Kultur
Neuer Schweizer Film «A Happy Family» erhält Lob dafür, Armut in Zürich sichtbar zu machen
Das international ausgezeichnete Schweizer Drama «A Happy Family» wird für seine eindringliche Darstellung der prekären wirtschaftlichen Lage in Zürich gelobt. Es lenkt den Blick auf die oft unsichtbaren Schwierigkeiten der Working Poor im Land.

Die Schweiz ist ein Land, das von glänzenden Fassaden geprägt ist. Doch derzeit erschüttert ein filmisches Beben das Selbstbild des Landes. Das neue Drama «A Happy Family» hat einen historischen Meilenstein erreicht: Es ist die erste Schweizer Produktion überhaupt, die am renommierten Internationalen Filmfestival Karlovy Vary um den Kristallglobus konkurriert. Das ist nicht nur ein Erfolg für die Kunst, sondern eine schonungslose Konfrontation mit der Realität. Regisseur Jan-Eric Mack lässt die Postkartenidylle Zürichs hinter sich und zeigt einen rauen, herzzerreissenden Thriller, der die «Working Poor» entlarvt, eine Bevölkerungsgruppe, die lange unter der Last des Nationalstolzes verborgen blieb. Hauptdarstellerin Anna Schinz, die den Preis als beste Schauspielerin gewann, liefert als Niki eine herausragende Leistung. Niki ist eine Mutter, deren Leben nicht wegen mangelnder Anstrengung zusammenbricht, sondern weil das Überleben in einer der teuersten Städte der Welt schlicht unmöglich ist. Der Film verlangt von uns, über Luxusuhren und Privatbanken hinauszuschauen und die Menschen zu sehen, die in deren Schatten kämpfen.
Die unsichtbare Krise in Zahlen
Erstaunliche 1,4 Millionen Menschen in der Schweiz, fast 16 Prozent der Gesamtbevölkerung, leben derzeit in Armut oder sind davon bedroht. Das sind nicht bloss Zahlen: Es sind die «Working Poor», die mehrere Jobs unter einen Hut bringen und dennoch die explodierenden Lebenshaltungskosten nicht tragen können. Regisseur Mack recherchierte sechs Jahre lang zu diesem Phänomen. Auslöser dafür waren die alarmierenden Bilder von Warteschlangen vor Lebensmittelausgaben während der Pandemie, ein ungewöhnlicher Anblick in einem Land, das als Inbegriff der Stabilität gilt. Im Zentrum des Films steht Niki, die tagsüber in einer industriellen Wäscherei und nachts an der Garderobe eines Clubs verzweifelt versucht, über die Runden zu kommen. Ihre prekäre Existenz gerät in eine Katastrophe, als ein einfacher häuslicher Unfall, ein von einem hungrigen Kind ausgelöster Küchenbrand, einen Eingriff des Staates nach sich zieht. Die Schweiz weist zwar weltweit das höchste Medianvermögen pro erwachsene Person auf, doch der Film legt den wachsenden Graben zwischen der Elite und jenen offen, für die ein kaputtes Haushaltsgerät oder eine verpasste Schicht den völligen Ruin bedeuten kann. Die Krise ist nicht länger unsichtbar: Auf der grossen Leinwand wird sie für die Welt sichtbar.
Die Konfrontation mit der Bürokratie
Wenn der Staat eingreift, sind die Folgen oft nüchtern und verheerend. In «A Happy Family» nehmen die Schweizer Behörden Niki nach dem Brand ihre beiden Kinder Leonie und Jimmy weg. Sie begründen dies mit Unterernährung und mangelnder Aufsicht. Diese Wendung der Handlung zeigt eine kalte, systemische Starrheit, mit der sich Mack bereits in seinem für einen Oscar nominierten Kurzfilm «Facing Mecca» auseinandergesetzt hat. Der Film zeigt, wie erschreckend schnell die Verwaltungsmaschinerie eine Familie auseinanderreissen kann, wenn sie den «Standard» der Schweizer Mittelschicht nicht erfüllt. Niki kämpft nicht nur gegen Rechnungen, sondern auch gegen ein System, das ihre Armut als moralisches oder elterliches Versagen betrachtet statt als systemische Falle. Die Spannung steigt, als die Protagonistin erkennt, dass ihr Mangel an finanziellen Mitteln in einem Land, das von Ordnung besessen ist, als Verstoss gegen diese Ordnung gilt. Der Film führt eindringlich vor Augen, dass sich das soziale Sicherheitsnetz für verletzliche Menschen oft eher wie eine Falle anfühlen kann.
Ein neuer humanistischer Blick
Jan-Eric Mack interessiert sich nicht für blosse politische Stellungnahmen, sondern läutet eine humanistische Wende im Schweizer Kino ein. Indem er die «Würde» seiner Figuren statt deren Opferrolle in den Mittelpunkt stellt, sorgt Mack dafür, dass «A Happy Family» als universelle Geschichte über Widerstandskraft berührt. Der Erfolg des Films in Karlovy Vary deutet darauf hin, dass sich die Erzählweise Schweizer Geschichten auf der internationalen Bühne verändert: weg von alpiner Eskapismus-Fantasie, hin zu schonungslosem Sozialrealismus. Wenn der Abspann läuft, wird klar, was das für die Schweiz bedeutet: Das Land muss sich seinen inneren Widersprüchen stellen. Der «Happy Family» im Filmtitel wohnt eine beiissende Ironie inne. Der Titel fordert eine Gesellschaft heraus, die ihre Probleme lieber hinter verschlossenen Türen hält. Dieser Film wird künftig als kultureller Massstab dienen und einen Dialog darüber erzwingen, wie eine der reichsten Nationen der Erde mit jenen umgeht, die sie zurückgelassen hat. Die Zeit des Schweigens über Armut in der Schweiz ist offiziell vorbei.