Kultur
Schweizer Film «Late Shift» auf Oscar-Kurs
Der Schweizer Beitrag in der Kategorie Bester internationaler Film bei der 98. Oscar-Verleihung erzählt die Geschichte überarbeiteter Pflegefachpersonen und macht auf die Herausforderungen beim Gesundheitspersonal aufmerksam.

Die Schweiz nimmt offiziell Hollywood ins Visier. Das Bundesamt für Kultur (BAK) gab am Dienstag bekannt, dass Late Shift (in der Schweiz unter dem Titel Heldin bekannt) der definitive Schweizer Beitrag für den Preis als bester internationaler Film bei der bevorstehenden 98. Oscar-Verleihung ist. Dabei handelt es sich nicht einfach um einen Filmbeitrag, sondern um ein selbstbewusstes Signal der Schweizer Filmbranche: Sie will im März 2026 die renommierteste Filmauszeichnung der Welt gewinnen.
Der Film der renommierten Regisseurin Petra Volpe hat bereits viel Aufsehen erregt. Mit einer zugleich zutiefst lokalen und universell berührenden Geschichte positioniert sich die Schweiz als ernst zu nehmende Anwärterin auf der internationalen Bühne. Das Auswahlverfahren war anspruchsvoll, doch Late Shift setzte sich klar durch und zeugt vom Vertrauen des Landes in Volpes Vision. Mit dem Beginn der Kampagne um die goldene Statuette richtet sich die Aufmerksamkeit der internationalen Filmwelt nun ganz auf dieses Schweizer Kraftpaket.
Die Krise im Gesundheitswesen sichtbar machen
Der Film legt den Finger in eine offene Wunde: die globale Krise beim Gesundheitspersonal. Late Shift beschönigt die brutale Realität des Spitalalltags nicht. Das Publikum taucht ein in die hektische, von hohem Druck geprägte Welt von Floria, einer engagierten Pflegefachfrau, gespielt vom deutschen Star Leonie Benesch. Die Handlung erstreckt sich unerbittlich über 24 Stunden und legt das systemische Versagen sowie die menschlichen Kosten eines unterbesetzten Gesundheitssystems offen.
Die Jury des BAK nahm in ihrer Würdigung kein Blatt vor den Mund und erklärte, der Film zeige die «unglaublichen Herausforderungen, die das Gesundheitspersonal auf der ganzen Welt jeden Tag bewältigen muss». Das ist Kino als gesellschaftlicher Kommentar. Volpe macht aus einer «bescheidenen Protagonistin» eine Heldin, nicht mit übernatürlichen Kräften, sondern durch schiere Widerstandskraft in einem System am Limit. Indem der Film die erschöpften Gesichter hinter den Masken in den Mittelpunkt rückt, macht er aus einer Schweizer Geschichte einen universellen Appell, die unsichtbare Arbeit anzuerkennen, die unsere Gesellschaft am Leben erhält.
Erfolg an den Kinokassen
Kritikerlob ist das eine, nackte Zahlen sind etwas anderes. Late Shift hat bewiesen, dass der Film beides vorweisen kann. Seit seiner Weltpremiere an den Internationalen Filmfestspielen Berlin (Berlinale) im Februar 2025 hat der Film die Kinos im deutschsprachigen Raum erobert. Er verzeichnete beeindruckende 600'000 Eintritte und übertraf damit alle Erwartungen an ein Drama dieser Art.
Dieser kommerzielle Erfolg bestätigt die starke Verbindung des Films zum Publikum. Es ist selten, dass ein gesellschaftskritisches Drama ein solches Massenpublikum erreicht. Das zeigt, dass das Publikum Geschichten sehen will, die seine eigene Lebensrealität widerspiegeln. Der Erfolg an den Kinokassen bietet der Oscar-Kampagne eine solide Grundlage und beweist den Mitgliedern der Academy, dass dieser Film tatsächlich gesehen und gefühlt wird. Der Schwung der Berlinale hat nicht nur angehalten, sondern sich verstärkt: Noch bevor Late Shift in Los Angeles ankommt, ist der Film zu einem kulturellen Phänomen geworden.
Der Weg nach Hollywood
Der Weg zu den Oscars ist hart, und Late Shift hat die erste Hürde bereits genommen. Um sich die Nominierung zu sichern, musste sich Volpes Drama gegen starke Schweizer Konkurrenz durchsetzen, darunter Lionel Baiers The Safe House (La Cache) und Denise Fernandes' Spielfilmdebüt Hanami. Die erste Hürde ist genommen, nun steht deutlich mehr auf dem Spiel.
Der nächste wichtige Meilenstein steht im Dezember an, wenn die Academy ihre internationale Vorauswahl bekannt gibt. Nur die stärksten Filme werden diese Auswahl überstehen und es auf die endgültige Liste für die Verleihung im März 2026 schaffen. Die Konkurrenz wird gross sein, doch die Schweizer Strategie ist klar: Der Film soll seine doppelte Stärke aus künstlerischer Qualität und dringlicher gesellschaftlicher Relevanz ausspielen. Während die Kampagne an Fahrt aufnimmt, wartet die Schweizer Filmbranche gespannt darauf, ob Floria ihre Spätschicht auf dem roten Teppich beenden wird.