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Swiss Observer

Schweizer Augenzeuge berichtet 25 Jahre später vom Trauma des 11. September

Ein Schweizer Augenzeuge berichtet erstmals öffentlich, wie er die Anschläge vom 11. September von der anderen Seite des New Yorker World Trade Center aus miterlebte, und blickt 25 Jahre später auf die langfristigen Folgen des Traumas zurück.

Schweizer Augenzeuge berichtet 25 Jahre später vom Trauma des 11. September
AISWI swissinfo.ch

Seit 25 Jahren lässt Beat Reinhart den Morgen des 11. September in seinem Kalender frei. Der Schweizer war am 11. September 2001 bei der Arbeit in New York, als gegenüber dem World Trade Center die Anschläge begannen. Nun hat er beschlossen, zu schildern, was er gesehen hat, auch seinen Eltern, die ihn an jenem Tag in New Jersey besuchten.

Reinhart arbeitete für die Commerzbank und kam um 7 Uhr in seinem Büro an. Um 7.10 Uhr, erinnerte er sich, hatte eine Verspätung am Handelspult bereits Konsequenzen. Der Morgen war aussergewöhnlich klar. Er weiss noch, dass er dachte, er hätte eine Kamera zur Arbeit mitbringen sollen, weil die Sicht so klar war.

Innerhalb weniger Minuten änderte sich die Erinnerung. Während er im 32. Stock arbeitete, hörte Reinhart ein Geräusch, das er mit dem Klang einer Rakete verglich. Das Geräusch verstummte. Dann folgte ein Aufprall, begleitet von einer Druckwelle. Die Telefone auf dem Handelsparkett fielen aus, auch die Leitungen der Broker.

Er ging auf die Ostseite des Gebäudes und blickte nach oben. Papier strömte aus dem Turm. Reinhart hatte im selben Büro schon zuvor Terror erlebt, beim Bombenanschlag auf die Tiefgarage des World Trade Center im Jahr 1993. Auch diesen Anschlag hatte er überlebt. Die zweite Erfahrung hinterliess eine Erinnerung, die er ein Vierteljahrhundert lang für sich behielt.

Als New York den Kontakt verlor

Reinhart sah Papier aus dem Turm fallen, bevor er verstand, was geschehen war. Er hatte den Aufprall gehört und die Druckwelle gespürt, doch zunächst liess sich die Szene draussen nicht erklären. Von seinem Fenster aus sah er eine reglose Person auf dem Mittelstreifen einer vierspurigen Strasse liegen. Er fragte sich, warum niemand einen Krankenwagen zu rufen schien.

Im Handelsraum versuchten Kollegen, Angehörige zu erreichen. Reinhart machte sich besonders Sorgen um seine Mutter. Seine Eltern waren fast 20 Jahre zuvor in die Schweiz zurückgekehrt, besuchten ihn aber gerade in New Jersey. Am Vorabend hatte seine Mutter gesagt, sie wolle die Buchhandlung im World Trade Center-Komplex besuchen.

Er konnte sie telefonisch nicht erreichen. Kurz darauf erschütterte eine weitere gewaltige Explosion das Stockwerk. Das zweite Flugzeug war in den anderen Turm eingeschlagen. Reinharts Schilderung gibt die Verwirrung der ersten Momente wieder, bevor das volle Ausmass der koordinierten Anschläge klar wurde.

An den Anschlägen waren vier entführte Passagierflugzeuge beteiligt. Zwei wurden in die Türme des World Trade Center gesteuert, ein drittes traf das Pentagon bei Washington, und das vierte stürzte in Pennsylvania ab. Fast 3’000 Menschen kamen ums Leben. Reinharts Zeugnis zeigt einen Schweizer Berufstätigen und seine Familie mitten in der unmittelbaren Ungewissheit jenes Morgens, während die Welt dieselben Bilder verfolgte.

Ein Trauma, das länger anhielt als der Rauch

Das Trauma dauerte weit über den Kalendertag hinaus an. Reinhart sagt, auf den 11. September seien Monate gefolgt, die vom ständigen Rauchgeruch und der Arbeit in einem Keller geprägt gewesen seien. Den Prozess, das Erlebte zu verarbeiten, beschreibt er als etwas, das «unglaublich viel Zeit» in Anspruch nahm.

Sein Entschluss, jetzt darüber zu sprechen, fällt mit dem 25. Jahrestag zusammen. Die Offenheit richtet sich nicht nur an die Öffentlichkeit. Reinhart öffnet sich auch seinen Eltern, die am Tag der Anschläge auf der Terrasse seiner Wohnung in New Jersey standen und zusahen, wie die Flugzeuge in die Türme flogen.

Das Datum ist ihm so wichtig geblieben, dass er den Morgen von anderen Verpflichtungen freihält. In seinem Kalender stehen für diese Stunden keine Termine. Diese Gewohnheit zeigt genau, wie ein Ereignis, das er im frühen Erwachsenenalter miterlebte, sein Leben weiterhin prägte, ohne Teil seiner öffentlichen Identität zu werden.

Reinhart hatte den terroristischen Bombenanschlag von 1993 auf dem Gelände des World Trade Center bereits überlebt. 2001 wurden das vertraute Büro, die klare Sicht und die alltäglichen Abläufe eines Handelstags Teil eines zweiten Anschlags. Sein Zeugnis verbindet unmittelbare Sinneseindrücke, die ausgefallenen Telefonleitungen und den Rauchgeruch mit der langsameren Arbeit, nach massiver Gewalt weiterzuleben.

Die Schweizer Gemeinschaft bewahrt die Erinnerung

Die Anschläge hinterliessen auch bei der Schweizer Gemeinschaft im Raum New York bleibende Spuren. Zwei Schweizer Staatsangehörige kamen in New York ums Leben. In den Tagen nach den Anschlägen versuchte das Schweizer Aussenministerium, den Aufenthaltsort von Hunderten Schweizer Staatsangehörigen in den USA zu ermitteln.

Die Schweizer Präsenz in der Region war bereits 2001 beträchtlich. Rund 20’000 Schweizerinnen und Schweizer lebten im Grossraum New York, New Jersey und Connecticut. Heute sind in der Region mehr als 26’000 Schweizer Staatsangehörige registriert. Zu dieser Gemeinschaft gehören Menschen, die in der Finanzbranche, den Medien, im Bildungswesen, in der Diplomatie und in anderen Bereichen arbeiten, die die Schweiz mit den USA verbinden.

Reinharts Schilderung stellt diese umfassenderen Zahlen neben den angstvollen Morgen einer Familie. Seine Eltern waren Schweizer Besucher in New Jersey. Seine Mutter hatte vorgehabt, den Komplex des World Trade Center zu besuchen. Sein eigenes Büro lag den Türmen direkt gegenüber, und nach dem Aufprall galt seine erste Sorge der Frage, ob er sie erreichen konnte.

Der Jahrestag hat Reinhart dazu bewogen, nach Jahrzehnten des Schweigens zu sprechen. Sein Entschluss löst die Erinnerung nicht auf. Er hält fest, was er gesehen hat, macht die Schweizer Verbindung sichtbar und gibt einer Erfahrung, die weitgehend auf seinen Kalender und seine Familie beschränkt geblieben war, eine öffentliche Sprache.