Verteidigung
Schweizer Verteidigungsdepartement erwägt Abbruch des problematischen Drohnenprogramms
Nach wiederholten Verzögerungen und technischen Problemen erwägen Schweizer Militärvertreter, das grosse Drohnenbeschaffungsprojekt mit dem israelischen Unternehmen Elbit abzubrechen.

Die Geduld des Schweizer Militärs ist offiziell am Ende. In einer überraschenden Kehrtwende von der langjährigen Politik erwägt das Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) nun aktiv, das grosse Drohnenbeschaffungsprojekt mit dem israelischen Hersteller Elbit abzubrechen. Jahrelang hielten die Verantwortlichen daran fest, dass eine Kündigung schlicht nicht infrage komme, sie sei in der komplexen Welt internationaler Rüstungsgeschäfte ausgeschlossen. Dieses Narrativ ist nun zerbrochen.
Rüstungschef Urs Loher machte die brisante Ankündigung gegenüber dem Schweizer Radio SRF und erklärte, das Projekt habe einen kritischen Punkt erreicht. «Der berühmte letzte Tropfen hat das Fass zum Überlaufen gebracht», sagte Loher und signalisierte damit einen deutlichen Kurswechsel in der Bundesverwaltung. Es geht nicht mehr nur um Verzögerungen, sondern um eine Vertrauenskrise. Das Eingeständnis markiert einen seltenen Moment öffentlicher Frustration bei den Schweizer Beschaffungsbehörden, die sich üblicherweise zurückhaltend äussern. Indem Bern die Möglichkeit eines Abbruchs offen anspricht, sendet es ein unmissverständliches Signal: Die Ära endloser Fristverlängerungen ist vorbei, und die Schweizer Armee ist nicht länger bereit, sich durch mangelhafte Leistungen in Geiselhaft nehmen zu lassen.
Systemversagen: Eine Chronologie gebrochener Versprechen
Im Zentrum dieses Beschaffungsdebakels steht ein kritisches technisches Versagen: das automatische Landesystem. Diese Komponente, die für den sicheren Betrieb der Drohnen in der komplexen Schweizer Alpenlandschaft unerlässlich ist, ist zur Achillesferse des Projekts geworden. Elbit Systems hat nicht nur eine Frist verpasst, sondern ist wiederholt gescheitert und hat drei separate, wichtige Meilensteine nicht erreicht.
Die Chronologie des Scheiterns ist belastend. Die Lieferung des Systems war ursprünglich für September vorgesehen. Als dieser Termin ohne Ergebnis verstrich, gewährte das VBS eine Verlängerung bis Januar. Auch diese Frist verstrich ergebnislos. Als letzter Versuch, den Zeitplan zu retten, wurde der 30. September als «letzte Chance» festgelegt. Wieder lieferte Elbit nicht. «Auch diese beiden Meilensteine wurden nicht erreicht», sagte Loher unverblümt. Dieses Muster ausbleibender Lieferungen deutet auf tiefgreifende technische oder logistische Probleme innerhalb des Programms hin. Für ein Schweizer Militär, das auf Präzision und Zuverlässigkeit stolz ist, ist es strategisch nicht mehr vertretbar, sich auf einen Partner zu verlassen, der einen bereits dreimal verlängerten Zeitplan nicht einhalten kann. Ohne das Landesystem bleibt die gesamte Drohnenflotte faktisch am Boden. Damit wird eine Investition in Millionenhöhe zu einer teuren Ausstellung unbeweglicher Geräte.
Rechtsstreit: Die möglichen Folgen im Blick
Einen Rüstungsvertrag dieser Grössenordnung zu kündigen, bedeutet nie einen sauberen Bruch, sondern kommt einer Kriegserklärung vor Gericht gleich. Urs Loher macht sich keine Illusionen über das Chaos, das entstehen wird, wenn der Stecker gezogen wird. Er warnte ausdrücklich, Elbit werde «sicherlich mit Gegenforderungen kommen», womit sich eine folgenschwere internationale Rechtsstreitigkeit abzeichnet. Die Schweizer Regierung wägt nun die Kosten einer nicht einsatzfähigen Drohnenflotte gegen jene eines langwierigen Gerichtsverfahrens ab.
Der Ausgang eines solchen Streits ist alarmierend ungewiss. Zwar verfügt das VBS über klare Belege für verpasste Fristen, doch internationale Beschaffungsverträge sind bekanntermassen komplex und enthalten oft Klauseln, die ein Schiedsverfahren über Jahre in die Länge ziehen können. Das Geld der Steuerzahlenden ist nun erheblich gefährdet. Entscheidet sich die Schweiz für einen Abbruch, drohen nicht nur der Verlust der bereits in das Projekt investierten Mittel, sondern auch hohe Anwaltskosten und Schadenersatzforderungen. Die Regierung steckt damit zwischen Baum und Borke: Sie kann weiterhin auf ein System warten, das vielleicht nie funktionieren wird, oder sich auf einen Rechtsstreit einlassen, der die Beschaffungsgelder auf absehbare Zeit blockieren könnte. Es ist ein riskantes Spiel, bei dem Reibungen die einzige Gewissheit sind.
Strategische Lücke: Folgen für die Verteidigung
Abgesehen vom rechtlichen und bürokratischen Albtraum hinterliesse ein möglicher Abbruch eine klaffende Lücke in der Schweizer Verteidigungsarchitektur. Moderne Kriegsführung und Grenzsicherheit werden zunehmend durch Fähigkeiten zur Überwachung aus der Luft geprägt. Mit dem Kauf der Drohnen sollte die Aufklärungskapazität der Schweizer Armee modernisiert und Echtzeitdaten bereitgestellt werden, die für die Überwachung der Landesgrenzen und kritischer Infrastruktur entscheidend sind. Wird das Programm gestoppt, steht die Schweizer Armee wieder am Anfang.
Die Verzögerung schafft eine gefährliche Fähigkeitslücke. Während die Nachbarländer ihre unbemannten Luftfahrtsysteme rasch weiterentwickeln, droht die Schweiz wegen ihrer Beschaffungslähmung zurückzufallen. Der «letzte Tropfen», auf den sich Loher bezieht, betrifft nicht nur einen Vertrag, sondern auch die Bereitschaft zur Wahrung der nationalen Sicherheit. Ein Abbruch des Elbit-Geschäfts würde ein neues Ausschreibungsverfahren erfordern und den Zeitplan wahrscheinlich um Jahre verlängern, bevor eine brauchbare Alternative am Schweizer Himmel eingesetzt werden könnte. Während das VBS über das weitere Vorgehen berät, wächst der Druck, eine Lösung zu finden, die sicherstellt, dass das Schweizer Militär in einer Zeit, in der die Lufthoheit entscheidend ist, nicht blind dasteht.