Schweizer Neutralität
Schweiz verweigert den USA Überflüge im Iran-Konflikt und beruft sich auf Neutralität
Die Schweizer Regierung hat zwei US-amerikanische Gesuche um militärische Überflüge im Zusammenhang mit dem Konflikt mit Iran abgelehnt und damit ihre langjährige Neutralitätspolitik bekräftigt. Der Entscheid fällt zu einem Zeitpunkt, an dem Schweizer Parlamentarierinnen und Parlamentarier eine geringere sicherheitspolitische Abhängigkeit von den USA und eine Neubewertung der Rolle der Schweiz als Vermittlerin im turbulenten Nahen Osten fordern.

In einem entschiedenen Akt der Souveränitätsbekundung hat die Schweiz US-amerikanischen militärischen Aufklärungsoperationen, die den Schweizer Luftraum nutzen wollten, eine klare Absage erteilt. Am 15. März lehnte der Bundesrat zwei konkrete Gesuche um Überflüge ab, die mit dem eskalierenden Krieg mit Iran zusammenhingen. Damit setzte er ein klares Zeichen: Die Schweizer Neutralität steht nicht zur Verhandlung. Die Regierung bewilligte zwar drei unbedenkliche Flüge, darunter einen Wartungsflug und zwei Transportflüge, doch die Grenze ist klar: keine direkte militärische Unterstützung für Kriegsparteien.
Diese Ablehnung ist nicht bloss bürokratischer Natur, sondern ein diplomatisches Manöver mit hohem Einsatz. Seit dem 28. Februar 2026 dauern die Feindseligkeiten zwischen dem Bündnis aus den USA und Israel und Iran an. Der Druck auf neutrale Staaten, sich für eine Seite zu entscheiden, ist enorm. Bern bleibt jedoch unbeirrt. Indem die Schweizer Regierung zwischen logistischen Transporten und aktiver Aufklärung unterscheidet, bewegt sie sich auf einem schmalen Grat. So bleiben humanitäre Kanäle offen, während der Schweizer Luftraum nicht zur Durchgangsroute für den Krieg wird.
Das unnachgiebige Neutralitätsrecht
Die Ablehnung gründet auf dem kompromisslosen «Neutralitätsrecht», einem Rechtsrahmen, den die Schweiz seit 1815 einhält. Die Haltung der Regierung ist eindeutig: «Das Neutralitätsrecht verbietet Überflüge durch Konfliktparteien zu militärischen Zwecken, die mit diesem Konflikt zusammenhängen.» Dieser rechtliche Schutz setzt die üblichen jährlichen Bewilligungen ausser Kraft, die die USA normalerweise für Staatsluftfahrzeuge erhalten. Pauschale Bewilligungen für Flüge, die den Krieg gegen Iran direkt unterstützen, wurden ausgesetzt.
Das Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL) prüft Gesuche nun besonders genau. Jedes Fluggesuch, das über das «übliche Mass» hinausgeht oder keinen transparenten Zweck erkennen lässt, wird umgehend abgelehnt. Diese konsequente Durchsetzung unterstreicht eine zentrale Tatsache: In Kriegszeiten wird die Schweizer Neutralität vom passiven Status zu einer aktiven, defensiven rechtlichen Schranke. Humanitäre und medizinische Flüge bleiben die einzige Ausnahme. So wahrt die Schweiz ihre humanitäre Tradition und verhindert zugleich, dass militärische Zweckmässigkeit Vorrang erhält.
Politisches Beben: Distanz zu Washington
Über die Ablehnung der Überflüge hinaus erschüttert eine tiefgreifende politische Neuausrichtung das Bundeshaus. In einem Schritt, der vor einem Jahrzehnt undenkbar gewesen wäre, verabschiedete der Nationalrat am 13. März eine Motion, die eine strategische Verringerung der sicherheitspolitischen Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten fordert. Schweizer Parlamentarierinnen und Parlamentarier wollen sich nicht länger unter dem amerikanischen Sicherheitsschirm bewegen. Sie verlangen eine stärkere Zusammenarbeit mit der Europäischen Union.
Dieser Vorstoss spiegelt das wachsende Unbehagen über die aussenpolitische Entwicklung in Washington wider. Da sich die USA erneut stark in einen Konflikt im Nahen Osten verstricken, signalisieren Schweizer Gesetzgeber, dass die Sicherheitsinteressen ihres Landes möglicherweise nicht mehr mit dem amerikanischen Interventionismus übereinstimmen. Dies ist ein entscheidender Moment für die Schweizer Aussenpolitik: ein bewusster Schritt weg vom Atlantikbündnis und hin zu einer autonomeren, stärker auf Europa ausgerichteten Verteidigungsstrategie.
Das Dilemma der Vermittlerin
Die historische Rolle der Schweiz als «Schutzmacht», die seit der Geiselkrise von 1980 die Interessen der USA in Teheran vertritt, steht vor ihrer bisher grössten Bewährungsprobe. Das Aussenministerium betont zwar, dass seine «Guten Dienste weiterhin allen Parteien zur Verfügung stehen», doch Fachleute warnen vor einem raschen Wandel der Dynamik. Daniel Moeckli von der ETH Zürich gibt zu bedenken, dass der Schweizer Kanal angesichts der zunehmenden Intensität des Konflikts «etwas von seiner früheren Dynamik eingebüsst haben könnte».
Bern bewegt sich auf einem diplomatischen Hochseil über einem Abgrund aus Feuer. Einerseits muss die Schweiz strikte Neutralität wahren, um ihre Glaubwürdigkeit bei Iran zu erhalten. Andererseits muss sie ihr angespanntes Verhältnis zu den USA steuern. Während Raketen fliegen und die Rhetorik schärfer wird, geht die traditionelle Rolle der Schweiz als stille Botschafterin im Kriegslärm unter. Nun stellt sich die Frage: Kann die Schweiz ihren Status als vertrauenswürdige Vermittlerin bewahren, wenn sie die militärischen Manöver einer der wichtigsten Kriegsparteien aktiv verhindert?