gold wird nicht mit Zöllen belegt!» Diese digitale Erklärung beruhigte die Märkte vorübergehend. Die Branche bleibt jedoch angespannt. Der Beitrag verschafft zwar eine Atempause, doch der Branchenverband wartet weiterhin auf einen «formellen und verbindlichen Entscheid». Solange die offiziellen Dokumente zur Zollbefreiung nicht unterzeichnet sind, schwebt die Gefahr wie ein Damoklesschwert über dem Schweizer Goldsektor und treibt die Beschleunigung der Lieferungen weiter an.
Strategie für einen sicheren Hafen angesichts des schwachen Dollars
Neben der Zollpanik heizen auch grundlegende wirtschaftliche Faktoren die Entwicklung an. Die Nachfrage nach in der Schweiz verarbeiteten Goldbarren wird durch den strategischen Aufbau von Vorräten auf der anderen Seite des Atlantiks angefacht. Anleger sichern sich zunehmend gegen einen schwächelnden US-Dollar ab und setzen dabei auf die altbewährte Sicherheit von physischem Gold.
Dieser doppelte Druck, politische Unsicherheit in Verbindung mit einer schwächeren Währung, hat für Schweizer Raffinerien eine ideale Ausgangslage geschaffen. Sie laufen auf Hochtouren, um die enorme amerikanische Nachfrage nach einem sicheren Anlagewert zu bedienen. Während die USA mit ihren eigenen wirtschaftlichen Unsicherheiten ringen, bleibt die Schweiz ein unverzichtbarer Stabilitätslieferant. Doch angesichts der sich täglich verändernden politischen Lage wissen Schweizer Exporteure, dass sich dieses Zeitfenster ebenso schnell schliessen könnte, wie es sich geöffnet hat.