Diplomatie
Schweizer Diplomatin strebt höchstes UNO-Flüchtlingsamt an
Staatssekretärin Christine Schraner Burgener lanciert ihre Kandidatur für das Amt der nächsten Hohen Flüchtlingskommissarin der UNO

Die Schweiz unternimmt einen mutigen Vorstoss, um die höchste Position in der humanitären Führung zu besetzen. Der Bundesrat hat sich offiziell hinter Staatssekretärin Christine Schraner Burgener gestellt und ihre Kandidatur für das Amt der nächsten Hohen Flüchtlingskommissarin der Vereinten Nationen (UNHCR) lanciert. Dabei geht es nicht bloss um eine Nomination, sondern um einen strategischen Schachzug, mit dem eine Schweizerin an die Spitze der grössten UNO-Organisation in Genf gebracht werden soll, mitten ins Zentrum der globalen Diplomatie.
Die Einsätze könnten kaum höher sein. Da der amtierende Hochkommissar, der Italiener Filippo Grandi, Ende 2025 zurücktreten soll, ist der Wettlauf um seine Nachfolge entbrannt. Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten bestätigte den Schritt rasch und informierte UNO-Generalsekretär António Guterres Anfang Dezember. Mit der Unterstützung der 61-jährigen Diplomatin signalisiert Bern, dass es die globale Flüchtlingspolitik direkt mitgestalten will. Bundesvertreter bezeichnen das UNHCR als «wichtigen Partner» der Schweizer Aussenpolitik. Die Führungsposition zu sichern, würde den Einfluss der Schweiz auf der internationalen Bühne für Jahre festigen.
In der Krise bewährt: ihre Migrationsbilanz
Schraner Burgener tritt mit einem Lebenslauf ins Rennen, der in beispiellosen Krisen geschmiedet wurde. Während ihrer Amtszeit als Staatssekretärin für Migration stand sie vor einer gewaltigen humanitären Herausforderung: der grössten Flüchtlingswelle, welche die Schweiz seit dem Zweiten Weltkrieg erlebt hat. Nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine beaufsichtigte sie die Aufnahme von über 100'000 Flüchtlingen. Diese logistische und politische Leistung brachte die Infrastruktur des Landes an ihre Grenzen.
Ihr Führungsstil ist von Tatkraft geprägt. Während sie diesen massiven Zustrom bewältigte, verschärfte sie gleichzeitig den Vollzug und präsidierte einen Anstieg der zwangsweisen Rückführungen, ein klares Zeichen dafür, dass sie schwierige, pragmatische Entscheidungen treffen kann. Zudem ging sie interne Probleme direkt an und verbesserte die Massnahmen zur Gewaltprävention in den Bundesasylzentren. Diese Fähigkeit, Schutz für viele Menschen zu gewährleisten und zugleich für strikte Ordnung zu sorgen, macht sie zu einer Kandidatin, die sowohl die humanitäre Notwendigkeit als auch die harten Realitäten der staatlichen Sicherheit versteht. Wenn sie Ende dieses Jahres ihre derzeitige Funktion abgibt, hinterlässt sie das Vermächtnis, die turbulenteste Migrationsphase der jüngeren Schweizer Geschichte bewältigt zu haben.
Eine erfahrene Diplomatin kehrt zurück
Neben ihren Erfolgen im Inland ist Schraner Burgener eine erfahrene Diplomatin auf der internationalen Bühne. Ihre Kandidatur stützt sich auf eine beeindruckende Erfolgsbilanz, die mehrere Kontinente und Konflikte umfasst. Bevor sie die Leitung des Staatssekretariats für Migration übernahm, war sie UNO-Sondergesandte für Myanmar. In dieser Funktion musste sie sich in einer der komplexesten und instabilsten politischen Situationen der Welt zurechtfinden.
Ihr diplomatischer Pass ist mit gewichtigen Erfahrungen gefüllt. Sie war Schweizer Botschafterin in Thailand und in Deutschland. Diese Erfahrungen haben ihre Fähigkeit geschärft, auf höchster Ebene zu verhandeln. Dieser umfangreiche Erfahrungsschatz ist entscheidend. Das Amt der Hochkommissarin verlangt eine Führungspersönlichkeit, die mit Diktaturen ebenso wie mit Demokratien verhandeln kann, um die Sicherheit der Vertriebenen weltweit zu gewährleisten. Schraner Burgener ist keine Aussenseiterin, die sich erst in die Aufgabe einarbeiten müsste. Sie ist eine bewährte Diplomatin, die ins Aussendepartement zurückkehrt und bereit ist, jahrzehntelange Erfahrung in Verhandlungen mit hohem Einsatz einzubringen, um das oberste Flüchtlingsamt der UNO zu übernehmen.
Der Kampf um Genf beginnt
Der Weg ins Büro der Hochkommissarin wird nicht ohne Gegenkandidaten sein. Die für Ende 2025 vorgesehene Wahl zeichnet sich bereits als intensiver diplomatischer Wettbewerb ab. Der deutsche Bundestagsabgeordnete Niels Annen hat sich bereits als gewichtiger Konkurrent herauskristallisiert. Das zeigt, dass die europäischen Mächte dieses wichtige Mandat für sich beanspruchen wollen. Die Schweiz muss nun ihren diplomatischen Apparat mobilisieren, um die Konkurrenz auszumanövrieren und sich die nötigen Stimmen in New York zu sichern.
Der Zeitplan steht, und die Uhr tickt. Schraner Burgener wird im Januar ins Aussendepartement wechseln. Damit erhält sie Zeit, um gezielt Wahlkampf zu führen und Unterstützung zu bündeln. Für die Schweiz geht es um mehr als eine Personalentscheidung: Auf dem Prüfstand steht ihr Einfluss im multilateralen System. Die Leitung des UNHCR zu sichern, wäre ein Höhepunkt der Schweizer Diplomatie und würde eine Schweizerin an die Spitze einer der wichtigsten globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts stellen. Der Wahlkampf hat begonnen, und Bern will gewinnen.