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Swiss Observer

Waffenruhe im Nahen Osten löst Rallye an Schweizer Börse aus, Versicherer mit zahlreichen Schadensmeldungen

Während die Ankündigung einer Waffenruhe zwischen den USA und dem Iran die Schweizer Aktienkurse steigen liess, bestehen die wirtschaftlichen Folgen des Konflikts fort. Der Schweizer Reiseversicherer Axa rechnet mit Schadensmeldungen von über 3 Millionen CHF. Das verdeutlicht die anhaltenden finanziellen Auswirkungen für Schweizer Unternehmen.

Waffenruhe im Nahen Osten löst Rallye an Schweizer Börse aus, Versicherer mit zahlreichen Schadensmeldungen
AISWI swissinfo.ch

Ein atemberaubender Anstieg des Swiss Market Index (SMI) um 3,31 Prozent hat im Zürcher Finanzdistrikt für eine Welle der Erleichterung gesorgt. Nach der Ankündigung einer zweiwöchigen Waffenruhe mit dem Iran durch US-Präsident Donald Trump schoss der Leitindex innerhalb weniger Minuten nach Börsenöffnung auf 13 214,34 Punkte. Diese explosive Erholung folgte auf eine enttäuschende Sitzung, in der der Markt 1,48 Prozent tiefer schloss. Das zeigt, wie sehr die Anleger auf eine geopolitische Entspannung gewartet hatten. Die Stimmung ist elektrisierend: Der «Angstfaktor», der Schweizer Führungsetagen seit Wochen im Griff hatte, lässt endlich nach und weicht einer ausgeprägten Risikobereitschaft. Auch wenn die Waffenruhe derzeit nur für vierzehn Tage vorgesehen ist, sind die unmittelbaren Auswirkungen auf das Schweizer Kapital unbestreitbar. Das ist nicht nur eine Erholung, sondern ein Bekenntnis zum Vertrauen in eine Welt, die noch vor wenigen Stunden am Rand eines umfassenden regionalen Kriegs stand.

Der hohe Preis des Konflikts

Mehr als 2000 Schadensmeldungen gehen derzeit bei Axa Schweiz ein. Das erinnert eindrücklich daran, dass Frieden auf dem Schlachtfeld nicht bedeutet, dass die wirtschaftlichen Belastungen sofort enden. Der Reiseversicherer rechnet damit, dass der Krieg im Iran insgesamt Kosten von sage und schreibe 3 Millionen CHF (3,75 Millionen US-Dollar) verursachen wird. Trotz der Waffenruhe muss sich Axa weiterhin mit täglich 50 bis 60 Anfragen auseinandersetzen. Auf dem Höhepunkt der Kampfhandlungen Anfang März erreichte diese Zahl mit täglich 300 zusätzlichen Anfragen ihren Spitzenwert. Der Konflikt löste einen beispiellosen Anstieg der Nachfrage nach Reiseversicherungen um 25 Prozent aus, als Schweizerinnen und Schweizer sich darum bemühten, ihre Reisefreiheit abzusichern. Schadensmeldungen in Höhe von 1 Million CHF wurden bereits beglichen, doch die finanziellen Folgen dieses Kriegs werden noch lange nachwirken. Sollte die Waffenruhe nicht halten oder sich der Konflikt ausweiten, dürften diese Kosten laut Axa unweigerlich weiter steigen und den Schweizer Versicherungssektor zusätzlich belasten.

Energiepreise brechen ein, Inflationsängste lassen nach

Die Ölpreise sind in einer einzigen Sitzung um mehr als 15 Prozent eingebrochen. Das ist der stärkste Grund für wirtschaftlichen Optimismus in der Schweiz seit Monaten. Die Sorte Brent verbilligte sich um 15,4 Prozent auf 93,94 US-Dollar pro Fass, während die US-Sorte WTI um 15,2 Prozent auf 95,83 US-Dollar fiel. Dieser dramatische Rückgang ist ein Wendepunkt für die Schweizerische Nationalbank und die inländischen Konsumentinnen und Konsumenten gleichermassen. Thomas Gitzel, Chefökonom bei der VP Bank, sagt, der Preisrückgang gebe Anlass zur Hoffnung, dass der jüngste Inflationsanstieg nur von kurzer Dauer sein werde. Für ein Land, das wegen des Konflikts mit einer möglichen jährlichen Energierechnung von 5 Milliarden CHF konfrontiert ist, ist diese Preiskorrektur eine entscheidende Entlastung. Sollten sich die Ölpreise auf diesem tieferen Niveau stabilisieren, könnten die viel befürchteten Zinserhöhungen ausbleiben, die Schweizer Hauseigentümerinnen und Hauseigentümer sowie Unternehmen bedroht haben. Der Zusammenhang ist klar: Wenn die Treibstoffkosten sinken, atmet die Schweizer Wirtschaft gemeinsam auf. Das mindert den Druck auf Lieferketten und Haushaltsbudgets.

Industriegiganten geben den Takt vor

Der Industriekonzern ABB führt den Markt mit einem kräftigen Plus von 7,9 Prozent an und signalisiert damit eine deutliche Rückkehr des Vertrauens in die Schweizer Industrie. Nicht weit dahinter legte der Zementkonzern Holcim um 7,6 Prozent zu, während der Dentaltechnik-Spezialist Straumann um 6,8 Prozent stieg. Das sind nicht einfach nur Zahlen: Sie stehen für eine Rückkehr zu den zyklischen Sektoren, die das Rückgrat der Schweizer Exportwirtschaft bilden. Auch der Bankensektor zog mit: Die UBS gewann 4,4 Prozent, während die Gefahr globaler Finanzinstabilität nachliess. Im Gegensatz dazu gaben defensive Aktien wie Swisscom um 0,07 Prozent nach, da die Anleger sichere Häfen zugunsten wachstumsorientierter Anlagen verliessen. Diese Umschichtung deutet darauf hin, dass die «informierten Anleger» auf eine rasche Stabilisierung der globalen Handelswege setzen. Wenn die Schweizer Industriegiganten derart kräftig zulegen, ist das ein klares Signal an die Welt: Die Schweiz ist bereit, von der Friedensdividende zu profitieren.

Fragile Stabilität in der Schweiz

Die Schweiz steht an einem entscheidenden Wendepunkt, an dem Neutralität auf wirtschaftliche Realität trifft. Die Arbeitslosenquote von 3,1 Prozent zeugt zwar von einem widerstandsfähigen inländischen Arbeitsmarkt, doch die geopolitische Entspannung sei «fragil», sagt John Plassard von Cité Gestion. Die zweiwöchige Waffenruhe ist ein vorübergehendes Pflaster auf einer tiefen Wunde. Die Marktvolatilität dürfte erhöht bleiben, während die Welt die US-Notenbank und den bevorstehenden Erzeugerpreisindex der Eurozone im Auge behält. Für die Schweiz steht besonders viel auf dem Spiel. Das Land verfolgt einen heiklen diplomatischen Kurs gegenüber den Vereinigten Staaten und bewältigt zugleich die Folgen eines Konflikts im Inland, der bereits Millionen an Versicherungskosten und potenziell Milliarden an höheren Energiekosten verursacht hat. Die kommenden Tage werden zeigen, ob diese Rallye den Beginn einer anhaltenden Erholung markiert oder lediglich ein «Dead-Cat-Bounce» in einer anhaltenden Ära globaler Instabilität ist. Eines ist sicher: Schweizer Unternehmen warten nicht mehr darauf, dass ihnen jemand grünes Licht gibt. Sie rechnen mit Frieden, so vorübergehend er auch sein mag.