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Swiss Observer

Lohnschere bei Schweizer Topmanagerinnen und Topmanagern bleibt trotz leichter Verkleinerung gross

Topmanagerinnen und Topmanager in Schweizer Unternehmen verdienen 143-mal mehr als die am tiefsten entlöhnten Mitarbeitenden. Die grössten Unterschiede gibt es im Pharmasektor, trotz einer leichten Verbesserung gegenüber dem Vorjahr.

Lohnschere bei Schweizer Topmanagerinnen und Topmanagern bleibt trotz leichter Verkleinerung gross
AISWI swissinfo.ch

143-mal. So gross ist der schwindelerregende Unterschied zwischen der Elite und den unverzichtbaren Mitarbeitenden in der Schweizer Unternehmenshierarchie. Die neuesten Zahlen der Gewerkschaft Unia deuten zwar auf eine leichte Verringerung gegenüber dem Vorjahr hin, als das Verhältnis 1:150 betrug, doch die Kluft bleibt unbestreitbar enorm. Das ist kein Sieg für die Gleichstellung, sondern lediglich eine statistische Schwankung in einem System, in dem die Ungleichheit fest verankert bleibt.

Die Erzählung von einer «schrumpfenden Lohnschere» hält einer Prüfung anhand der nackten Zahlen nicht stand. Für die durchschnittliche Arbeitskraft in der Produktion könnte die Chefetage ebenso gut auf einem anderen Planeten liegen. Diese anhaltende Ungleichheit zeugt von einer Unternehmenskultur, die das Topmanagement im Vergleich zu den Mitarbeitenden, die den täglichen Betrieb am Laufen halten, weiterhin mit einem astronomischen Aufschlag entlöhnt. Angesichts der weltweit nach wie vor sehr hohen Lebenshaltungskosten in der Schweiz ist diese Ungleichheit nicht bloss eine Zahl in einer Tabelle, sondern eine prägende wirtschaftliche Bruchlinie.

Pharma- und Finanzriesen an der Spitze

Nirgends ist der Überfluss so deutlich spürbar wie in der Pharma- und Finanzbranche, wo die Saläre in schwindelerregende Höhen gestiegen sind. An der Spitze steht Novartis-CEO Vasant Narasimhan, der im vergangenen Jahr beeindruckende 19,2 Millionen Franken (24,1 Millionen Dollar) verdiente. Damit verdiente er 333-mal so viel wie sein am tiefsten entlöhnter Kollege. Ein Unterschied, der jeder Vernunft zu trotzen scheint.

Der Trend zeigt sich branchenweit in Wirtschaftszweigen mit hohen Einsätzen. Partners Group folgt dicht dahinter mit einer Lohnspanne von 1:328, während der Pharmariese Galderma ein Verhältnis von 1:298 aufweist. Auch die UBS, eine Säule des Schweizer Bankwesens, verzeichnet eine beträchtliche Lohnschere von 1:276. Diese Zahlen zeigen, dass sich die Vergütung von Führungskräften in bestimmten Branchen vollständig von der allgemeinen Lohnentwicklung abgekoppelt hat. So entsteht eine Klasse von Spitzenverdienenden, deren Vermögen unabhängig von der Realität der breiten Belegschaft wächst.

Zwei verschiedene Schweizer Realitäten

Im deutlichen Gegensatz zu den globalen Konzernen gibt es eine andere Schweiz, die von öffentlichen Dienstleistungen und dem Detailhandel geprägt ist. Coop und die SBB bilden in dieser Landschaft des Überflusses Ausnahmen: Sie weisen eine Lohnschere von lediglich 1:11 aus. Dieser markante Unterschied macht eine grundlegende Spaltung der Schweizer Wirtschaft sichtbar: hier die globalisierten Grosskonzerne, dort die heimischen Pfeiler des Alltags.

Ein Verhältnis von 1:11 ist zwar nach wie vor beträchtlich, verblasst jedoch im Vergleich zu den dreistelligen Faktoren in der Pharma- und Finanzbranche. Die Zahlen beweisen, dass eine grosse Betriebsgrösse keine astronomische Lohnungleichheit erfordert. Sie stellen die Behauptung infrage, man müsse Spitzenkräfte mit Vergütungspaketen halten, die das Einkommen durchschnittlicher Mitarbeitender um ein Vielfaches übersteigen. Die Zurückhaltung dieser Unternehmen hält anderen einen Spiegel vor und zeigt, wie ungebremst die Vergütung von Führungskräften andernorts steigt.

Gewinne statt Löhne

Das Geld ist vorhanden, es fliesst nur nicht zu den Mitarbeitenden. Schweizer Unternehmen schütteten ihren Aktionärinnen und Aktionären insgesamt 46 Milliarden Franken in Form von Dividenden und Aktienrückkäufen aus. Damit wird das Argument entkräftet, den Unternehmen fehle die Liquidität, um die Grundlöhne zu verbessern. Wie Unia nachdrücklich betont, sind die Unternehmen finanziell gut aufgestellt. Das Problem liegt in der Verteilung dieses Vermögens, die weiterhin stark unausgewogen ist.

Dieser massive Vermögenstransfer an Investorinnen und Investoren sowie Führungskräfte, der gleichzeitig mit stagnierenden Löhnen für die Geringstverdienenden stattfindet, zeichnet das Bild einer Wirtschaft, die Kapitalrenditen höher gewichtet als die Entlöhnung der Arbeit. Milliarden fliessen in Aktienrückkäufe, um die Aktienkurse zu steigern. Die Weigerung, die Lohnschere deutlich zu verkleinern, ist daher eine Entscheidung und keine unabwendbare Entwicklung. Während sich die Schweiz mit diesen Ungleichheiten auseinandersetzt, wächst der Druck auf die Verwaltungsräte, zu erklären, warum der Kuchen so ungleich verteilt wird.