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Swiss Observer

Schweizer Gletscher vor Rekordrückgang, Klimaforschung gewinnt an Dringlichkeit

Die Schweizer Gletscher verloren 2025 angesichts besorgniserregender Klimatrends 3 % ihres Volumens. Gleichzeitig untersuchen Forschende der Universität Bern über eine Million Jahre alte Eisproben, um Erkenntnisse über das Klima zu gewinnen.

Schweizer Gletscher vor Rekordrückgang, Klimaforschung gewinnt an Dringlichkeit
AISWI swissinfo.ch

Die eisige Krone der Schweiz gerät ins Rutschen, und das Tempo ihres Rückgangs ist alarmierend. Allein 2025 büssten die Schweizer Gletscher schwindelerregende 3 % ihres Gesamtvolumens ein. Damit verfestigt sich ein verheerender Trend für das Alpenland. Das ist keine Ausnahme, sondern die brutale Realität einer sich erwärmenden Welt. Gemäss dem Schweizerischen Gletschermessnetz (GLAMOS) ist dieser Verlust der stärkste Rückgang seit den katastrophalen Schmelzjahren 2003, 2022 und 2023.

Matthias Huss, Direktor von GLAMOS, nimmt bei der Beschreibung dieser Entwicklung kein Blatt vor den Mund. «Es ist eine neue Normalität, aber eine, die es nicht geben sollte», sagt er. 2025 sei zwar etwas weniger extrem gewesen als befürchtet, doch die kumulative Wirkung sei unbestreitbar. Die Widerstandskraft dieser uralten Eisriesen wird Jahr für Jahr geschwächt und macht sie selbst für moderate Klimaschwankungen anfällig. Schuld daran war in diesem Jahr eine fatale Kombination: zu wenig schützender Winterschnee, gefolgt von sengenden Hitzewellen im Juni, dem zweitwärmsten Juni seit 1864, und im August. Die Berge verlieren ihre Fähigkeit, sich zu erholen, und der Volumenverlust beschleunigt sich in einem Tempo, das sofortige Aufmerksamkeit verlangt.

Keine Zuflucht auf 5000 Metern

Selbst die höchsten Gipfel der Alpen sind keine sicheren Zufluchtsorte mehr. In einer beunruhigenden Entwicklung stieg die Nullgradgrenze, also die Höhe, auf der Wasser gefriert, in diesem Sommer mehrfach auf über 5000 Meter. Dieser beispiellose Wärmeeinbruch bedeutet, dass das Eis nun auch in Höhenlagen schmilzt, die bisher als dauerhaft tiefgefroren galten. Die Hitze ist unerbittlich und dringt bis zu den höchsten Gipfeln vor, wo das Eis eigentlich ewig bestehen sollte.

Die Folgen für einzelne bekannte Gletscher sind dramatisch. Der Aletschgletscher, der majestätische Riese der Alpen, verlor in bestimmten Zonen über vier Meter an Eisdicke. Auch die Gletscher Plaine Morte und Silvretta büssten mehr als zwei Meter Dicke ein. Huss hat diese Zerstörung aus nächster Nähe beobachtet und hält fest: «Es ist unglaublich zu beobachten, dass die Eisdicke in etwas mehr als einer Woche um einen Meter abnehmen kann.» Dieser rasche Zerfall in grossen Höhen signalisiert einen entscheidenden Wandel: Das Schmelzen beschränkt sich nicht mehr auf die Täler, sondern erobert auch die Gipfel.

Ein Viertel unseres Eises ist verschwunden

Die Zahlen zeichnen ein düsteres Bild des Rückgangs, der die Schweizer Landkarte verändert. Seit 2015 haben die Schweizer Gletscher gewaltige 25 % ihres Volumens verloren. Innerhalb nur eines Jahrzehnts ist ein Viertel der Eisreserven des Landes zu Wasser und Wasserdampf geworden. Das ist kein langsames Verschwinden, sondern ein Kollaps. Zwischen 2016 und 2022 veränderte sich die Schweizer Landschaft dauerhaft: 100 Gletscher verschwanden vollständig und wurden aus dem Verzeichnis von rund 1400 Gletschern gestrichen.

Dieser Rückgang betrifft nicht nur die Schweiz, sondern ist eine Krise im gesamten Alpenraum. Vanda Bonardo von der Kampagne Glacier Caravan weist darauf hin, dass die Gletscher in Italien, Deutschland und der Schweiz dasselbe Schicksal teilen: «Rückzug der Gletscherfront sowie eine Abnahme von Fläche und Dicke». Allein die italienischen Alpen haben in den vergangenen 60 Jahren eine Eisfläche verloren, die dem Comer See entspricht. Mit dem Verschwinden dieser Wasserspeicher verlieren wir nicht nur malerische Landschaften, sondern auch wichtige Wasserressourcen und einen stabilisierenden Faktor für das Ökosystem der Berge.

Das uralte Eis in Bern entschlüsseln

Während die Alpen schmelzen, läuft in einer spezialisierten Einrichtung in Bern ein Wettlauf, um die Klimageschichte der Erde zu verstehen. Forschende der Universität Bern analysieren derzeit über 1,2 Millionen Jahre alte Eisbohrkerne, einige der ältesten je geborgenen Proben. Die Kerne werden in einer einzigartigen Anlage bei eisigen −50 °C gelagert. Sie sind Zeitkapseln aus der Tiefsee der Antarktis und bergen die Geheimnisse uralter Atmosphären.

Florian Krauss, ein Forscher der Universität, behandelt diese kostbaren Proben mit chirurgischer Präzision. «Es gibt keinen Spielraum für Fehler», sagt er und trägt das Eis wie ein seltenes Juwel. Durch die Analyse winziger, im millionen Jahre alten Eis eingeschlossener Luftbläschen will das Team die früheren Konzentrationen von Kohlendioxid und Treibhausgasen messen. Die Forschung ist Teil des europäischen Projekts «Beyond EPICA», das das Rätsel lösen soll, warum sich die Gletscherzyklen in ferner Vergangenheit verstärkt haben. Hier in der Schweiz findet Spitzenforschung statt, die den dringend benötigten Kontext liefert, um die heutige Klimakrise zu verstehen.

Der Wettlauf gegen die Zeit

Der Kontrast ist frappant und beunruhigend: Während unsere heutigen Gletscher so schnell wie nie zuvor verschwinden, greifen wir auf uraltes Eis zurück, um unser Schicksal vorherzusagen. Die Arbeit in Bern ist nicht bloss akademisch, sondern entscheidend für die Modellierung der Zukunft unseres Planeten. Indem sie die natürlichen Klimaschwankungen der vergangenen Million Jahre verstehen, hoffen die Forschenden, den menschlichen Einfluss auf die heutige rasche Erwärmung besser isolieren und beurteilen zu können.

Doch die Zeit drängt. Die «neue Normalität» eines jährlichen Volumenverlusts von 3 % ist nicht nachhaltig. Wenn diese Trends anhalten, werden die Schweizer Alpen bis zum Ende des Jahrhunderts nicht wiederzuerkennen sein. Die Daten von GLAMOS und der Universität Bern führen zu einer einzigen, dringlichen Erkenntnis: Der Klimawandel ist keine ferne Bedrohung, sondern ein aktuelles Geschehen, das unsere Geografie und unsere Zukunft verändert. Die Schweiz steht in diesem Kampf an vorderster Front, sowohl als Betroffene des raschen Abschmelzens als auch als weltweit führend in der Forschung, die nötig ist, um dem entgegenzuwirken.