Kunst
Schweizer Stiftung gibt von den Nationalsozialisten geraubtes Hodler-Gemälde den Erben zurück
Die SKKG Stiftung in Winterthur gibt das Gemälde «Thunersee mit Blüemlisalp und Niesen» von Ferdinand Hodler den Erben seiner früheren jüdischen Besitzerin Martha Adrianna Nathan zurück. Sie war aufgrund der Verfolgung durch das NS-Regime gezwungen, das Kunstwerk zu verkaufen.

Die Schweiz stellt sich ihren historischen Schatten: Die SKKG Stiftung in Winterthur gibt das Meisterwerk von Ferdinand Hodler, «Thunersee mit Blüemlisalp und Niesen», offiziell den rechtmässigen Erben von Martha Adrianna Nathan zurück. Diese wegweisende Restitution bricht das Schweigen über Kunstwerke, die während der NS-Zeit unter Zwang verkauft wurden. Die im März 2026 abgeschlossene Vereinbarung markiert einen tiefgreifenden Wandel im Umgang Schweizer Institutionen mit «Fluchtgut», also Werken, die Verfolgte verkauften, um ihre Flucht oder ihr Überleben zu finanzieren. Jahrzehntelang war das Gemälde ein Schmuckstück der Sammlung Stefanini, heute steht es für eine längst überfällige Übernahme von Verantwortung. Es geht nicht bloss um eine Eigentumsübertragung, sondern um das öffentliche Eingeständnis der systematischen Verfolgung, die jüdische Sammlerinnen und Sammler dazu zwang, ihr Erbe zum Preis einer Aufenthaltsbewilligung zu veräussern.
Der Zwang im Exil wird sichtbar
Eine erschütternde historische Realität tritt zutage: Martha Nathan verkaufte ihren Hodler 1941 nicht freiwillig, sondern aus Verzweiflung, um ihre Sicherheit zu erkaufen. Obwohl Nathan bereits 1875 das Schweizer Bürgerrecht erhalten hatte, verlor sie es durch ihre Heirat und wurde in Berlin zum Ziel der NS-Verfolgung. 1939 suchte sie in Genf Zuflucht, traf dort jedoch auf eine Schweiz, die ihre Grenzen verschärft hatte. Die Erkenntnisse der Kommission sind erschütternd: Ohne den Erlös aus diesem Verkauf hätte Nathan die von den Schweizer Behörden verlangten finanziellen Garantien für die Verlängerung ihrer Aufenthaltsbewilligung nicht erbringen können. Das zwischen 1876 und 1882 geschaffene Gemälde wurde in einer Welt, die für Schutz einen Preis verlangte, buchstäblich zur Lebensader. Dieser Fall beleuchtet die «Grauzone» der Schweizer Kunstgeschichte, in der die Grenze zwischen einem rechtmässigen Verkauf und NS-Raubkunst in staatlich gebilligte Erpressung verschwimmt.
Ein Vermächtnis von 6'000 Werken wird geprüft
Die SKKG Stiftung steht vor einer gewaltigen Aufgabe und überprüft systematisch mehr als 6'000 Kunstwerke, die der verstorbene Immobilienunternehmer Bruno Stefanini zusammengetragen hat. Seit Sommer 2022 arbeitet ein spezialisiertes Forschungsteam die Provenienz dieser umfangreichen Sammlung auf, die derzeit auf 60 verschiedene Institutionen in der ganzen Schweiz verteilt ist. Der Umfang der Untersuchung ist im Schweizer Privatsektor beispiellos. Stefanini, der das Hodler-Gemälde 1998 erwarb, baute ein Kunstimperium auf, das nun der strengsten ethischen Prüfung seiner Geschichte unterzogen wird. Mit diesem proaktiven Vorgehen setzt die SKKG einen hohen Massstab für andere Stiftungen und signalisiert, dass die Zeit des Wegschauens bei Fragen zur Provenienz von Kunstwerken endgültig vorbei ist. Jedes der 6'000 Werke wird nun einer historischen Prüfung unterzogen.
Neue Massstäbe für die Restitution in der Schweiz
Die Schweiz steht an einem entscheidenden Wendepunkt: Bedeutende Museen und Stiftungen arbeiten daran, belastete Meisterwerke aus ihren Ausstellungen zu entfernen. Diese Restitution folgt auf den jüngsten, aufsehenerregenden Schritt des Zürcher Kunsthauses, Werke von Van Gogh, Monet und Gauguin aufgrund ähnlicher Verdachtsmomente abzuhängen. Die SKKG Stiftung gibt nicht einfach ein Gemälde zurück, sondern verpflichtet sich auch zu einer öffentlichen Bildungsarbeit. Dazu gehört, dass der Hodler diesen September in der Ausstellung «Jüdische Sammler in Deutschland» in Hamburg gezeigt wird. Diese Transparenz läutet ein neues Kapitel der Schweizer Kulturdiplomatie ein. Indem die Geschichte der Familie Nathan und ihrer erzwungenen Verluste dokumentiert wird, integriert die Schweiz die düsteren und komplexen Aspekte der Geschichte des Zweiten Weltkriegs endlich in ihr nationales Narrativ. Die Botschaft ist klar: Der Wert eines Kunstwerks ist untrennbar mit der Ethik seines Erwerbs verbunden.