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Swiss Observer

Beziehungen Schweiz-EU: Abkommen mit Grossbritannien löst Diskussionen über neue Rahmenbedingungen aus

Das neue Kooperationsabkommen zwischen Grossbritannien und der EU veranlasst Schweizer Behörden, mögliche Perspektiven für die bilateralen Beziehungen neu zu beurteilen, mit besonderem Augenmerk auf die Personenfreizügigkeit und die Handelsrahmenbedingungen.

Beziehungen Schweiz-EU: Abkommen mit Grossbritannien löst Diskussionen über neue Rahmenbedingungen aus
AIThe Local Switzerland

Diesen Montag kam es in London zu einer tiefgreifenden diplomatischen Wende, die die Spielregeln für die Beziehungen zu Nicht-EU-Staaten praktisch neu schreibt. Fünf Jahre nach einer bitteren und erbitterten Trennung haben Grossbritannien und die EU eine überraschende Kehrtwende vollzogen und ein wegweisendes Abkommen unterzeichnet, das das Kräfteverhältnis auf dem Kontinent neu ordnet. Premierminister Keir Starmer erklärte gemeinsam mit den europäischen Schwergewichten Ursula von der Leyen und Antonio Costa im historischen Lancaster House eine neue Ära der Zusammenarbeit. Es handelt sich nicht bloss um einen Handschlag, sondern um eine strategische Neuausrichtung, die einem halben Jahrzehnt der Stagnation ein Ende setzt.

Die Dringlichkeit dieses Gipfels unterstreicht eine entscheidende Realität: Europa rückt zusammen. Während die Schweiz ihren langsamen, sorgfältigen Tanz mit Brüssel fortsetzt, ist London vorgeprescht und hat in kurzer Zeit einen Rahmen für Verteidigung und Handel gesichert. Die Anwesenheit der EU-Spitze auf britischem Boden signalisiert, dass der Staatenverbund bereit ist, pragmatische Lösungen für Drittstaaten anzubieten, wenn der politische Wille vorhanden ist. Für Beobachterinnen und Beobachter in Bern ist die Botschaft unüberhörbar: Das Einfrieren der Beziehungen nach dem Brexit ist vorbei, und in Echtzeit entsteht ein neues, dynamisches Modell für Partnerschaften mit externen Ländern.

Erasmus und elektronische Gates: Durchbruch bei der Mobilität

Das Abkommen bringt sofortige, konkrete Erfolge, auf die Schweizer Reisende neidisch blicken dürften. Mit einem Schritt, der den Grenzübertritt deutlich erleichtert, haben sich Britinnen und Briten das Recht gesichert, an der Passkontrolle elektronische Gates zu benutzen, ein Vorrecht, das häufig den Mitgliedern des Staatenverbunds vorbehalten ist. Dadurch verkürzen sich die Wartezeiten erheblich und es wird ein Vertrauensniveau signalisiert, das sich die Schweiz erst erarbeiten muss. Zudem kehrt Grossbritannien zum Erasmus-Programm zurück und öffnet britischen Jugendlichen nach fünf Jahren im Abseits wieder die Türen der europäischen Universitäten.

Das Abkommen betrifft nicht nur Menschen, sondern auch ihre Begleiterinnen und Begleiter: Neue Regeln sollen das Reisen mit Haustieren über den Ärmelkanal erleichtern. Das sind keine geringfügigen administrativen Anpassungen, sondern bedeutende Verbesserungen der Lebensqualität, die Grossbritannien wieder in das soziale Gefüge Europas einbinden, ohne eine politische Union vorauszusetzen. Indem das Vereinigte Königreich diese konkreten Hindernisse beseitigt, hat es gezeigt, dass der Status als «Drittstaat» an der Grenze nicht zwingend eine Behandlung zweiter Klasse bedeutet. Der Präzedenzfall ist nun geschaffen: Eine flexible, sektorspezifische Integration ist möglich. Damit wird die oft gegenüber Schweizer Unterhändlern vertretene starre «Alles oder nichts»-Erzählung infrage gestellt.

Bern in Alarmbereitschaft: Die Auswirkungen auf die Schweiz

Während in London die Champagnerkorken knallen, dürfte in Bern intensive Abwägung angesagt sein. Die Schweiz steht vor einer neuen, deutlichen Realität: Grossbritannien hat in wichtigen Bereichen erfolgreich eine «Das Beste aus beiden Welten»-Lösung ausgehandelt, um die sich Schweizer Diplomatinnen und Diplomaten bisher vergeblich bemüht haben. Wenn ein ehemaliger Mitgliedstaat den Zugang zu Erasmus und die Nutzung elektronischer Gates zurückgewinnen kann, während er ausserhalb der politischen Strukturen des Binnenmarkts bleibt, steigt der Druck auf den Bundesrat, ähnliche Ergebnisse zu erzielen, sprunghaft an.

Schweizer Behörden müssen ihren bilateralen Ansatz nun neu beurteilen. Das Abkommen mit Grossbritannien zeigt, dass die «roten Linien» der EU möglicherweise flexibler sind als bisher dargestellt. Die Schweiz kann es sich nicht leisten, sich im Wettlauf um die europäische Integration von London ausmanövrieren zu lassen. Da Grossbritannien seine Beziehungen neu ordnet, droht die Schweiz als unnachgiebige Partnerin dazustehen, falls sie ihren eigenen Rahmen nicht modernisieren kann. Der Massstab hat sich verschoben. Die Schweizer Bevölkerung wird nun auf das britische Abkommen blicken und fragen: «Warum nicht wir?»

Verteidigung und Handel: Eine neue Ausrichtung des Kontinents

Über Reisen und Studierende hinaus liegen die grossen Herausforderungen dieses Abkommens in den Bereichen Verteidigung und Handel. In einer zunehmend instabilen geopolitischen Lage ist die Aufnahme eines Verteidigungspakts entscheidend. Grossbritannien und die EU schliessen ihre Reihen und schaffen eine Sicherheitsarchitektur, die britische militärische Fähigkeiten mit europäischen strategischen Interessen verbindet. Dadurch gerät die neutrale Schweiz in eine komplexe Lage: Sie ist von einem NATO-EU-UK-Sicherheitsblock umgeben, der von Tag zu Tag enger zusammenrückt.

Wirtschaftlich sollen die Handelsbestimmungen die durch den Brexit entstandenen Brüche glätten. Die Einzelheiten werden nach und nach bekannt, doch die Absicht ist klar: Reibungsverluste verringern und das Handelsvolumen steigern. Für Schweizer Exporteure bedeutet ein wiederbelebter Handelsweg zwischen Grossbritannien und der EU sowohl Konkurrenz als auch Chancen. Entscheidend sind jedoch die politischen Folgen. Die EU hat gezeigt, dass sie bei Bedarf ihre Haltung ändern und Abkommen mit grossen externen Mächten schliessen kann. Die Schweiz muss nun entscheiden, ob sie ihre eigenen Verhandlungen beschleunigt oder riskiert, an den Rand gedrängt zu werden, während die wirtschaftliche und sicherheitspolitische Landkarte des Kontinents um sie herum neu gezeichnet wird.