Umwelt
Schweizer Wälder stehen laut Studie wegen des Klimawandels vor einer «Verjüngungskrise»
Laut einer neuen Studie haben die Schweizer Wälder ein Verjüngungsproblem. In vielen Gebieten wachsen zu wenige junge Bäume nach, oder die nachwachsenden Baumarten sind nicht an den Klimawandel angepasst. Dadurch ist die langfristige Gesundheit der Schweizer Wälder gefährdet.

Die charakteristischen Wälder der Schweiz stehen vor einem demografischen Kollaps. Ein alarmierender neuer Bericht der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) bestätigt, was Fachleute befürchtet haben: Unsere Wälder verjüngen sich nicht mehr ausreichend. Dabei handelt es sich nicht bloss um eine saisonale Schwankung, sondern um ein systemisches Versagen, das das Rückgrat der Schweizer Landschaft bedroht. Die Studie zeigt einen besorgniserregenden Trend: Zu wenige junge Bäume schlagen Wurzeln, und entscheidend ist, dass die wenigen, die wachsen, oft nicht zu den Baumarten gehören, die unser sich rasch erwärmendes Klima überstehen.
Die Folgen sind unmittelbar und schwerwiegend. Wir erleben eine ökologische Diskrepanz: Die Wälder von heute sind biologisch nicht mit dem Klima von morgen vereinbar. Die Ergebnisse der WSL, veröffentlicht im «Schweizerischen Zeitschrift für Forstwesen», zeichnen das Bild einer «Verjüngungskrise», welche die langfristige Gesundheit der Wälder gefährdet. Ohne einen kräftigen Unterwuchs aus jungen, widerstandsfähigen Bäumen ist der natürliche Erneuerungszyklus unterbrochen. Uns droht eine Zukunft, in der sich unsere Wälder von üppigen Kohlenstoffspeichern in verfallende Überreste einer kühleren Zeit verwandeln könnten. Der Alarm ist ausgelöst: Die Natur kommt mit den vom Menschen verursachten Veränderungen nur schwer mit, und das Zeitfenster für Gegenmassnahmen schliesst sich rasch.
Die grosse Kluft: Widerstandskraft im Norden, Stagnation im Süden
In der Schweizer Landschaft hat sich eine deutliche Kluft aufgetan. Während auf der Alpennordseite ein Wachstumsschub zu beobachten ist, kämpfen die zentralen und südlichen Regionen mit Stagnation. Die Erholung im Norden ist weitgehend zufällig und eine Folge der heftigen Winterstürme Vivian und Lothar. Diese Katastrophen waren zwar zerstörerisch, lichteten aber das Kronendach und liessen mehr Licht auf den Waldboden fallen. Dadurch nahm der Nachwuchs an Laubbäumen stark zu. Es ist eine chaotische, aber wirksame Form der natürlichen Erneuerung.
Im deutlichen Gegensatz dazu ist die Lage in den Zentral- und Südalpen kritisch. Hier sind die Verjüngungsraten stark gesunken. Die Ursachen sind zweierlei: überalterte Wälder und hungrige Wildtiere. Überalterte Bestände, in denen alte Nadelbäume dominieren, werfen dichte Schatten, die potenziellen Nachwuchs ersticken, bevor er wachsen kann. Ausserdem ist die Region von einer grossen Zahl wildlebender Huftiere, darunter Hirsche und Gämsen, betroffen, die die wenigen aufkommenden Jungbäume stark abweiden. Diese biologische Pattsituation führt zu einem gefährlichen Szenario: Wälder, die zu alt sind, um sich zu verjüngen, und zu stark abgefressen, um sich zu erholen. Die Unterschiede zeigen eine komplexe Realität: Einige Regionen passen sich durch Erschütterungen an, während andere unter dem Gewicht ihres eigenen Kronendachs und der örtlichen Tierwelt langsam ersticken.
Wirtschaftliche Stützen bröckeln: Fichten und Sicherheit in Gefahr
Die wirtschaftlichen Folgen und die Auswirkungen auf die Sicherheit sind enorm. Die Fichte, lange Zeit das Arbeitspferd der Schweizer Holzwirtschaft, steht unter Druck. Im Mittelland geben diese wirtschaftlich wichtigen Bäume angesichts der zunehmenden Dürren nach. Wenn Wasser knapp wird, wird die Fichte anfällig. Dadurch könnten die Holzerträge einbrechen und die Forstwirtschaft erschüttern. Wir erleben eine Katastrophe in Zeitlupe für eine der wichtigsten natürlichen Ressourcen der Schweiz.
Die Gefahr geht jedoch weit über die Wirtschaft hinaus. In den Bergen dient der Wald als wichtiger Schutzschild gegen Lawinen und Steinschlag. Der WSL-Bericht warnt, dass überalterte Bestände ihre Schutzfunktion verlieren. Ein alter Wald ohne Nachfolger kann den Berg nicht zurückhalten. Versagen diese «Schutzwälder» wegen mangelnder Verjüngung, sind ganze Talgemeinden stärker Naturgefahren ausgesetzt. Die Gefahr ist greifbar: Extreme Ereignisse wie der Befall durch Borkenkäfer nutzen diese Schwachstellen bereits aus. Es geht längst nicht mehr nur um Bäume, sondern um die Sicherheit der Schweizer Infrastruktur und der Menschen, die im Schatten der Alpen leben. Der Schutzwall, auf den wir angewiesen sind, wird dünner, und die Natur legt die Risse offen.
Überleben gezielt gestalten: Wettlauf um klimataugliche Baumarten
Trotz der düsteren Lage hält die Wissenschaft mit mutigen Innovationen dagegen. Die WSL betont, dass die Förderung junger, klimatauglicher Baumarten nun unverzichtbar ist. Die Forschenden warten nicht darauf, dass die Natur aufholt, sondern gestalten aktiv den Wald der Zukunft. In gross angelegten Versuchspflanzungen mit mehr als 55'000 jungen Bäumen stellen Forschende fest, dass an künftige Hitze angepasste Arten bereits heute in höheren Lagen gedeihen können. Damit wird die Annahme widerlegt, man müsse mit einer Änderung der Pflanzstrategien warten, bis sich das Klima verändert hat.
Eine besonders gut abschneidende Art ist die Douglasie. Sie stammt aus Nordamerika und hat sich in Schweizer Versuchen seit 2021 als bemerkenswert widerstandsfähig erwiesen. Sie gedeiht auf flachgründigen Böden, die zum Austrocknen neigen, also genau dort, wo die einheimische Fichte eingeht. Diese Versuche bieten einen Leitfaden für das Überleben. Indem wir hitzetolerante Arten einführen und unsere Wälder vielfältiger gestalten, können wir einen «Bio-Schutzschild» aufbauen, der den Temperaturen von 2050 und darüber hinaus standhält. Die Verjüngungskrise ist ein Aufruf zum Handeln: Wir müssen von passivem Schutz zu aktivem Waldmanagement übergehen. Das Überleben des Schweizer Waldes hängt davon ab, ob wir bereit sind, anzupassen, was wir pflanzen, wo wir es pflanzen und wie schnell wir handeln können.