Umwelt
Schweizer Wälder zeigen 25 Jahre nach dem historischen Orkan Lothar ihre Widerstandsfähigkeit
Eine neue WSL-Studie zeigt, dass Schweizer Wälder seit dem verheerenden Orkan Lothar von 1999 sturmresistenter geworden sind. Dazu beigetragen haben eine verbesserte Bewirtschaftung und die Biodiversität.

Der 26. Dezember 1999 ist dem kollektiven Gedächtnis der Schweiz nicht als Tag der Ruhe nach Weihnachten eingeprägt, sondern als der Tag, an dem der Himmel einstürzte. Der Orkan Lothar fegte mit beispielloser Wucht durch das Herz Europas und hinterliess in der Schweizer Landschaft eine Narbe, die auch ein Vierteljahrhundert später noch sichtbar ist. Innerhalb weniger Stunden fällte der Sturm Bäume wie Dominosteine und schleuderte unglaubliche 14 Millionen Kubikmeter Holz auf den Waldboden. Das war nicht bloss ein Wetterereignis, sondern eine nationale Tragödie, die 14 Menschenleben forderte und die Illusion einer unveränderlichen Schweizer Wildnis zerstörte.
Das gewaltige Ausmass der Zerstörung zwang zum Umdenken. Die unmittelbaren Folgen waren von Chaos und Verlust geprägt, doch langfristig führte das Ereignis zu einem grundlegenden Wandel in der Waldbewirtschaftung. Die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) bestätigt nun, was Forstfachleute seit Jahren vermuten: Die Verwüstung war ein Auslöser für Veränderungen. Heute blicken wir nicht nur auf die Zerstörung zurück, sondern auch auf den Wendepunkt, an dem die Natur die Schweiz dazu zwang, sich anzupassen oder unterzugehen.
Die Milliardenrechnung: Die enormen Kosten beziffern
Die finanziellen Folgen von Lothar waren astronomisch. Das Bundesamt für Umwelt bezifferte den Gesamtschaden auf erschütternde 1,35 Milliarden Franken (1,5 Milliarden US-Dollar), eine Summe, die Schockwellen durch die Wirtschaft sandte. Während an Gebäuden Schäden von 600 Millionen Franken entstanden, trugen die Wälder die Hauptlast der finanziellen Folgen: Sie verursachten Schäden in Höhe von gewaltigen 750 Millionen Franken.
Um das Ausmass der Zerstörung einzuordnen: Fast 2 Prozent aller in der Schweiz stehenden Bäume wurden entweder abgeknickt oder mitsamt ihren Wurzeln ausgerissen. Dabei ging es nicht nur um einen Verlust an Holz, sondern um die Liquidierung von Naturkapital in gewaltigem Ausmass. Die Aufräumarbeiten erforderten jahrelange, gefährliche und harte Arbeit sowie massive staatliche Investitionen. Diese kostspielige Lektion machte jedoch deutlich, wie verletzlich die Infrastruktur und die natürlichen Ressourcen des Landes sind. Sie führte zu einem Wandel darin, wie die Schweiz ihre grünen Werte angesichts der zunehmend unberechenbaren Klimamuster des 21. Jahrhunderts bewertet und schützt.
Die Natur schlägt zurück: Die Biodiversität gedeiht im Chaos
Nach der Zerstörung ist das Leben mit bemerkenswerter Beharrlichkeit zurückgekehrt. Die WSL-Studie zeigt ein faszinierendes Paradox: Ausgerechnet der Sturm, der die Wälder verwüstete, schuf die Voraussetzungen für eine biologische Renaissance. Die gleichförmigen Fichtenplantagen, die einst das Mittelland dominierten und sich Lothars Winden als besonders anfällig erwiesen hatten, sind grösstenteils verschwunden. An ihre Stelle ist ein komplexeres, vielfältigeres Ökosystem getreten.
Diese natürliche Umgestaltung hat der Biodiversität einen Schub verliehen. Das verrottende Holz, das Lothar zurückliess, wurde zur Kinderstube für unzählige Pilz-, Insekten- und Pflanzenarten und schuf Lebensräume, die intakte, bewirtschaftete Wälder schlicht nicht bieten können. Die Natur hat sich gewissermassen selbst renaturiert und die anfälligen Monokulturen durch eine robuste Mischung verschiedener Arten ersetzt. Der Wald erholt sich heute nicht nur, sondern entwickelt sich weiter. Er ist unordentlicher, wilder und unendlich lebendiger als die gepflegten Wälder der 1990er-Jahre. Das zeigt: Manchmal ist der vollständige Zusammenbruch der einzige Weg zu einer echten Erneuerung.
Für die Zukunft gewappnet: Warum der nächste «Jahrhundertsturm» nicht siegen wird
Die Schweiz wartet nicht mehr auf die nächste Katastrophe, sondern ist darauf vorbereitet. Die WSL betont, dass Schweizer Wälder heute deutlich besser für einen «Jahrhundertsturm» gerüstet sind als noch vor 25 Jahren. Diese Widerstandsfähigkeit ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer hart erlernten Lektion über die Dynamik der Waldbewirtschaftung. Der Rückgang der Fichtendominanz im Mittelland hat einen natürlichen Schutz gegen starke Winde geschaffen, denn Mischwälder sind mechanisch stabiler.
Der Klimawandel droht zwar häufigere und intensivere Stürme mit sich zu bringen, doch die Daten legen nahe, dass die Schweizer Wälder ihre Abwehr gestärkt haben. Wir erleben den Übergang von anfälligen, vom Menschen angelegten Plantagen zu robusten, anpassungsfähigen Ökosystemen, die Erschütterungen auffangen können. Zum Jahrestag ist die Botschaft klar: Lothar hat die Schweiz zwar zu Fall gebracht, doch die Wälder haben sich wieder aufgerichtet, stärker, wilder und widerstandsfähiger als je zuvor.